Weimarerin macht aus „Antigone“ einen Comic

Weimar.  Nichts ist ungeheurer als der Mensch, heißt es bei Sophokles. Insofern weitet seine Tragödie jetzt eine neue Grusel-Reihe.

Die Zeichnerin und Autorin Olivia Vieweg aus Weimar neben einer Büste von Sophokles.

Die Zeichnerin und Autorin Olivia Vieweg aus Weimar neben einer Büste von Sophokles.

Foto: Archiv Vieweg

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ein einziger Blick auf das Titelbild verrät es schon, ein erstes Durchblättern dieser 64 Seiten erst recht: Diese Geschichte ist auf jeden Fall blutig. Im direkten wie im übertragenen Sinn.

Auf die Idee, den rund 2500 Jahre alten Text des klassischen Altertums als klassische Grusel- oder Horrorgeschichte zu verstehen, würde man unterdessen nicht sofort kommen. Und doch hat ihn die erfolgreiche Comiczeichnerin, Illustratorin und Autorin Olivia Vieweg in einer aktuellen Reihe untergebracht, die sich genau diesem Genre widmet.

Viewegs Hamburger Kollegin Isabel Kreitz hat sie auf insgesamt zehn Bände angelegt und gibt sie beim Carlsen-Verlag heraus. Deutsche Zeichner machen aus einschlägiger Literatur Graphic Novels. Sie selbst legte mit „Den Nachfolgern im Nachtleben“ von Sarah Khan vor.

Es folgten Edgar Allan Poes „Berenice“ (Lukas Jüliger), Elfriede Jelineks „Der fremde!“ (Nicolas Mahler) oder Theodor Fontanes „Unterm Birnbaum“ (Birgit Weyhe). Und jüngst legte Olivia Vieweg also Band sieben vor: die „Antigone“ des Sophokles.

Griechische Tragödie. Damit weitet sie den Genreblick dieser Reihe deutlich und wird deren Titel zugleich voll gerecht: „Die Unheimlichen“ nämlich hatte Isabel Kreitz sie getauft.

Das trifft sich in Viewegs Büchlein mit jenem berühmten Satz aus dem Chor der Ältesten von Theben, der hier nicht fehlt: „Zahlreich ist das Ungeheure, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Vieweg legt ihn ihren Figuren gleichsam in die Gesichtszüge: als hilflose Wut, unbändigen Zorn, tiefe Trauer, größte Verzweiflung und blankes Entsetzen.

Schwarz-weiß und blutrot

Antigone oder Ismene, Kreon oder Haimon: niemand lächelt auch nur eine Sekunde lang, auch kein kleines Grinsen zeichnet sich ab. Dicht dran am Originaltext, hier und dort um modernisierte Wendungen ergänzt, blicken alle in den Abgrund.

Vieweg hat sich offensichtlich sehr für den heftigen Widerstreit von Gesetz und Moral interessiert, für den unaufgelösten Widerspruch zwischen privaten und politischen Motiven.

Kreon verbietet bekanntlich, den Leichnam von Antigones Bruder Polyneikes zu begraben, während der von Eteokles nach blutigem Bruderkrieg ehrenvoll bestattet wird. Antigone verweigert sich diesem Gesetz des Staates und folgt dem göttlichen.

Kreon lässt Antigone, Schwiegertochter in spe, schließlich einmauern. Die sich anschließende Familienkatastrophe mit mehreren Selbstmorden spart Olivia Vieweg aus. Sie endet mit einem wilden Blutbild inklusive Leichenfledderei durch Krähen.

Wie alle Bände der Reihe beschränkt sich auch dieser auf Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit einer Sonderfarbe. Ausgerechnet Rot war noch frei. Es kommt hier sparsam, aber vieldeutig zum Einsatz: in der Sonne als Feuerball, als Flamme oder in metaphorischen Blutstropfen.

Dicht dran am Original

Blut sei dicker als Wasser, heißt es ja oft. Irrtümlicherweise wird damit häufig die Stärke familiärer Bindungen beschrieben. Gemeint sind aber eigentlich mit Blut besiegelte Verträge, vor denen das Familiäre weichen muss. Insofern spielt Viewegs Graphic Novel mindestens unterbewusst mit beiden Deutungen.

Isabel Kreitz schlug der Weimarer Zeichnerin ursprünglich mehrere Gruselstoffe vor. Vieweg fand aber keinen Bezug dazu und entschied sich schließlich für „Antigone“, auch des antiken Umfeldes wegen. Es ist, nach Mark Twains „Huck Finn“ für Suhrkamp, ihre zweite Adaption.

Während sie den Roman damals „wesentlich freier interpretiert“ hatte, wie sie sagt, ging es diesmal um den „Versuch, näher dran zu bleiben“. Das ist unter den besonderen Bedingungen, aus einem dramatischen Text einen Comic zu machen, ausgezeichnet gelungen.

Mit Horror in Reinform war Olivia Vieweg zuletzt besonders bekannt geworden: mit dem Graphic Novel „Endzeit“, einer zwischen Weimar und Jena angesiedelten Zombie-Geschichte, aus der sie dann ein Drehbuch machte. Der Film sorgte im vergangenen Jahr international für weitaus mehr Aufmerksamkeit als hierzulande.

Mithilfe einer Drehbuchförderung arbeitet sie nun aktuell an einer Tanzfilm-Komödie, derweil auch diverse neue Horror-Stoffe in der Schublade schlummern. Vieweg bewegt sich, so sagt sie, „gerne immer so im Wechsel zwischen Horror und Komödie“.

Olivia Vieweg spricht am Mittwoch, 29. Januar, 19 Uhr, in der Eckermann-Buchhandlung Weimar mit dem FAZ-Comicexperten Andreas Platthaus über „Das Grauen zwischen Antike und Apokalypse“.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.