Zwei Dörfer unter Schock nach Schulbus-Unfall im Wartburgkreis

Berka vor dem Hainich.  Am Donnerstagmorgen ereignet sich im Wartburgkreis eines der schwersten Busunglücke in Thüringen, bei dem zwei Kinder ums Leben kommen. Nicht wenige Einsatzkräfte kennen die Betroffenen persönlich.

Feuerwehrleute stehen am Unglücksort bei Berka vor dem Hainich. Viele der Einsatzkräfte kennen die Betroffenen persönlich. Die Rettungsarbeiten führen sie an ihre Grenzen.

Feuerwehrleute stehen am Unglücksort bei Berka vor dem Hainich. Viele der Einsatzkräfte kennen die Betroffenen persönlich. Die Rettungsarbeiten führen sie an ihre Grenzen.

Foto: Sascha Fromm

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Die Nachricht erreicht viele Eltern auf dem Weg zur Arbeit. Es ist spiegelglatt und neblig am Donnerstagmorgen kurz vor neun Uhr in Berka, einem kleinen Dorf im nördlichen Wartburgkreis am Südwestrand des Hainichs. Fußgänger müssen sich ans Geländer klammern, um nicht hinzufallen.

Vor der Grundschule, an einer hochgelegenen Stelle des Dorfs erbaut, stehen Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei, gleich mehrere Rettungswagen parken vor dem Schuleingang.

Gut 800 Meter außerhalb nordöstlich des Dorfes, das zum Wartburgkreis gehört, hat sich kurz nach 7.30 Uhr auf einer Umgehungsstraße eines der schwersten Busunglücke in der Geschichte Thüringens ereignet. Zwei Kinder im Alter von acht Jahren, ein Junge und ein Mädchen, sterben, als ihr Schulbus, der 23 Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren aus Bischofroda in die kleine Grundschule im Nachbarort bringen will, verunglückt.

Zwei Kinder sterben bei Schulbus-Unglück im Wartburgkreis
Zwei Kinder sterben bei Schulbus-Unglück im Wartburgkreis

Zwei Schüler werden schwer, sieben mittelschwer verletzt. Die übrigen Kinder werden vorsorglich ins Krankenhaus gebracht, sagt später der amtierende Bildungsminister Helmut Holter (Linke), der ebenso wie der derzeitige Innenminister Georg Maier (SPD) persönlich zur Unfallstelle gekommen ist. Der 27-jährige Busfahrer wird leicht verletzt, er steht zudem unter Schock.

Nebenstrecke wird vom Winterdienst nicht geräumt

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei ist der Bus auf der Umgehungsstraße aus einer Senke heraus eine Steigung nicht hochgekommen, weil es auf der gepflasterten Strecke viel zu glatt war. Die Nebenstrecke wird vom Winterdienst nicht geräumt. Der Bus rutscht rückwärts, gerät ins Schlittern. Dem Fahrer gelingt es offenbar nicht, den Bus zum Stehen bringen. Er rutscht seitlich weg in einen Graben, danach überschlägt er sich mehrfach und kommt auf der Seite liegend an einem Wasserlauf zum Stehen.

Die schwer und schwerer verletzten Kinder werden nach Eisenach, Mühlhausen und Gotha in Kliniken gebracht, die restlichen Mädchen und Jungen zunächst in die Grundschule. Hier wird eine Basisstation eingerichtet, wo Notärzte, Sanitäter, Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams des Wartburgkreises sich um die Kinder und um die Lehrer kümmern. Nach und nach reisen Notfallseelsorger an, kommen weitere Rettungswagen, um Kinder so gut wie möglich medizinisch zu betreuen.

„Kurz nach 7.30 Uhr hat sich für die Wartburgregion die Welt verändert“, sagt der Landrat des Wartburgkreises, Reinhard Krebs (CDU). „Wenn zwei Kinder ums Leben kommen, bleibt die Welt stehen“, ringt er um Worte.

Bildungsminister Holter sagt seine volle Unterstützung zu

Der Innenminister spricht den Familien und Angehörigen, die die beiden Kinder zu betrauern haben, sein Beileid und seine Betroffenheit aus. „Der ganze Ort ist im Schockzustand“, meint Maier und spricht damit natürlich auch die Einsatz- und Hilfskräfte an, die in den vergangenen Stunden an ihre Grenzen gehen mussten. Nicht wenige Retter der örtlichen Feuerwehren kennen die Betroffenen persönlich.

Bildungsminister Holter sagt seine volle Unterstützung zu, Schulamt und schulpsychologischer Dienst erreichen bereits kurz nach dem Unfall den Ort. Hilfsangebote gäbe es zudem auch für die umliegenden weiterführenden Schulen, erklärt der Bildungsminister, da sich an diesen Einrichtungen zum Teil Geschwisterkinder befinden.

In der Grundschule wird am Freitag nicht regulär unterrichtet. Die Schule sei aber geöffnet, es gebe Gesprächs- und Betreuungsangebote für Kinder, Eltern und Pädagogen. „Es ist ein einschneidendes Erlebnis für alle Schulen in Thüringen, wir werden an allen Schulen darüber sprechen“, teilt Holter mit. Ob der Unterricht am Montag offiziell wieder aufgenommen werden kann, bleibt noch offen.

Bus fährt die Route jeden Tag

Unfallgutachter untersuchen die Unfallstelle bis zum frühen Nachmittag. Danach erst konnte das Buswrack geborgen werden. Zu klären ist vor allem die Frage, warum der Schulbus auf einer nicht vom Winterdienst betreuten Nebenroute an diesem Morgen hier unterwegs war.

Laut dem Geschäftsführer des zuständigen Verkehrsunternehmens Wartburgmobil sei der Extra-Bus speziell für die Kinder aus dem benachbarten Bischofroda eingerichtet worden und fahre diese Route jeden Tag, damit die Kinder der Sicherheit wegen direkt im Ort an der Straße aussteigen können. Normalerweise müssten sie die Ortsstraße queren, um zur Schule zu kommen.

Am Freitag will Landesbischof Friedrich Kramer in Bischofroda eine Andacht halten, schon Donnerstagabend wurde an gleicher Stelle zum stillen Gebet geladen.

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