Fossilien aus der Vulkanasche für das Weimarer Senckenberg-Institut

Weimar.  Zeugen des Eiszeitalters: Das Weimarer Senckenberg-Institut erhält eine wertvolle Privatsammlung aus der Eifel.

Der Sammler Claus Fries ist in seinem Eigenheim in der Eifel wie in einem Naturkundemuseum von Fossilien umgeben. In der Hand hält er einen 8000 Jahre alten Wolfsschädel.

Der Sammler Claus Fries ist in seinem Eigenheim in der Eifel wie in einem Naturkundemuseum von Fossilien umgeben. In der Hand hält er einen 8000 Jahre alten Wolfsschädel.

Foto: Frank Kienast / Senckenberg Weimar

Wissenschaftlich kostbare Fossilien aus dem Eiszeitalter hat die Weimarer Senckenberg-Forschungsstation für Quartärpaläontologie jetzt von einem rheinland-pfälzischen Privatsammler als Schenkung übernommen. Die 451 handverlesenen Präparate von Tier- und Pflanzenresten stammen zum überwiegenden Teil aus der Vulkanasche der Eifel und datieren zwischen 400.000 und 8000 Jahren vor heute. Sie bereichern die rund 86.000 Stücke umfassenden Weimarer Sammlungen und helfen den Forschern dabei, die Lebensräume des Eiszeitalters samt ihrer Ökologie zu rekonstruieren – von 2,6 Millionen Jahren vor heute bis zum Ende der letzten Eiszeit.

„Die Funde befinden sich in gut präpariertem Zustand und sind vorzüglich dokumentiert“, erklärt Professor Ralf-Dietrich Kahlke, Leiter der Weimarer Einrichtung. „Das macht sie für unsere Arbeit so wertvoll.“ Kahlke ist selbst nach Kottenheim gefahren, um den Sammler Claus Friis zu besuchen. Der 72-jährige Landschaftsgärtner im Ruhestand hat zeitlebens Fossilien gesammelt – mit äußerstem Eifer und behördlicher Erlaubnis. Schließlich handelt es sich bei jedem Fundobjekt um ein Bodendenkmal. „Ein ganzes Eigenheim wie ein Museum“, schmunzelnd Kahlke voller Anerkennung.

Die Schenkung hat der rheinland-pfälzische Landesarchäologe Axel von Berg vermittelt; den Transfer nach Thüringen musste seine Dienststelle, die Generaldirektion Kulturelles Erbe, schriftlich genehmigen. Für Friis, der seine guten Stücke nun im Dienst der Wissenschaft weiß, bedeutet die Übergabe eine Art Vermächtnis, denn sie werden in den Weimarer Depots unter seinem Namen inventarisiert. Den größeren Teil seiner Sammlung, die aus dem Erdzeitalter des Devon datiert, wird er wohl dem Mainzer Naturkundemuseum hinterlassen – „aber erst nach meinem Tod“, verriet er unserer Zeitung.

Besonderer Knackpunkt für den erfahrenen Paläontologen Kahlke ist es, dass die meisten Funde im Zusammenhang mit Vulkanasche stehen, deshalb präzise datierbar sind und als Referenzobjekte für andere Funde aus Mitteleuropa dienen. Die Eifel war in Vorzeiten ein vulkanischer Hotspot; die kreisrunden Maare, die wir heute als Ausflugsziele ansehen, sind nichts als wassergefüllte Krater. „Vulkanasche aus pyroklastischen Strömen hat die Reste von Tieren und Pflanzen – mitunter bis in Mikrostrukturen – konserviert“, erläutert Kahlke. „Die finden sich auch in Sedimentschichten in weitem Umkreis.“ Den „Tuff-Regen“ haben die mächtigen Vulkane sogar bis nach Skandinavien gespien. Somit lassen sich Zeithorizonte auch außerhalb der Eifelregion gut korrelieren.

Vor 13.000 Jahren hinterließ ein Birkhuhn seine Fährte

Kahlke zählt einige der schönsten Exemplare der Sammlung Friis auf. Als sensationell klassifiziert der Fachmann Fährtenspuren von Birkhühnern, Bären und Rehen, die vor 13.000 Jahren in der frischen Asche erhalten blieben. Aus dieser Zeit stammen auch Abdrücke mit verkohlten Resten von Weiden und Silberpappeln vom Laacher See. Weit älter sind Fossilien vom Murmeltieren, Fellnashörnern und -mammuten als Belege einer kühlzeitlichen Fauna vor 200.000 Jahren. Aus dem Riedener Kessel stammen wiederum Buchsbaum-, Weißtannen-, Sauerampfer- und Bärentrauben-Fossilien – 400.000 Jahre vor heute.

„Wir haben bisher im Institut vor allem älteres Material“, sagt Professor Kahlke, „und sind ganz froh, dass wir jüngeres hinzubekommen haben.“ Die Fossilien in den Weimarer Depots stammen überwiegend aus der Nordhemisphäre der Erde; einen erklecklichen Teil der Funde hat sein Spezialisten-Team aus dem Thüringer Boden geborgen. Dabei darf man keineswegs glauben, während des Eiszeitalters sei es immerfort frostig gewesen, sondern in den zurückliegenden 2,6 Millionen Jahre gab es etwa 50 Zyklen mit kalten und wärmeren Phasen.

Flusspferde aus der Urwerra liegen längst im Depot

Vor etwa einer Million Jahre badeten sogar Flusspferde in der Urwerra, Hyänen und Großkatzen kamen zur Tränke. Aus Kaltzeiten hingegen stammen Mammute und Fellnashörner. „Wir sind eigentlich Umweltforscher“, sagt Kahlke. „Unser Ziel ist es, die ökologischen Entwicklungen in dieser Zeitspanne, die unmittelbar vor unserer Zeit liegt, anhand der Fossilien nachzuvollziehen.“ Dabei gilt prinzipiell der Mechanismus, dass sich bei Klimaänderungen erst die Flora wandelt und alsbald auch die Fauna: Tierarten wandern ab, passen sich an oder sterben aus – wie hierzulande die wärmeliebenden Südelefanten und Wasserbüffel oder aber die kälterobusten Mammute.

„In dieses Bild fügt sich der frische Sammlungszuwachs als wichtiger Mosaikstein ein“, erklärt Kahlke. Drei Tage hat sein Team gebraucht, um die Friisschen Fossilien in wattierte Euroboxen zu verpacken und mit zwei Lieferwagen nach Weimar zu überführen. „Aber jetzt“, sagt Kahlke, „fängt die eigentliche Arbeit erst an.“