Buchvorstellung in Jena: Handwerker über den Geruch von Silber

Jena/Berlin.  Das Buch „Handwerk erzählt in Thüringen“ wurde in Jena vorgestellt. Auch ein Podcast ist nun geplant

Uhrmacher Dirk Sparborth aus Altenburg bekam mit dem Meisterbrief auch eine Brille.

Uhrmacher Dirk Sparborth aus Altenburg bekam mit dem Meisterbrief auch eine Brille.

Foto: André Kranert

„Anderthalb Jahre und 1600 Arbeitsstunden baute ich an meiner ersten Taschenuhr“, erzählt der Altenburger Uhrmacher Dirk Sparborth. „Danach bekam ich nicht nur meinen Meisterbrief – sondern auch eine Brille“.

Sparborth ist einer der Protagonisten des Buches „Handwerk erzählt in Thüringen“, das am 13. Oktober in Jena vorgestellt wird. Darin geben 30 hiesige Handwerker sehr persönliche Einblicke in ihr Berufsleben, schildern, wie sie zu ihrer Profession fanden, berichten von ihren Erfahrungen, Erfolgen und Niederlagen.

Uhrmachermeister Sparborth ist ein gefragter Experte in Sachen Uhrenrestauration. Darüber hinaus fertigt er auf Wunsch Uhren an. „Meine Kunden für solche Unikate kommen sogar aus Kanada“, erklärt Dirk Sparborth in dem Band. Bei seiner Arbeit müsse äußerste Ruhe und Konzentration herrschen. Er drehe beispielsweise Unruhwellen, die bis zu acht Hundertstel Millimeter klein seien, von Hand. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist im Durchschnitt sieben Hundertstel Millimeter dick.

Initiiert wurde das Buchprojekt vom Berliner Unternehmen „Rohnstock Biografien“, deren Gründerin Katrin Rohnstock aus Jena stammt. Gefördert vom Ostbeauftragten der Bundesregierung soll damit das Image des Handwerkes gestärkt und Nachwuchs gewonnen werden. Die Porträtierten decken das gesamte Spektrum ab: von der Baubranche übers Lebensmittelgewerbe bis zum vom Aussterben bedrohten Berufen wie Sattler oder Glasbläser.

Das Buch basiert auf 15 örtlichen Erzählsalons – moderierte Gesprächsrunden, in denen Handwerker aus ihrem Berufsalltag erzählten. Die Geschichten wurden von Rohnstock-Autoren aufgeschrieben und im Sommer zunächst in fünf lokalen Broschüren veröffentlicht. Die nun erscheinende Publikation ist quasi ein Best-of, das von einer Expertenjury zusammengestellt wurde.

Ins Buch hat es unter anderem Zimmermann Stefan Winzer aus Mellenbach-Glasbach geschafft. Bis zu seiner Selbstständigkeit wechselte er nicht nur mehrfach den Betrieb, sondern auch das Land. Nach der Lehre in Thüringen wurde sein Ausbildungsbetrieb Anfang der Zweitausenderjahre Opfer der Baukrise. Zwar kommt er vorübergehend bei einem Dachdecker unter, entscheidet sich dann aber für einen Neuanfang in der Schweiz. Auch dort arbeitet er für verschiedene Zimmereien, absolviert jedoch berufsbegleitend seine Meisterausbildung. Mit dem Abschluss in der Tasche kehrt er in die Heimat zurück und macht sich teilselbstständig, 2015 dann ganz. Heute baut er Carports, Dächer, Holzhäuser, Terrassen und saniert Fassaden.

Die Erzählsalons wurden mitgeschnitten und sollen im November sogar als Podcast-Serie veröffentlicht werden. Mit diesem modernen Hör-Angebot sollen „vor allem möglichst jungen Leute“ erreicht werden, wie Initiatorin Katrin Rohnstock sagt.

Uhrmacher Sparborth versucht schon mal seine zwei Söhne, sieben und zwölf Jahre alt, für sein Handwerk zu begeistern, wie er im Buch erzählt: „‘Riecht mal‘, sage ich zu ihnen, was nicht immer auf Begeisterung stößt. ‚Bah! Schon wieder Silber riechen.‘ Ob seine Kinder mal seinen Beruf ergreifen, sollen sie selbst entscheiden. „Kinder sind wie Uhren, man muss sie nicht nur aufziehen, sondern auch mal laufen lassen“, zitiert Sparborth

Buch und Broschüren sind in limitierter Auflage erschienen und kostenlos erhältlich. Außerdem stehen sie als PDF frei zur Verfügung: www.rohnstock-biografien.de/handwerk-erzaehlt