Menuhins guter Geist: Stipendiaten spielen Benefiz-Matinee

Weimar.  Der Verein „Live Music Now“ organisiert Konzerte in Sozialeinrichtungen. Eine Herzenssache.

Ein Stipendiaten-Quintett Weimarer Musikhochschüler spielt das Benefiz-Konzert für den Verein Yehudi Menuhin Live Music Now: (v.l.n.r.) Stefan Zientek, Maike Brümmer, Lisabet Seibold und Eloy Medina sowie - nicht im Bild - Elisabeth Gebhardt.

Ein Stipendiaten-Quintett Weimarer Musikhochschüler spielt das Benefiz-Konzert für den Verein Yehudi Menuhin Live Music Now: (v.l.n.r.) Stefan Zientek, Maike Brümmer, Lisabet Seibold und Eloy Medina sowie - nicht im Bild - Elisabeth Gebhardt.

Foto: Wolfgang Hirsch

Rund 80 Konzerte mit jungen Musikern veranstaltet der Verein Yehudi Menuhin Live Music Now Weimar e.V. (LMN) alljährlich in sozialen Einrichtungen. Diesen Sonntag aber spielen fünf Stipendiaten zusammen mit dem Kölner Klavier-Professor Andreas Frölich eine Benefiz-Matinee in eigener Sache – der wichtigste Auftritt des Jahres. Denn der Erlös steckt die Spielräume ab, um Gutes zu tun: um vom Schicksal benachteiligten Menschen per Musik Seelenbalsam zu spenden.

Sie musizieren in Seniorenheimen, Hospizen und Behinderten-Förderzentren, in Lebenshilfe-Wohngruppen und -werkstätten, in Hospizen und auf Palliativstationen in Krankenhäusern und manchmal sogar in Gefängnissen. Eben überall dort, wo Menschen keinen Zugang mehr zu Live-Musik haben. All das ist mehr als ein Herzensanliegen und mit dem Terminus „Sozial-Engagement“ allzu vage beschrieben. Im Grunde ist es ein zutiefst menschlicher Ausdruck von Humanität, die unerschöpfliche Kraft der Musik so zu mobilisieren, dass sie nicht nur unter die Haut geht, sondern sogar therapeutisch wirken kann: für alte Menschen, für Gefangene, Obdachlose, Schwerkranke und Sterbende.

Jayne Obst, seit April 2017 LMN-Vorsitzende, schaut auf eine fast zehnjährige Arbeit zurück. Die Weimarer Musikwissenschaftlerin, die lange Zeit für den Verlag Boosey & Hawkes in Bonn arbeitete, zählt zu den Gründungsmitgliedern des Vereins anno 2010. „Initiator war natürlich George Alexander Albrecht“, erzählt sie. Albrecht, der Weimarer Dirigent und Nestor des Thüringer Musiklebens, hat Yehudi Menuhin (1916–1999), den Ideengeber der „Live Music Now“-Initiative, noch persönlich gekannt. Der jüdische Geiger war zeitlebens ein Brückenbauer kraft seiner Kunst und in seiner übersprudelnden Herzensgüte nicht übertrefflich. 20 LMN-Vereine bestehen inzwischen deutschlandweit und darüber hinaus ein europäisches Netzwerk.

Der „Deal“ scheint ganz einfach: Junge Nachwuchsmusiker verdienen sich ein kleines, leistungsbezogenes Stipendium mit solchen Konzerten; ihr helfender Einsatz hilft ihnen auch selbst, etwa zur Studienfinanzierung – eine klassische Win-Win-Situation. Die vom Verein ausgereichte Dotierung ist zwar relativ schmal und rangiert pro Auftritt etwa in der Höhe einer Handwerker-Arbeitsstunde. Aber darauf kommt es erst in zweiter Linie an. Gleichwohl betont Obst: „Der Verein lebt von Spenden und den Erlösen aus Benefiz-Auftritten.“ Mehr als ein Dutzend handverlesener Stipendiaten, die alle ein qualifiziertes Probespiel absolvieren müssen, kann man sich nicht leisten. 98 waren es seit 2010; sie haben mehr als 500 Konzerte in Weimar, Erfurt und Jena und im Weimarer Land gespielt.

Zum Beispiel Maike Brümmer. Die Bratschistin studiert im siebten Semester an der Weimarer Liszt-Hochschule und ging zuvor schon aufs Musikgymnasium auf Schloss Belvedere. „Ich kann mir ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen“, sagt die junge Frau. Klar, dass sie nur ein Berufsziel im Auge hat: als Profi-Musikerin zu arbeiten. Dass sie seit fünf Jahren für Live Music Now spielt, hat sie einem Tipp ihrer Lehrerin Ursula Dehler zu verdanken. Und dafür ist sie vollkommen entflammt: „Es ist in vielerlei Hinsicht eine richtig tolle Sache.“

Auftrittsmöglichkeit vor Publikum haben für junge Musiker generell eine essenzielle Bedeutung. Spielen sie aber in sozialen Einrichtungen, so ernten sie viel unmittelbareren, überschwänglich herzlicheren Dank als bei normalen, vom üblichen Konzertritual umrahmten Auftritten. „Das sind sehr intensive Erfahrungen“, berichtet Brümmer – und man merkt, dass solche Erlebnisse mit Worten kaum beschreibbar sind. Letztlich erfährt sie dabei auch eine tiefe Sinnstiftung für ihren künftigen Beruf.

Oder Eloy Medina. Der 19-jährige Cellist aus Venezuela lebt seit drei Jahren in Deutschland und spielt seit zwei Jahren neben Schule und Studium für den Verein. Natürlich brachte er aus Caracas eine Prägung durch das landesweite Sozialprojekt „El Sistema“ mit. Für ihn fällt das Geld zur Studienfinanzierung durchaus ins Gewicht; nebenbei jobbt er noch in der Hochschulbibliothek. Er erzählt, dass er nach einem Konzert in einer Schule für behinderte Kinder von den Zuhörern umarmt worden sei. Das macht ihn fast sprachlos. „Solche Situationen berühren einen schon sehr“, sagt er.

Im Benefizkonzert am Sonntag begleiten Brümmer, Medina und drei ihrer Weimarer Kommilitonen den Kölner Pianisten Andreas Frölich in einem Mozart-Piazolla-Programm. „Mehr als 20 Euro Eintritt kann man hierzulande nicht verlangen“, bemerkt die erfahrene Fundraiserin Jayne Obst. Aber Spenden sind herzlich willkommen.

Sonntag, 11 Uhr, DNT Weimar

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