„Ein Kleid ganz aus Schnee“: Märchenhafte Geschichten von Erfurter Autorin

Erfurt.  Die Erfurter Autorin Ingrid Annel hat unter dem Titel „Ein Kleid ganz aus Schnee“ ihre märchenhaften Geschichten versammelt.

Autorin und Dramaturgin Ingrid Annel (hier bei einem Auftritt in der Mühlhäuser Stadtbibliothek).

Autorin und Dramaturgin Ingrid Annel (hier bei einem Auftritt in der Mühlhäuser Stadtbibliothek).

Foto: Daniel Volkmann

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Der Prinz erkennt Dornröschen nicht. Er, der einst 20 Jahre zu früh zu ihr kam, wacht nun Jahrzehnte zu spät auf und steht vor der gealterten Dornrose. Als Erster hatte er das Mädchen hinter den Dornenhecken geküsst, aber nicht wachgeküsst; die einhundert Jahre waren noch nicht vorbei.

So war der nächste gekommen und hatte es geschafft. Er jedoch, vom Fluch getroffen, erstarrte, in seine Augen brannte sich das Bild des schlafenden Dornröschens ein, für die Ewigkeit. Und nach all den Jahren, in denen sich ihre Jugend in diesen starren Augen spiegelte, küsste Dornröschen, zur alten Frau geworden, den Prinzen wach…

„Dornrose“ bringt uns ein altbekanntes Märchen neu zurück. Die Geschichte zeigt, wie auch Märchenfiguren sich ihrem Schicksal fügen müssen. Wir begleiten Dornrose dabei, wie sie mit sich selbst und dem Leben zu ringen hat. Das verleiht ihr authentische Züge und lässt sie realistisch wirken. Und es scheint, als altere sie mit dem Leser mit, und er mit ihr: vom ersten Hören des Grimm-Märchens in Kindertagen bis heute. „Dornrose“ erschien vor 16 Jahren schon einmal, in Ingrid Annels Bändchen „Ein Kind, zwei Zwerge, drei Hühner“ in der Edition Muschelkalk. Das trug die gleiche Genre-Bezeichnung wie nun ihr aktuelles Buch: märchenhafte Geschichten. „Ein Kleid ganz aus Schnee“, herausgebracht von Siegfried Nuckes Verlag Tasten & Typen in Bad Tabarz, lässt in insgesamt 25 kurzen und längeren Geschichten unter anderem bekannte Märchenfiguren neu in Vergangenheit und Gegenwart blicken, sie hinterfragen, dabei altern.

Geschichten vom Geschichtenerzählen

So findet man die Ur-Ur-Urenkel von Hase und Igel nun beim gleichen und doch ganz anderen Wettstreit ihrer Ahnen wieder. An anderer Stelle wird enthüllt, dass Schneewittchen neun statt sieben Zwerge traf und warum das bis dato nicht erwähnt wurde. Oder wir erleben Menschen, die sich gegenseitig all ihren Besitz schenken, in der Hoffnung, ihnen würde so das gleiche Glück zuteil, wie dem „Sterntaler“-Mädchen. Und kann auch im 21. Jahrhundert aus dem Frosch noch ein Prinz werden?

Ingrid Annel aus Erfurt, freiberufliche Autorin schon seit 1988, hat solche wie auch einige ganz ureigene Geschichten hier zusammengestellt, die im Laufe der vergangenen 20 Jahre gewachsen waren. „Geschichten zu schreiben heißt, lebendig sein“, sagt sie. Mitunter sind es auch Geschichten vom Geschichtenerzählen.

Annel schreibt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Ihre Geschichten lässt sie aus Bildern in ihrem Kopf entstehen, wie sie selbst es beschreibt. Inzwischen entstanden zahlreiche Bücher aus ihrer Hand, rund um Märchen, Sagen sowie die Geschichte und Geschichten Thüringens. Märchen, vor allem die der Gebrüder Grimm, haben es ihr seit der Kindheit angetan. Bis heute erinnert sie sich, als einzige unter acht Geschwistern, noch an die drei blauen Bände mit den Illustrationen von Lea Grundig, „die ich allerdings nicht mag.“

Vor fünf Jahren erzählte sie selbst für den Grätz-Verlag „Die schönsten Märchenklassiker“ von Grimm, Andersen oder Bechstein neu, illustriert von Aurélie Blanz. „Das Buch läuft immer noch wie verrückt.“ Allerdings hatte sie damals nicht so gut verhandelt, sagt sie. Von jedem für knapp 30 Euro verkauften Buch erreichen sie sechzig Cent.

„Ein Kleid ganz aus Schnee“ hingegen sei etwas für Liebhaber und werde bestimmt kein großer Verkaufserfolg. „Das ist aber meins, absolut meins!“ Und wenn sie bei Lesungen daraus vorträgt, „möchten es die Leute anschließend gerne haben.“„Dornrose“ zum Beispiel liest sie Erwachsenen vor. Für Kinder sei das eher nichts. Denn darin spiegelt sich eine Eigenschaft, die sich Annel zuschreibt: „Ich bin Hause aus melancholisch.“ Und schüchtern angeblich auch, was man ihr nicht unbedingt anmerkt.

„Aber gebt mir eine Bühne und ich mache Quatsch“, ruft sie. Ihre Schüchternheit überwand sie demnach als Bücher-Clown, als der sie seit 1998 in eigenen Programmen auftritt.

Ingrid Annel ist selbst manchmal überrascht, wenn ihr Leser erzählen, welche ihrer Geschichten es ihnen besonders angetan haben. Beispielsweise die einer „Traumbrille“, die selbst weniger auf der Rechnung hatte. Ein Optiker fertigt einem Mann eine Brille, damit der seine Träume erkennen kann; im Gegenzug lässt er sich diese dann erzählen. „Der harte und schwere Stoff eines Romans“, wie sie selbst es formuliert, war bislang eigentlich nichts für sie. Mittlerweile aber wartet ein Jugend-Roman aus Ingrid Annels Feder auf Veröffentlichung.

Erzählt sie einige ihrer Geschichten, so hört man ihr unterdessen begeistert zu, um hinterher selbst in einem ihrer Bücher schwelgen zu können. „Ein Kleid ganz aus Schnee“ ist ein Familienbuch. Es gibt darin mal für Kinder, mal für Erwachsene und oft auch für beide Neueswie auch Bekanntes zu entdecken.

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