Theater Rudolstadt: Früher ist noch gar nicht lange her

Rudolstadt.  Uraufführung für Corona-Stück „Ellenbogen. Ellenbogen“ aus der Feder von Steffen Mensching und Michael Kliefert.

Johannes Arpe, Anne Kies und Benjamin Petschke zur Uraufführung von  „Ellenbogen. Ellenbogen – ein Stück Gegenwart“.

Johannes Arpe, Anne Kies und Benjamin Petschke zur Uraufführung von „Ellenbogen. Ellenbogen – ein Stück Gegenwart“.

Foto: ANKE NEUGEBAUER

Ein Stück über Corona auf die Theaterbühne zu bringen, ist wahrlich nicht einfach. Zu festgefahren die Meinung einiger, die sich und die Fakten nicht hinterfragen wollen. Manch einer längst überdrüssig des Themas, das seit März nicht nur unser Leben auf den Kopf stellt, sondern auch die Medien beherrscht. Allerdings sind Theater und deren Autoren dafür prädestiniert, sich auch mit Gegenwart auseinander zu setzen und obendrein in der vorteilhaften Situationen, alle Möglichkeiten und Kunstgriffe auszuschöpfen, die Theater eben bietet.

In Rudolstadt haben Intendant Steffen Mensching und Chefdramaturg Michael Kliefert nun mit „Ellenbogen, Ellenbogen“ ein eigenes Corona-Stück auf die Bühne gebracht, das am Samstag im Stadthaus vor jeweils 75 Zuschauern doppelte Uraufführung feierte.

Nunmehr neunte gemeinsame Arbeit

Seit Amtsantritt der beiden 2008 als Theaterleitung in Rudolstadt ist diese Arbeit ihre nunmehr neunte gemeinsame. Und diesmal hat sich das Autor- und Regieteam Mensching/Kliefert des genialen Kunstgriffs bedient, jene Fragen und Erklärungsversuche zur aktuellen Pandemie Kindern in den Mund zulegen.

Johannes Arpe, Verena Blankenburg, Jochen Ganser, Philipp Haase, Anne Kies, Marcus Ostberg, Benjamin Petschke, Markus Seidensticker und Manuela Stüßer spielen neun Kinder, die von zu Hause ausreißen und eine Nacht lang versuchen, ihr fragiles Weltbild neu zu ordnen. Zwischen 600 Blatt Klopapier, einer Tüte Mehl und Zucker, einem Sack Kartoffeln, Desinfektionsmittel und einem Handy – alles etwas größer proportioniert – (Kostüm- und Bühnenbild von Monika Maria Cleres), wird es anderthalb Stunde humorvoll-nachdenklich und mitunter philosophisch.

Ganz wundervoll ist dabei die Kinderlogik

Die Großen, die selbst zugeben, dass sie die Welt nicht mehr verstehen, die den Schlafanzug nicht mehr ausziehen und Weißwein verstecken, sind Thema, ebenso wie ganz grundsätzliche Fragen, was beispielsweise bei einer Impfung passiert und ob Popeln nicht den gleichen Effekt erzielt. Ganz wundervoll ist dabei ihre Kinderlogik: Wenn man im Alter eh alles vergisst, ist doch Schule irgendwie sinnlos und dient offenbar nur dazu, die Lehrer zu beschäftigen.

Obwohl mittlerweile selbst die Kleinsten sich nach ganz simplen Dingen zurücksehnen, nach jenem „Früher“, das noch gar nicht so lange her ist: „Ich will wieder in die Scheiß-Schule zurück.“ „Ich will Achterbahn fahren.“ „Ich will Einzelkind bleiben.“

Wie verwirrend die Zeit für Kinder sein muss

Eines ist jedenfalls allen klar, nämlich dass es so nicht weitergehen kann. In Kurzszenen führen die Autoren vor Augen, wie verwirrend jene Zeit für Kinder sein muss, in der plötzlich neue Verhaltensmuster eingefordert und andere über den Haufen geworfen werden, in der Misstrauen und Ungewissheit herrschen und eine Fülle an Theorien zur Herkunft des Virus’ existieren. Sie plappern Eltern und Medien nach, suchen nach Erklärungen, manchmal nicht einmal die Bedeutung der Worte erfassend: „Im Fernsehen sagt man, die Komponisten in China wollen, dass alle Menschen gleich sind.“

Mit „Ellenbogen. Ellenbogen“ ist in Stück entstanden, das Fragen aufwirft, aber nicht wertet, das nachdenklich macht, mit naiver Leichtigkeit auf eine Situation blickt, die derzeit die ganze Welt bedrückt.

Vorstellungen: 29. September, 15 und 18 Uhr; 4. Oktober, 15 Uhr; 16. Oktober, 19.30 Uhr.Karten an den Vorverkaufsstellen des Theaters, unter Telefon 03672/422766 oder www.theater-rudolstadt.de