„Persischstunden“: Der rettende falsche Zungenschlag

Weimar/Jena/Gera.  Der Film nach einer Vorlage von Wolfgang Kohlhaase erzählt eine kurios-perverse KZ-Geschichte. Donnerstag läuft er in Gera, Weimar und Jena an.

Der KZ-Häftling Reza (Nahuel Pérez Biscayart)) übersetzt deutsche Vokabeln ins vermeintliche Farsi, die der SS-Mann Koch (Lars Eidinger) eifrig paukt.

Der KZ-Häftling Reza (Nahuel Pérez Biscayart)) übersetzt deutsche Vokabeln ins vermeintliche Farsi, die der SS-Mann Koch (Lars Eidinger) eifrig paukt.

Foto: Alamode Film

Der Lkw biegt auf eine Waldlichtung ein, drei SS-Männer befehligen die Häftlinge von der Ladefläche, Schüsse gellen – ein Erschießungskommando. Nur ein Delinquent überlebt, denn er beteuert inständig, kein Jude zu sein. „Ich bin Perser“, fleht Gilles in Todesangst. Und hat Glück: Ein Perser wird zufällig gerade gebraucht. Seine latente Todesangst wird die Zuschauer in dem Film „Persischstunden“ die folgenden 120 Minuten begleiten, das Glück kommt erst ganz am Ende. Heute läuft der durchaus sehenswerte Streifen von Vadim Perelman in unseren Kinos an – auch in Jena, Weimar und Gera.

Es ist eine perverse Geschichte, so pervers, wie sie nur das wirkliche Leben schreibt – und der Autor und frühere Defa-Protagonist Wolfgang Kohlhaase (89), der es wirklich kennt. Er lieferte mit „Die Erfindung einer Sprache“ allerdings nur die literarische Vorlage zu den „Persischstunden“, das Drehbuch stammt von Ilya Zofin. Vielleicht hätte Kohlhaase an seiner Stelle die etwas behäbig mäandernde Dramaturgie zu vermeiden gewusst; trotzdem: Langweilig wird das konventionell gedrehte Leinwand-Epos nie. Es zeigt in einer letztlich geschönten Realistik das Grauen im Konzentrationslager und entfaltet mitunter kammerspielhafte Atmosphäre.

Ein falsches Buchenwald-Zitat

Frankreich 1942. Gilles (Nahuel Pérez Biscayart) beharrt, um zu überleben, auf seiner Notlüge und sieht sich plötzlich in der höchstbrisanten Lage, dass er als KZ-Insasse den Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) die persische Sprache – also Farsi – lehren soll. Denn Reza, wie Gilles sich jetzt nennt, spricht selber kein einziges Wort dieses Zungenschlags. Also erfindet er falsche Vokabeln, die er zugleich blitzschnell selbst lernen muss, um mit dem SS-Mann in diesem Fantasie-Esperanto zu parlieren. Als Häftling genießt er nun Privilegien, hat das Lagerregister zu führen, und die Namen der todgeweihten Schicksalsgefährten dienen ihm als Merkhilfen fürs falsche Farsi-Vokabular.

Obwohl die Produktion sich auf die Grundlage wahrer Begebenheiten beruft, geht sie mit historischen Fakten etwas nachlässig um. Zum Beispiel prangt als Lagerspruch „Jedem das Seine“ überm Eingangstor; den gab es allerdings nur in Buchenwald nahe Weimar. Der scharfe Kommandoton, willkürliche Schikanen, die allgegenwärtige Todesbedrohung: Das muss als fiktionale KZ-Skizze genügen. Das Personal neben Biscayart und Eidinger wird nur blass ausgedeutet, Nebenstränge der Handlung – etwa wie die SS-Männerwelt den wenigen Helferinnen erotisch nachstellt – laufen ins Leere. Stark fällt jedoch das „Duell“ Reza kontra Koch aus. Je mehr der eine des anderen Vertrauen erobert, desto mehr Widerspruch leistet er sich. Sagt Koch: „Nach dem Krieg will ich nach Teheran. Ich will dort ein deutsches Restaurant eröffnen.“ Antwortet Reza: „Im Iran isst man kein Schwein.“ Immer mehr fraternisiert Koch, dieser Prototyp eines kultivierten Schweinecharakters, mit seinem Opfer. Er wettet sogar mit ihm um 20 Dosen Fleisch, dass Reza überleben werde. Der entgegnet: „Schade, dass ich die nicht mehr essen kann, wenn ich tot bin.“

Rezas humanistischer Furor

Auf dem Höhepunkt, als die Front näher rückt und Koch, der Reza aus der Todesmarsch-Kolonne rettet, sich verächtlich über all die namenlosen Opfer macht, bricht ein humanistischer Furor sich bei Reza Bahn. „Sie sind nur namenlos, weil du ihre Namen nicht kennst“, schimpft er. „Aber sie sind kein bisschen schlechter als du. Wenigstens sind sie keine Mörder.“ Die mutige Frechheit bleibt ungesühnt, weil Koch bereits die eigene Fahnenflucht plant. Unangenehm nur, dass Eidinger den innerlich unsicheren Despoten – oft janusköpfig im Seitenlicht – wirkungsvoller und nuancenreicher spielt als Biscayart den verschlossenen, stets ängstlichen Reza, dessen Miene immer leerer wird angesichts des alltäglichen Grauens.

Am Ende hat der Film gleich zwei vom falschen Farsi beseelte Pointen parat: Die eine – köstlich-kuriose – am Flughafen in Teheran, die andere – erleichternd-melancholische – nach Befreiung des Lagers.

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„Persischstunden“ läuft heute im Metropol Gera, im Schillerhof Jena und im Lichthaus Weimar an.