Museum Mühlhausen zeigt rätselhafte Funde aus der Antike

Mühlhausen.  Das Kulturhistorische Museum Mühlhausen zeigt „Roms verlorene Provinz“. Am Sonntag öffnet die große Antikenschau ihre Pforten.

Kurator Thomas Schierl simuliert am Eingang zur Ausstellung den Gebrauch eines römischen Kurzschwerts, eines sogenannten Gladius.

Kurator Thomas Schierl simuliert am Eingang zur Ausstellung den Gebrauch eines römischen Kurzschwerts, eines sogenannten Gladius.

Foto: Wolfgang Hirsch

Der Limes in der Antike war kein hermetischer Eiserner Vorhang, sondern durchlässig für recht steten Handel und Wandel zwischen dem „zivilisierten“ römischen Weltreich und dem „wilden“ Germanien. Zudem wissen wir von militärischen Expeditionen diesseits und Raubzügen jenseits der Grenze. Davon erzählt nun die große archäologische Ausstellung „Roms verlorene Provinz“ im Kulturhistorischen Museum Mühlhausen, die diesen Sonntag eröffnet wird.

300 Exponate vorwiegend antik-römischer Herkunft haben Kurator Thomas Schierl und sein Team zusammengetragen; es mag verblüffen, aber die archäologischen Funde stammen tatsächlich aus thüringischem Boden. Und einige davon geben Rätsel auf, weil sie sich schwerlich als Handelsware oder Raubgut erklären lassen.

Ein römischer Reisewagenim Thüringer Becken?

Zum Beispiel der metallene Adlerkopf, der im dritten Jahrhundert nach Christi Geburt als Schmuckaufsatz eines römischen Reisewagens gedient haben muss. Nur eine Trophäe? Oder sollte tatsächlich ein solches Vehikel bis in die Gegend des heutigen Gotha vorgedrungen sein? Der Mühlhäuser Archäologe Wulf Walther hat das etwa daumengroße Prachtstück erst vor vier Wochen von einem Acker bei Sonneborn geborgen.

Oder die zahlreichen römischen Schuhnägel aus Reiser an der Unstrut, die wir erst seit zwei Jahren kennen. „Die gehörten eindeutig zu römischen Legionärsfüßen“, bemerkt Museumsdirektor Thomas T. Müller. Germanen trugen keine Sandalen mit solchen Beschlägen. Andererseits sind römische Bauten – Kastelle oder andere befestigte Anlagen – in der Gegend nicht nachweislich. Es könnte sich also um Relikte einer römischen Militärexpedition nach Germanien – ähnlich der des Varus – zu augusteischer Zeit handeln, von Geiseln oder Gefangenen. „Unser Problem ist: Die Germanen haben’s nicht aufgeschrieben“, sagt Müller.

Alle zeitgenössischen Schriftquellen über die Germanen, die wir heute eher als keltisch identifizieren, stammen von ihren römischen Gegnern – von Tacitus & Co. – und dienten natürlich der Propaganda. Archäologische Funde gelten dagegen als unbestechlich, bedürfen allerdings der Interpretation. Statt mit unumstößlichen Wahrheiten können die Fachleute da oft nur mit Wahrscheinlichkeiten aufwarten. Trotzdem stellt sich das Bild der römisch-germanischen Beziehungen heute als weitaus facettenreicher dar, als die lange Zeit landläufige Meinung, mit der „Schlacht im Teutoburger Wald“ sei im Jahre 9 n. Chr. alles vorbei gewesen.

Des Kaisers Standbildgrüßt als Gips-Nachbildung

Nach dem Immensum Bellum, dem Großen Krieg, und der Varus-Schlacht, die sich vermutlich bei Kalkriese abspielte, hat das Römer-Imperium um Christi Geburt seine akuten Eroberungsgelüste aufgegeben. Eine Provinz Germanien war in weite Ferne gerückt. So grüßt Kaiser Augustus als Gips-Replikat eines Standbilds zwar am Eingang der Mühlhäuser Schau, einen festen Fuß haben seine Feldherren hier jedoch nie auf die Erde gekriegt. Gleichwohl ging man diesseits und jenseits des Limes miteinander um; Germanen verdingten sich der Weltmacht als Söldner, man trieb Handel, und man raubte und plünderte auch. All dies hat römische Spuren im Hinterland des an die Rhein-Donau-Linie zurückgenommenen Limes erzeugt.

Prächtig ist der römische Münzfund aus dem vorigen Jahr bei Ammern; er brachte 42 Silberlinge zu Tage. Als Kopien werden daneben 20 byzantinische Goldmünzen schon aus der Völkerwanderungszeit gezeigt. Den Fund aus der Gegend von Großbodungen bereichert zudem Hacksilber aus verzierten Silbergefäßen. „Das sind Ehrengeschenke an jemanden, der engen Kontakt zum Kaiser hatte“, vermutet Thomas T. Müller. Auch diese Stücke geben noch Rätsel auf.

Aufbereitet haben Thomas Schierl und sein Team die Ausstellung mit Fotos experimentell nachgestellter Szenen, um das Leben von Römern und Germanen in der Antike anschaulich zu machen. Da weht ein Hauch von Hollywoods „Gladiator“ durchs Mühlhäuser Museum. Die Schau in dieser Inszenierung hat etwa 25.000 Euro gekostet. Gut die Hälfte davon trug der Freundeskreis des Museums, den Rest die Staatskanzlei.

Bis 26. September 2021. Di-So10-17 Uhr, Eröffnung: Sonntag, 16 Uhr. www.mhl-museen.de