Goethe, Marx und Wagenknecht auf Schloss Ettersburg

Ettersburg  Sahra Wagenknecht kennt „Faust“ und „Kapital“ in- und auswendig. In Ettersburg entfaltet sie mit den Autoren Gesellschaftskritik.

Sahra Wagenknecht am Mittwoch auf Schloss Ettersburg, im Gespräch mit dem Kulturhistoriker Manfred Osten.

Sahra Wagenknecht am Mittwoch auf Schloss Ettersburg, im Gespräch mit dem Kulturhistoriker Manfred Osten.

Foto: Maik Schuck

Im Foyer des Welterbe-Gebäudes Herdergymnasium, das Weimar aktuell als Rathaus-Provisorium dient, prangt eine sozialistische Fliesenmalerei. Darauf ist ein Walter-Ulbricht-Zitat von 1958 zu lesen: „Wenn ihr wissen wollt, wie der Weg vorwärts geht, dann lest Goethes ,Faust‘ und Marx’ ,Kommunistisches Manifest‘!“ Ulbricht verstand in seiner Rede, aus der das stammt, die DDR gleichsam als dritten Teil des „Faust“; worin insofern Ironie liegt, als es sich um eine Tragödie handelt.

Sahra Wagenknecht hat dieses Wandbild mindestens einmal, vor über einem Jahrzehnt, gesehen; der Berichterstatter kann’s bezeugen. Nur wenige Kilometer entfernt, auf Schloss Ettersburg, trat die Linke-Fraktionschefin im Bundestag nun am Mittwoch bei einem Gesprächsabend auf, der den Titel trug: „Goethe trifft Marx. Faust und das Zeitalter des Frühkapitalismus.“

Es lässt sich jedoch nicht sagen, sie hätte dort in jene Kerbe Ulbrichts gehauen, dessen Spätphase insbesondere sie oft und gern verteidigt hatte.

Wagenknecht, die den Weg in die Politik über Literatur und Philosophie gefunden hatte, und die ihren „Faust“ in- und auswendig kennt, sieht weder bei Goethe noch bei Marx Hinweise, wie der Weg vorwärts geht. Zwar nennt sie „Faust II“ ein „in vielen Teilen prophetisches Werk“, das Goethe „nicht für seine Zeit geschrieben“ haben kann.

„Geld als Fixpunkt allen Produzierens“

Das meint aber keineswegs eine Verheißung, sondern eine kritische Analyse der Zustände. Sahra Wagenknecht würde vielleicht sagen: Nicht, wenn ihr wissen wollt, wie eine künftige Gesellschaft aussieht, lest Goethe und Marx, aber dann, wenn ihr verstehen wollt, wie die unsrige heute funktioniert.

Ursprünglich sollte Sahra Wagenknecht Anfang Juni in Ettersburg mit dem Historiker Jörg Baberowski über 100 Jahre Oktoberrevolution diskutieren. Dann kam es aber zu einer Doppelbuchung im Wahlkampf; sie trat an nämlichem Abend schließlich mit Kapitalanlageberater Max Otte in Bad Wildungen auf.

Ein halbes Jahr später beleuchtete sie stattdessen im übervollen Gewehrsaal die Umwertung aller Werte durch das Geld als Ersatzreligion. Ihr Gesprächspartner, der Kulturhistoriker Manfred Osten, brachte das ein.

Zum Kernbegriff wurde die Selbstentfremdung: durch das „Geld als Fixpunkt allen Produzierens“ (Wagenknecht) und durch die technologische Beschleunigung. Das gelehrte Gespräch wies Marx als Goethe-Leser aus, den ein Mephisto-Zitat in Sachen Selbstentfremdung lange begleitete: „Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht die meine?“ Und Osten holte ein ökonomisch-philosophisches Marx-Zitat hervor: „Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst.“

Natürlich tauchte auch „Mephistos geniale Idee“ (Wagenknecht) auf, in der Kaiserpfalz das Papiergeld zu erfinden. Darauf sei dann 200 Jahre später auch der EZB-Chef Mario Draghi gekommen: Geld zu drucken, das nicht investiert, mit dem lediglich ein „Problem zugeschüttet“ wird.

Wagenknechts sehr unaufgeregte Betrachtung aller Zusammenhänge kam nie in Versuchung, die Referenzautoren zu Antikapitalisten umzudeuten. Vielmehr billigte sie ihnen zu, Licht und Schatten gesehen zu haben. So werde Faust zum Unternehmer, um die Gesellschaft reicher zu machen, was dann jedoch in einen brutalen expansiven Trieb umschlage. Und das Kommunistische Manifest sei im Übrigen ja durchaus „eine Eloge auf die produktiven Kapazitäten des Kapitalismus“ gewesen.

Fausts Zukunftsvision kennt man noch aus der Schule

Wagenknecht und Osten bewegten sich intellektuell und weltanschaulich auf einer Wellenlänge; ein Streitgespräch wurde das jedenfalls nicht. Dafür aber konnten beide aktuelle Bücher zum Thema vorweisen: Wagenknecht ihren neuen Interviewband „Über Goethe, die Macht und die Zukunft“, Osten seine Schrift „Goethe und das Glück“. An einer Stelle bat Osten, Wagenknecht möge Fausts Schlussmonolog vorlesen, obschon sie davon ausging, „dass alle, die in der DDR zur Schule gegangen sind, ihn kennen“. Das sei natürlich, sagte sie anschließend, nur „eine vage Vision, auf eine ganz, ganz ferne Welt gerichtet“.

Dass ein alter blinder Faust die Zukunftsvision („auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“) entfaltet, derweil Lemuren ihm das Grab schaufeln, begreift sie jedoch nicht als Ironie oder als Karikatur; Faust stirbt zwar, wird aber durch Liebe erlöst.

Doch ließe sich unironisch sagen, dass ein „Verweile doch, du bist so schön!“ Ende und Tod bedeutete. Denn zur Vision gehört ja auch: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“

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