„Play Bach!“ im Experimentallabor

Erfurt.  Thüringer Bachwochen warten 2020 mit famosen Stars auf und laden zum Spiel ein. Der Vorverkauf läuft

Der exzentrische US-Organist Cameron Carpenter - hier im Delphi-Kino zu Berlin - kommt mit seiner elektronischen Orgel nach Thüringen und spielt die Musik eines Pop-Stars: Bach.

Der exzentrische US-Organist Cameron Carpenter - hier im Delphi-Kino zu Berlin - kommt mit seiner elektronischen Orgel nach Thüringen und spielt die Musik eines Pop-Stars: Bach.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Mit 60 Konzerten in 17 Städten und Gemeinden wird es 2020 die größten Thüringer Bachwochen der zurückliegenden zwei Jahrzehnten geben. Das dreiwöchige Programm zur Osterzeit (3. bis 26. April) ist getrüffelt mit internationalen Stars der Alten Musik – angeführt von The English Concert unter der Leitung Harry Bickets, der in der Arnstädter Bachkirche die Johannespassion zur Eröffnung dirigiert. Geschäftsführer Christoph Drescher rechnet mit 20.000 Besuchern; etwa 40 Prozent kommen laut seinen Angaben von auswärts. Der Vorverkauf für das größte Musikfestival im Lande hat soeben begonnen.

Bach-Store öffnet schon im März

Eine daumengroße Spielzeugfigur des gebürtigen Eisenachers und späteren Thomaskantors, die seit kurzem auf dem Markt ist, stiftet diesmal das Motto „Play Bach!“ und wird bereits im Vorfeld des Festivals im „Bach Store“ in der Erfurter Innenstadt käuflich zu erwerben sein. Drescher übersetzt den Slogan bewusst doppeldeutig: „mit Bach spielen“ und „Bach spielen“. Damit meint er die stilistische Vielfalt in der Interpretation seiner Werke. Denn keineswegs legen die Bachwochen sich fest auf die akademisch reine Lehre einer heute vorherrschenden historisch informierten Aufführungspraxis, sondern man lässt gerne auch ältere, romantische Lesarten des Barock-Genies zu und öffnet das Feld für spielerische Experimente – bis hin zum Jazz. Manch ein Besucher wird sich bei „Play Bach“ auch an die populären Adaptionen Jacques Loussiers in den 1970er Jahren erinnern.

Irgendwie scheint der Plastik-Däumling auch die Festivalmacher zu ungewöhnlichen Ideen inspiriert zu haben. So nimmt der US-Pianist Evan Shinners vorab im Bach-Store (18.-29. März) Platz, um täglich zwischen 12 und 18 Uhr bei freiem Eintritt für Zuhörer das Bachspiel zu üben; nur die Abendkonzerte kosten dann Eintritt. In Weimar soll dann zum Festival die Himmelsburg als Virtual-Reality-Projektion wiedererstehen. Der Raum im Residenzschloss diente Bach als Uraufführungsort während dessen unseliger Anstellung am wettinischen Hofe und ging bei der Brandkatastrophe 1774 vollständig verloren. Nun könnte man zu Klängen des hiesigen Cantus Thuringia & Capella zumindest einen Eindruck davon gewinnen, wie das damals war. Der phänomenale russische Geiger und Counter Dmitry Sinkowsky singt und spielt Bach, der US-Cellist Steuart Picombe führt je drei Solo-Suiten im Jenaer Theaterhaus und im Erfurter Zughafen in halbszenischer Form auf. Als erster Stipendiat des neuen, dank Unterstützung der britischen Loubser-Foundation eingerichteten „Glenn Gould Bach Fellowships“ will der junge irische Pianist Peter Tuite sich um eine filmmusikalische Umsetzung der Goldberg-Variationen bemühen. Und die Kamea Dance Company tanzt eine Matthäuspassion als Vision anno 2727. All dies sind nur Beispiele aus dem Bachwochen-Experimentallabor.

Neues Ensemble WeimarBaroque feiert sein Thüringen-Debüt

Hans-Christoph Rademanns Gaechinger Cantorey, das Collegium 1704 mit Hana Blažiková, die Lautten Compagney Berlin und Amarcord, das Händelfestspielorchester Halle, Vox Luminis und German Brass zählen zu den renommierten Ensembles und Olivier Latry als Titularorganist von Notre-Dame de Paris, der Mandolinist Avi Avital, der Geiger Daniel Hope, der Tenor Christoph Prégardien, Multitalent Nora Fischer, der Orgel-Exzentriker Cameron Carpenter sowie der Lautenist Thomas Dunford als Artist in Residence zu den prominenten Solisten des Festivals. Hinzu treten heimische Ensembles, darunter erstmals die neu gegründete Formation WeimarBaroque.

Christoph Drescher weiß, er wird mit seinem kleinen Team nächstes Jahr hart an seine logistischen Grenzen stoßen. Aber spätestens, wenn vom Erfurter Bartholomäusturm ein Carillon-Konzert schallt, werden die Zuhörer denken wie Minister Benjamin Hoff (Linke), der mit 285.000 Euro nur noch gut ein Drittel des Budgets stiftet: „Wir sind total begeistert davon, was die Bachwochen auf die Beine stellen.“

Tickets/Infos unter Tel. 0361/37420 oder www.thueringer-bachwochen.de

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