Film über verratene Geraer Flugblatt-Aktion

Gera/Köln.  Eine Ostthüringer Filmemacherin zeigt ihre außergewöhnliche Dokumentation im Metropol-Kino Gera.

Szene aus dem Film „Solange Sie noch Arme haben" der Geraerin Luisa Bäde. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat dem 90-Minüter soeben das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen.

Szene aus dem Film „Solange Sie noch Arme haben" der Geraerin Luisa Bäde. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat dem 90-Minüter soeben das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen.

Foto: Jule Katinka Cramer & Hannah Platzer

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In den 1980er-Jahren verteilen der Puppenspieler Frank Karbstein und drei Mitstreiter in Gera Flugblätter, die sich gegen das Wettrüsten zwischen Ost und West richten. Wenige Monate später wird das Quartett verhaftet, von der DDR-Staatssicherheit endlos verhört und schließlich verurteilt . . .

Den Ereignissen von damals spürt die junge Geraer Filmemacherin Luisa Bäde in ihrem außergewöhnlichen Film „Solange Sie noch Arme haben“ nach, einer Mischung aus Dokumentation und Puppenspiel. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat dem 90-Minüter soeben das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen.

Luisa Bäde lässt den einstigen Puppenspieler Frank Karbstein darin erzählen, reflektieren und einzelne Szenen mit Puppentheaterfiguren nachstellen. Die Stasi-Puppen beispielsweise haben anstelle des Kopfes ein riesiges Auge, mit dem sie alles zu durchdringen scheinen.

Die 31 Jahre alte Regisseurin setzt während der siebentägigen Dreharbeiten im Herbst 2016 konsequent auf Improvisation und Authentizität. Nicht mal die Puppen durfte ihr Protagonist im Vorfeld sehen. Karbsteins Erinnerungen ergänzt sie mit O-Ton-Material, das in Interviews mit weiteren Zeitzeugen entstand. So entsteht ein umfassendes Bild der Ereignisse.

Kennengelernt haben sich Luisa Bäde und der heutige Medienpädagoge einst im Offenen Kanal Gera. Als Teenager war sie Teil einer Redaktionsgruppe des Senders. Erst Jahre später trifft sie Karbstein für ein studentisches Filmprojekt über die ostdeutsche Wendegeneration wieder.

„Seine Biografie hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt Luisa Bäde. „Mich hat fasziniert, dass er trotz Stasi-Haft seine Freiheit im Denken behalten hat.“ Und so verordnet Bäde ihrem Wende-Projekt eine Pause und wendet sich Karbsteins verratener Flugblatt-Aktion zu.

Filmproduktion mit Unterstützung von Studenten

Die Low-Budget-Produktion entsteht mit „ganz wenigen Projektgeldern“ der Kunsthochschule für Medien in Köln, an der Luisa Bäde derzeit ihr Vertiefungsstudium mit Schwerpunkt Regie absolviert. Hilfe erhält die 31-Jährige von Studenten, aber auch von externen Künstlern – Puppenbauern, Editoren, Sounddesignern, die wegen des einzigartigen Projekts auch manch unentgeltliche Stunde investieren. Der Titel stammt vom Flugblatt, das Frank Karbstein einst mit den Freunden auf der Schreibmaschine vervielfältigte. Die vier hatten ein Zitat aus einem sowjetischen Militärbuch leicht abgewandelt. Das Original lautete: „Heißt es ,Ziel vernichtet‘: Fallen sich die Soldaten vor Freude in die Arme.“ Die Gruppe ergänzte: „An die Leser: Solange Sie noch Arme haben, verhindern Sie die Vernichtung des Zieles!“ „Es ist schockierend, was für krasse Auswirkungen eine so kleine, läppische Aktion auf Biografien haben konnte“, sagt Luisa Bäde.

Seine Premiere erlebte der Film im vergangenen Jahr auf den Internationalen Hofer Filmtagen. Die Resonanz sei überwältigend gewesen, erinnert sich Luisa Bäde. Nun zeigt sie die Produktion in ihrer Heimatstadt. Sie hofft, damit auch auf Kinotour gehen zu können. Dafür sucht sie gerade nach einem Verleih.

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