Burkhardt Schlothauer: „Inzwischen halte ich normale Musik nur schwer aus“

Gera.  Burkhardt Schlothauer, komponierender Stadtrat aus Gera, über den Reiz experimenteller Musik und seine Konzertreihe.

Burkhard Schlothauer (62) spielt Violine, Bratsche und hin und wieder Bass. Seine Musik wird im Ausland wie den USA deutlich mehr wahrgenommen als in Deutschland.

Burkhard Schlothauer (62) spielt Violine, Bratsche und hin und wieder Bass. Seine Musik wird im Ausland wie den USA deutlich mehr wahrgenommen als in Deutschland.

Foto: Ulrike Merkel

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Burkhard Schlothauer, grüner Stadtrat und Geschäftsführer des kulturellen Zentrums Häselburg, gründete in Gera die Musikerinitiative Open Music. Ein aktuelles Projekt ist die Konzertreihe „Abstract Music“, die, gefördert mit Bundesmitteln, experimentelle zeitgenössische Musik an verschiedenen Orten in Gera präsentiert. Bisher erklangen etwa Werke von Karlheinz Stockhausen und John Cage, aber auch Kompositionen von Schlothauer. Das fünfte Konzert am Sonntag, 19. Januar, stellt Stücke von Alvin Lucier vor. Wir sprachen darüber mit Burkhard Schlothauer.

Herr Schlothauer, zeitgenössische experimentelle Musik ist für viele Menschen schwer hörbar. Was macht den Reiz für Sie aus?

Als Musiker hat man die Entscheidung zu fällen, will man die Musik ausüben, um Geld zu verdienen oder um einen geistigen und seelischen Gewinn davon zu haben. Mir war Letzteres immer wichtiger. Ich kann zum Beispiel sehr gut Blues spielen, würde mich aber zu Tode langweilen, wenn ich 200-mal im Jahr Blues spielen müsste.

Aber warum haben Sie sich dieser schwer zugänglichen Musik zugewendet?

Der Horizont eines Musikers weitet sich ja ständig. Als Kind habe ich gern Mozart gehört. Irgendwann hat mir meine Patentante Mendelsohn geschenkt. Das klang erst einmal wie Krach für mich. Als ich begonnen habe, Musik zu studieren, habe ich systematisch Ausstellungen Bildender Kunst besucht. Damals wurde mir klar, dass sich die Musik wie die Kunst experimentell weiterentwickeln muss. Außerdem war mir relativ früh klar, dass ich ein schöpferischer Musiker sein will. All das hat mein Bild von Musik völlig verändert. Es ging plötzlich um ganz andere Dinge: um lange Töne und feine Klänge und nicht um C-Dur, F-Dur und die Kadenz. Inzwischen ist es so, dass ich normale Musik schwer aushalte.

Sie leiten das private Kulturzentrum Häselburg und sanieren gerade das Gebäude. Sie sind als freier Musiker tätig, sitzen im Stadtrat und sind Vater von halbwüchsigen Kindern. Wann finden Sie Zeit zu komponieren?

Meine Frau leistet da auch ganz viel. Ich komponiere nur dann, wenn sich damit eine Aufführungsmöglichkeit verbindet. Dann ziehe ich mich für zwei, drei Tage zurück. Die Herausforderung beim Komponieren ist vor allem, das Konzept zu finden.

Wie klingt Ihre Musik?

Sie ist sehr ruhig, eher flächig. Und es gibt viele Pausen. Es ist alles auf das Wesen von Melodie, Rhythmus und Harmonie reduziert. Wenn Rhythmus vorkommt, dann nur ganz elementar – als metrische Einzelschläge. Wenn Melodie vorkommt, dann als mikrotonale gleichmäßige Bewegung. Mein erstes Klavierstück „abtasten“ besteht zur Hälfte aus Pausen. Es gibt von Karlheinz Stockhausen ein Klavierwerk, in dem er sich damit beschäftigt, wie der Pianist die Finger von den Tasten abhebt. Das habe ich übernommen. Allerdings geht es in meiner Komposition um das Ausklingen. Es werden immer mehr Töne weggedämpft, und zum Schluss bleibt meist nur einer übrig. Und der klingt bis zum Ende. Solche Musik kann nur aus der Stille hervorgehen.

Richtet sich experimentelle Musik nicht eher an Musiker als ans Publikum? Ohne Vorbildung ist das ja nur schwer zu verstehen.

Deswegen moderiere ich die Konzerte der Reihe „Abstract Music“ auch. Ich sehe sie als Bildungsveranstaltungen. Aber ich habe auch schon oft erlebt, dass Leute, die keinerlei Ahnung haben, einen sinnlichen Zugang fanden.

Was erwartet die Zuschauer im bevorstehenden Konzert, das dem US-Amerikaner Alvin Lucier gewidmet ist?

Wir präsentieren ein Ensemblewerk und mehrere Solostücke von ihm. Lucier geht wie ein Physiker ans Komponieren. Normalerweise sollen die Saiten eines Instruments möglichst gleich schwingen. Wenn aber deren Klangwellen nicht genau übereinstimmen, entstehen kleine Schwebungen beziehungsweise Interferenzen. Unter anderem mit diesen Klangphänomenen macht Alvin Lucier Musik. Es wird auch ein Stück für Piano und Elektromagneten, sogenannte E-Bows, zu hören sein. Hierfür ist Reinhold Friedl, Spezialist für präparierte Klaviere, zu Gast. Er legt Magneten auf die Klaviersaiten, die dadurch zum Klingen gebracht werden. Gemeinsam mit Matthias von Hintzenstern spielen wir außerdem noch ein Improvisationsstück, dessen Konzept ich erarbeite.

Warum engagiert sich ein Komponist im Stadtrat?

Ich bin der Meinung, dass die Kultur in Gera eine stärkere Stimme braucht. Ich wurde da auch durch die ehemalige Oberbürgermeisterin Viola Hahn animiert, die ja Kultur für ganz unbedeutend erachtete. Mich interessiert aber auch das Thema Immobilien, das in Gera unterbelichtet ist. Die Stadt hat in der Vergangenheit Objekte zu billig verkauft, teilweise sogar verschleudert.

Konzert: Sonntag, 19. Januar, 11 Uhr, Bühne am Park Gera

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