Mehr als 230 Fälle: Thüringer Senioren im Visier eiskalter Trickbetrüger

Erfurt/Bad Blankenburg  In Thüringen gab es mehr als 230 Fälle innerhalb weniger Tage. Die Täter geben sich dabei nicht nur als Polizisten aus.

Auch die Polizei in Niedersachsen und Bremen warnte vor falschen Polizisten. Symbol-

Auch die Polizei in Niedersachsen und Bremen warnte vor falschen Polizisten. Symbol-

Foto: Martin Gerten/dpa

Skrupellose Trickbetrüger haben es auf die Ersparnisse und Bankkonten gutherziger älterer Menschen in Thüringen abgesehen. Mehr als 230 Betrugsfälle wurden allein in den vergangenen Tagen landesweit bekannt.

Ein Schwerpunkt des wahrscheinlich bundesweit durchorganisierten Bandenbetrugs ist Erfurt: In nur 24 Stunden haben Anfang dieser Woche unbekannte Anrufer dort 60 Senioren gebeten, ihre Konten bei Sparkassen und Banken leerzuräumen. Etwa 200.000 Euro haben diese Verbrecher mit Enkeltricks und anderen Betrugsmaschen in wenigen Tagen erbeutet. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 richteten Trickbetrüger in Thüringen einen Schaden von insgesamt etwa 100.000 Euro an.

Aber auch in Bad Blankenburg (Kreis Saalfeld-Rudolstadt) haben es Betrüger am Dienstag versucht – dort zum Glück ohne Erfolg.

Eindringlich warnt die Polizei: „Besonders alleinstehende ältere Menschen, vorzugsweise betagte Damen, werden in emotional geführten Telefonaten dazu bewegt, ihre Ersparnisse herauszugeben“, erklärt der Sprecher der Landespolizeidirektion (LPD), Jens Heidenfeldt, auf Anfrage unserer Zeitung. Oft kämen die Betrüger mit einer Lüge zum Ziel – „unter dem Vorwand, ein nahestehender Angehöriger oder Bekannter sei in Geldverlegenheit“.

Der sogenannte Enkeltrick, bei dem sich der Anrufer zunächst am Telefon als Verwandter ausgibt, gehört zu den bekanntesten Betrugsmaschen. Am Telefon sagt der Anrufer oft, er sei persönlich verhindert und schicke einen Freund oder eine Freundin vorbei, die das Geld in Empfang nehmen würden.

Betrugspalette hat sich inzwischen erweitert

Der Enkeltrick ist inzwischen jedoch so bekannt, dass viele ältere Menschen auf diesen inzwischen nicht mehr hereinfallen. Allerdings: Vor einem Jahr, am 12. Januar 2018, hatte ein Betrüger mit der Enkeltrick-Variante Goldmünzen im Wert von 30.000 Euro bei einem 79 Jahre alten Herrn in Bad Salzungen (Wartburgkreis) erbeutet. Der unbekannte Anrufer hatte sich als Cousin der Ehefrau ausgegeben und um Geld für eine Eigentumswohnung gebeten.

Die höchste Beute im Jahr 2017 hatte in Thüringen ein Betrüger gemacht, der sich als unbekannter Schwiegersohn ausgegeben hatte. Eine 70-jährige Frau aus Erfurt hatte diesem Verbrecher 42.000 Euro ausgehändigt.

Die Betrugspalette hat sich inzwischen erweitert. Betrüger treten sogar als falsche Polizisten, falsche Staatsanwälte und allgemein als falsche Amtspersonen auf. „In einer weiteren Masche geben sich die Betrüger als Techniker aus und fordern dazu auf, Fernwartung-Software zu installieren, um ein Problem am PC zu beheben“, so LPD-Sprecher Heidenfeldt. Die Polizei warnt: Auf keinen Fall dieser Aufforderung nachkommen!

Kriminelle manipulieren Telefonanschlüsse

Auch technisch haben die Betrüger nach Erkenntnissen der Polizei aufgerüstet. Vielfach nutzen sie das sogenannte Call-ID-Spoofing. Das ist eine verbotene Methode, die eine falsche Telefonnummer erscheinen lässt.

Konkret: Der Angerufene sieht auf seinem Display die Telefonnummer einer Behörde oder einer Polizeidienststelle. „Eine im Telefondisplay angezeigte Rufnummer ist keine sichere Möglichkeit, den Anrufer eindeutig zu identifizieren“, warnt die Polizei. „Die Kriminellen können Telefonanschlüsse so manipulieren, dass beim Angerufenen eine andere Telefonnummer angezeigt wird.“ Heidenfeldt rät: „Betroffene sollen der dargestellten Nummer keinen Glauben schenken, vor allem keine Zahlungen tätigen oder keine vertraulichen Informationen preisgeben.“

Bankangestellte sollten misstrauisch werden

Der Bankschalter könnte, zumindest theoretisch, ein letztes Hindernis darstellen, um den Trickbetrug zu vereiteln – sofern die Bankangestellten misstrauisch sind und die Ratschläge der Polizei befolgen, die in einem Informationsblatt zusammengefasst sind.

Bei einer 85-jährigen Dame aus Nordhausen versagten vor einem Jahr jedoch auch in ihrer Hausbank alle Alarmsirenen: 60.000 Euro zahlte man ihr aus. In drei Raten holte ein Bote das Geld bei ihr ab. Und weil die Dame sich schämte, erstattete sie erst Anzeige, als die Betrüger längst das Weite gesucht hatte. Der Betrüger am Telefon hatte sich als Polizist ausgegeben.

Die Polizei rät

  • Seien Sie misstrauisch, wenn sich Personen am Telefon als Verwandte oder Bekannte ausgeben, die Sie als solche nicht erkennen. Erfragen Sie beim Anrufer Dinge, die nur der richtige Verwandte oder Bekannte wissen kann.
  • Geben Sie keine Details zu Ihren familiären und finanziellen Verhältnissen preis.
  • Lassen Sie sich von einem Anrufer nicht drängen.
  • Halten Sie nach einem Anruf mit finanziellen Forderungen bei Familienangehörigen Rücksprache.
  • Lassen Sie sich vom Anrufer die Telefonnummer geben und überprüfen Sie sie mit bereits bekannten Nummern. Rufen Sie die jeweilige Person unter der lange bekannten Nummer an und lassen Sie sich den Sachverhalt bestätigen.
  • Übergeben Sie niemals Geld an Unbekannte.
  • Informieren Sie sofort die Polizei, wenn Ihnen eine Kontaktaufnahme verdächtig vorkommt. Notrufnummer: 110.
  • Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei

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