Achava-Festspiele holen Zeitzeugen per Livestream und beschränken sich auf zwei Konzerte

Weimar.  Martin Kranz setzt bei den Achava-Festspielen diesmal vor allem auf Bildungsangebote mit Zeitzeugen.

Zum Achava-Auftakt gibt es ein Konzert mit Sharon Brauner und Karsten Troyke im Erfurter Zughafen.

Zum Achava-Auftakt gibt es ein Konzert mit Sharon Brauner und Karsten Troyke im Erfurter Zughafen.

Foto: Andy Kazcé/Achava Festspiele

Martin Kranz will „in einer Zeit, in der es schwer ist, zeigen, dass es geht“. Was nicht geht, wird deutlich bei der Vorbereitung der Achava-Festspiele. Mal steht der Intendant vor einer geschlossenen Rathaustür: Hier geht offenbar seit Mitte März alles nur nach Voranmeldung und dann auch nur am Fenster, heißt es. Manche Räume bleiben ihm versperrt: In den Landtag kommt er mit dem Schülerbildungsprogramm diesmal nicht rein. Dennoch wird das Festival der Geschwisterlichkeit – das bedeutet Achava – Mitte September keine Rumpf-, Schrumpf- oder Notveranstaltung sein. Kranz hat das Programm, das im März längst feststand, coronabedingt „komplett neu gebaut“. Im Programmheft heißt es: „Wir freuen uns sehr, dass die Achava-Festspiele Thüringen das kulturelle Leben auch in Zeiten von Corona fortführen können. Wir wollen es.“ Seine erklärte Absicht: „Hoffnung und Perspektive geben.“

Die Zahl der Konzerte ist übersichtlich. „Zwei Uraufführungen, die wir vorhatten, sind derzeit nicht möglich.“ Der Aufwand wäre sehr groß – und die Zahl der Menschen, die hätten mit dabei sein können, wäre sehr klein gewesen. „Daher beschränken wir uns auf zwei Konzerte“, verweist Kranz auf den Auftakt mit Sharon Brauner und Karsten Troyke am Donnerstag, 10. September, und die Nerly Bigband im Zusammenspiel mit Syriab am Freitag, 11. September, jeweils um 19.30 Uhr im Erfurter Zughafen.

„Mir liegt die politische Bildungsarbeit sehr am Herzen, zumal es diese jetzt über viele Monate nicht mehr als Termine gab, bei denen sich Menschen begegnen“, sagt Kranz. Ein Schwerpunkt ist Eisenach, wo Achava bereits im vergangenen Jahr sehr gut angenommen wurde: Dort beginnt das Festival – weil so viele Programmpunkte zustande gekommen sind, bereits am Sonntag, 6. September. Sehr gefreut habe ihn, sagt Kranz, dass auch Arnstadt und Jena Interesse bekundet haben.

„Alf“ macht die Verbindung zu den Zeitzeugen möglich

Während in Arnstadt vor allem Schüler von Achava profitieren, gibt es in Jena eine starke Zusammenarbeit mit der Universität. „Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Buchenwald befreit. Wir übertragen das in die Städte“, hebt Kranz hervor. „Es stellt sich bei Erinnerung immer die Frage: Was hat das mit uns heute zu tun?“

Eine große Rolle spielen die Zeitzeugen. Nun können diese hochbetagten Menschen derzeit nicht reisen. Die Lösung ist eine technische: „Wir haben ein mobiles Fernsehstudio konzipiert. Wir nennen es Alf: Achava Live Forum. Wir holen die Zeitzeugen im Livestream zu uns“, so Kranz. Mit „Hört die Zeugen“ gibt es Diskurse an vielen Orten in Thüringen: Neben Weimar und Erfurt auch in Friedrichroda, Meuselwitz und Schleiz – und außerthüringisch im Saarbrücker Landtag. „Wir versuchen, das digitale Erlebnis der Begegnung immer zu kombinieren mit dem Live-Erlebnis“, macht er deutlich.

Von Festivals bleiben normalerweise nur Bilder oder Filmschnipsel. „Mir ist wichtig, dass es etwas darüber hinaus gibt“, sagt Kranz. Erweitert wird daher die Zeugen-Ausstellung in Weimar im öffentlichen Raum. Zudem wird das Vorhaben Paradiesbaum, das bereits im vergangenen Jahr in Israel seinen Anfang nahm, in Erfurt vollendet: Das Kunstwerk aus Stahl und Kupfer, acht Meter hoch, 60.000 Blätter, wird auf dem Petersberg seinen Platz finden: Dort ist im Jahr 2021 die Bundesgartenschau. „Der Baum soll ein Zeichen setzen für Verständigung und die Sehnsucht nach Frieden sein“, macht Kranz deutlich.

Das Festival wird sich in Weimar mit der Befreiung Buchenwalds vor 75 Jahren befassen

In Weimar wird sich Achava am Wochenende von Freitag, 11., bis Sonntag, 13. September, mit der Befreiung Buchenwalds vor 75 Jahren befassen. Zum Programm am Samstag, 12. September, gehört die Verhüllung des Rathauses, um es bildlich zum Tor von Buchenwald zu machen. „Das Foto stammt aus den Tagen nach der Befreiung und zeigt Häftlinge, wie sie aus dem Tor treten.“ Seine Intention: „Buchenwald mitten in die Stadt holen. Wir wollen uns auch klar machen, was das bedeutet, wenn Menschen heutzutage all das leugnen – oder sich schon wieder fast wie in der NS-Zeit wähnen.“

Am Sonntag, 13. September, beginnt – zusammen mit dem Kunstfest – um 11 Uhr vom Bahnhofsvorplatz aus der Gang nach Buchenwald. Acht Kilometer lang ist die Strecke. Im ehemaligen Konzentrationslager werden bisher eher unbekannte Orte vorgestellt, so die Fläche, auf der einst die repräsentative Reithalle des Lagerkommandanten stand. Es erklingt in Buchenwald komponierte Musik – und es ist ein Gespräch mit Überlebenden angekündigt. Um 18 Uhr wird an diesem Tag im Lichthauskino Weimar die Uraufführung des Dokumentarfilms „Langsames Diesseits“ beginnen, den Siegfried Ressel und Hannes Richter produziert haben.

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www.achava-festspiele.de