Hilfspaket mit Zustellungsfehlern: Thüringer Festivals gehen leer aus

Erfurt.  Verlorene Einnahmen, politische Annahmen: Bislang wurden in Thüringen nur 2,5 Millionen Euro aus dem Sondervermögen Kultur bewilligt.

Das Rudolstadt-Festival, hier ein Bild von 2019, stand ausdrücklich im Corona-Hilfspaket. Aus der entsprechenden Richtlinie hingegen fällt es ausdrücklich raus.

Das Rudolstadt-Festival, hier ein Bild von 2019, stand ausdrücklich im Corona-Hilfspaket. Aus der entsprechenden Richtlinie hingegen fällt es ausdrücklich raus.

Foto: Foto: Sascha Fromm

Große Finanzpakete legten Bund und Land auf, um auch die Kultur- und Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise zu stützen. Das Geld fließt aber nur schleppend ab. Denn es gibt Regelungslücken dort, wo Politik auf Wirklichkeit trifft. Das Thüringer Sondervermögen zeigt das deutlich. Es umfasst fast dreißig Millionen Euro für Kultur, aufgeteilt auf acht Positionen. Nach zwei Antragsfristen sind davon laut Staatskanzlei aktuell gerade mal 2,5 Millionen Euro bewilligt worden. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Das Geld soll Einnahmeverluste ausgleichen. Nun gingen Theatern, Orchestern, Festivals, Museen, Kinos zwar Einnahmen aus Kartenverkäufen und Sponsoring verloren, nachdem sie teilweise komplett geschlossen waren (und wieder sind), teilweise aber auch deutlich weniger Publikum empfangen durften als üblich. Doch so einfach können sie das nicht geltend machen. Abrechnen können sie nur einen Fehlbedarf unterm Strich. Es müsste also schon die Insolvenz drohen.

Theater und Orchester gleichen Defizite über Kurzarbeit aus

Daran ist bei öffentlich geförderten Theatern und Orchestern nicht zu denken. Neun Millionen Euro hatte ihnen das Hilfspaket zugedacht. Keinen einzigen Cent haben sie benötigt: weil über Kurzarbeit Personalkosten gedeckt und so eigene Ausgaben deutlich reduziert wurden. Es muss 2020 also kein Defizit ausgeglichen werden, so die Staatskanzlei. Für 2021 rechne man indes mit über vier Millionen Euro Einnahmeausfällen bis Sommer.

Unübersichtlicher ist das Bild bei Festivals. Hier kommt es darauf an, wer sie veranstaltet. So fanden solche, hinter denen institutionell geförderte Theater stehen, in veränderter Form statt: ein „Domstufen Open Air“ in Erfurt, Galas auf Schloss Heringen anstatt der Schlossfestspiele Sondershausen, das Kunstfest Weimar. Sie hätten indirekt von verringerten Personalausgaben der Theater profitiert. Zudem flossen reguläre Fördermittel.

Die Kulturarena Jena oder das Rudolstadt-Festival hingegen, die 2020 ausfielen, sind in kommunaler Hand – und fallen deshalb durchs Raster. Dabei wurden sie im Papier von Rot-Rot-Grün und CDU ausdrücklich aufgeführt. Die entsprechende Richtlinie, eine von zweien für Kultur, in die die Gelder gegossen wurden, schließt sie aber ausdrücklich aus: Mehr als zehn Millionen Euro schwer, ist sie gemeinnützigen Trägern von Kinos, Festivals, Soziokultur und freien Theatern vorbehalten. Bei der Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung (GFAW), über die das läuft wurden 780.000 Euro beantragt.

Beim Rudolstadt-Festival klafft eine Lücke von 250.000 Euro

Die Staatskanzlei kennt das Problem und arbeitet an Lösungen. Das weiß auch Petra Rottschalk vom Rudolstadt-Festival, wo derzeit eine Lücke von 250.000 Euro klafft: Verluste eines ausgefallenen Festivals, dessen Vorbereitung dennoch Geld kostete. Insgesamt über 100.000 Euro hatte das Publikum zuvor gespendet, indem es zum Beispiel auf Rückerstattungen verzichtete.

Keine Chance bei der Kulturabteilung hat ein privatwirtschaftliches Festival wie „SonneMondSterne“ in Saalburg. Es muss sich ans Wirtschaftsministerium wenden, kommt dort bislang aber auch nicht an Geld ran. Ausfallabsicherungen galten dort zunächst nur Veranstaltungen bis 21. Juni, dann solchen, die unter Corona-Auflagen über die Bühne gingen (wir berichteten). Beides trifft auf SMS nicht zu.

Für private Festivalveranstalter, teilt nun Kulturstaatssekretärin Tina Beer (Linke) im fünften Corona-Brief an die Kulturszene mit, wolle das Wirtschaftsministerium „in Kürze ein Instrument schaffen, über das bestimmte Veranstaltungen zu bestimmten Konditionen abgesichert werden können“. Man stimme sich mit der Allianz der Thüringer Veranstaltungswirtschaft ab.

Hilfspaket für Profi- und Amateursport greift besser als das für Kultur

Zugleich will die Staatskanzlei ihre beiden Richtlinien ins nächste Jahr verlängern beziehungsweise durch eine Nachfolge-Richtlinie ersetzen.

Jonas Zipf und Carsten Müller fordern noch etwas anderes: „Es braucht ein Neustart-Programm auf Landesebene mit den übrig gebliebenen Mitteln!“ Zipf und Müller sind nicht nur Werkleiter und Vize bei „Jena-Kultur“. Der eine spricht als Präsident für den Kulturrat Thüringen, der andere für die Allianz der Veranstaltungswirtschaft. Und diese Bereiche wollen sich nicht auseinander dividieren lassen. Müller weist darauf hin, dass das Sondervermögen im Sport viel besser greife. Dort wurde mit dem Kultusministerium ein Paket ausgehandelt, dessen Geld im privatwirtschaftlichen Profisport ebenso ankomme wie bei Amateurvereinen.

„Wenn das Land für 2021 ein neues Sondervermögen beschließen sollte“, so Zipf, „dann bitte obendrauf!“ Die nicht ausgegebenen Millionen Euro für Kultur sollten in die Zukunftssicherung fließen, adäquat und ergänzend zum eine Milliarde schweren „Neustart Kultur“ des Bundes, der blinde Flecken hat.

So falle kommunal getragene oder geförderte Kultur durchs Raster, sagt Carsten Müller. Kommunen gingen in Haushaltssicherung oder Haushaltssperren, weil der staatliche Ausgleich für entgangene Gewerbesteuern nicht reicht. „Wir fürchten, dass wir Teile unserer Einrichtungen schließen und Leute entlassen müssen“, so Zipf. „Die Grundversorgung bricht uns weg.“

Der Kulturrat fordert von der Landesregierung auch „eine enge Verständigung zwischen den Ressorts Kultur und Wirtschaft im Sinne der Kreativ-, insbesondere der Veranstaltungswirtschaft“. Förderinstrumente für freie Träger und Solo-Selbstständige müssten dabei ausgebaut, geschärft, vereinfacht werden. Derzeit gebe es ein Kompetenzvakuum, so Zipf: „Wir werden dauernd zwischen Kultur und Wirtschaft hin und her geschickt.“

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