Kulturpodium in Weimar: Raus aus der Komfortzone!

Weimar.  Um neues Selbstverständnis und schwindende Selbstverständlichkeiten ging es an der Bauhaus-Uni. Um Rasenflächen im Ilmpark ging es auch.

Urbanistik-Student Lukas Lindemann, DNT-Chef Hasko Weber, Kulturmanagement Studentin Friederike Kempter und Präsidentin Ulrike Lorenz von der Klassik-Stiftung (von links) saßen auf dem Podium in der Bauhaus-Universität.

Urbanistik-Student Lukas Lindemann, DNT-Chef Hasko Weber, Kulturmanagement Studentin Friederike Kempter und Präsidentin Ulrike Lorenz von der Klassik-Stiftung (von links) saßen auf dem Podium in der Bauhaus-Universität.

Foto: Maik Schuck

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So schnell kann’s gehen – und man fällt aus dem Gedankengebäude abstrakter Visionen auf den konkreten Boden der Tatsachen, der eine Rasenfläche sein kann. Angetreten zu fragen, wie politisch Kultur in Weimar sei, landete ein offenes Podium an der Bauhaus-Universität mitten im Ilmpark, bei einem handfesten Interessenkonflikt in der Polis sozusagen.

Ulrike Lorenz paraphrasierte zunächst ihre Antrittsrede als Präsidentin der Klassik-Stiftung, die sich in ihrem Wirken per se politisch verstehe: „Weil sie groß ist.“ Sie sei, „zuerst und vor allem“, eine Vermittlungsinstitution, in der das Publikum künftig in die Mitte des Interesses rücke. Man müsse einer fragiler werdenden Gesellschaft geistig-kulturelle Orientierung bieten. Sowas halt.

Friederike Kempter, die an der Musikhochschule Kulturmanagement studiert, attestierte Lorenz und der Stiftung das richtige Selbstverständnis. „Aber der Dialog fehlt in vielerlei Hinsicht.“ Und Urbanistik-Student Lukas Lindemann fiel beim Verhältnis der Studenten zur Stiftung eben zuerst der Ilmpark ein.

Der ist, laut Parkordnung, ein geschütztes Gartendenkmal. Er ist in der Weimarer Hochschultopographie aber auch ein weitläufiger studentischer Vorgarten, in den man, aus der Alma Mater kommend, heraustritt. Doch wer den Rasen betritt, tut Verbotenes, jenseits ausgewiesener „Spiel- und Liegewiesen“.

Freiräume, Spielräume, Schutzräume: Ilmpark als Metapher

Frühere Studentengenerationen, so Medienprofessor Wolfgang Kissel als Moderator, wurden allenfalls von zur Rasenpflege einbestellten Schafen aus dem hohen Gras vertrieben. Heutzutage sind schnell Parkwächter zur Stelle.

Manch einem im Publikum erschien der Abend an dieser Stelle längst banalisiert worden zu sein. Doch nicht nur DNT-Intendant Hasko Weber konnte die Debatte „fast metaphorisch lesen“, etwa für schwindende kulturelle Freiräume, enger werdende Spielräume und notwendige Schutzräume, um die es ja auch und immer wieder ging.

Weber hält Kultur für per se politisch, sobald das Publikum als „eine ganz instabile Größe“ ins Spiel kommt. Sie sei für alle da. Und es kämen ja auch alle, heißt: der ganze Querschnitt der Bevölkerung. Insofern könne in Thüringen von Hochkultur gar keine Rede sein. Allerdings gehe in der Bevölkerung selber das Verständnis dafür verloren, „dass öffentlich finanzierte Kultur für sie da ist und nicht für sich selbst.“ Überkommene Klischees wie „Elfenbeinturm“ kehrten zurück.

DNT-Intendant: „Wir sind in der Defensive“

Scheinbare Selbstverständlichkeiten wie die Freiheit von Kunst und Wissenschaft müssten jetzt wieder argumentativ verteidigt werden, nicht nur gegenüber der Neuen Rechten. „Es ist die Hälfte der Gesellschaft“, spitzte Weber zu, „die ganz anders denkt“: die kein Interesse an Differenzierung, sondern eines an Vereinfachung und Verkürzung habe. „Wir sind in der Defensive.“ Aus der müsse man raus, mit klarer Haltung.

Ulrike Lorenz findet es auch nicht so schlecht, „dass Selbstverständlichkeiten durch Andersdenkende gestört werden.“ Das könne zur Stärkung der Demokratie beitragen: wenn sich die Kulturinstitutionen mit ihrem Rüstzeug „aus der Komfortzone“ begäben. „Das ist ein Lackmustest. Und das muss man jetzt nicht irgendwie beklagen.“

Lukas Lindemann aber wird bange, weil „Rechtsextreme oder solche, die dem nahestehen, Studenten bedrohen und unsere Arbeit einschränken.“ Ausländische Studenten würden angefeindet.

Von der Kultur als Kampffeld der Neuen Rechten war, aus dem Publikum heraus, auch die Rede. Am Ende hieß es, wenn man selber nichts tut, tut keiner was. Und: Der Austausch muss weitergehen.

Alles andere hieß wohl zu warten, bis einen die Schafe vertreiben.

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