30.000 feiern mit dem Papst die Messe auf dem Domplatz

Mit dem Abflug von Papst Benedikt XVI. gen Rom am Sonntag fand eine schwierige Mission ihr Ende: Es gab zahlreiche Auftritte vor Gläubigen, eine Rede im Bundestag und es gab Enttäuschungen. Bleiben aber werden die Bilder. Beispielsweise von seinem Auftritt in Erfurt, wo er sich am Sonnabendvormittag mit einer Heiligen Messe von den Thüringern verabschiedete.

Ein Foto wie ein schweifender Blick - das Panorama über 225 Grad von der Papstmesse in Erfurt beginnt am linken Bildrand etwa beim Haus zur Hohen Lilie. Am rechten endet es in Höhe der Marktstraße, die zum Fischmarkt führt. Der Rundumblick wird vor allem durch die Pilger deutlich. Links sieht man sie von hinten und rechts kann man ihnen direkt ins Gesicht blicken. Foto: Sascha Fromm

Ein Foto wie ein schweifender Blick - das Panorama über 225 Grad von der Papstmesse in Erfurt beginnt am linken Bildrand etwa beim Haus zur Hohen Lilie. Am rechten endet es in Höhe der Marktstraße, die zum Fischmarkt führt. Der Rundumblick wird vor allem durch die Pilger deutlich. Links sieht man sie von hinten und rechts kann man ihnen direkt ins Gesicht blicken. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Erfurt. 30.000 Menschen, darunter zahlreiche Bischöfe, Kardinäle sowie Politikvertreter, zeigten sich von der prächtigen Kulisse und der Predigt des Kirchenoberhauptes beeindruckt. Und sie dankten es mit langem Beifall.

Bei seinem ersten Besuch in den neuen Bundesländern würdigte der Pontifex vor allen Dingen die Leistung der Katholiken in der DDR, die in kirchenfeindlichem Umfeld am Glauben festgehalten hätten. "Hier in Thüringen und in der früheren DDR, habt ihr eine braune und eine rote Diktatur ertragen müssen, die für den christlichen Glauben wie saurer Regen wirkte", sagte der Papst.

Im Mittelpunkt des insgesamt 25-stündigen Besuchs im Freistaat hatte eine ökumenische Begegnung gestanden. Dabei enttäuschte Benedikt XVI. jedoch all jene, die sich Impulse für konkrete Reformen in der Kirche erhofft hatten.

Auch gestern, zum Ende seiner Reise, hat Benedikt XVI. die vielfach als unnachgiebig kritisierte Haltungen des Vatikans in Grundsatzfragen bekräftigt. Bei einer Messe auf dem Flughafen von Freiburg rief er die deutschen Katholiken zu absoluter Papsttreue auf. An die Jugend appellierte er, "glühende Heilige" zu werden.

Neben einem Treffen mit der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken stand auch ein Gespräch mit dem 81-jährigen Helmut Kohl auf dem Programm, den der Papst als Kanzler der Einheit würdigte.

Bei seiner letzten Rede sprach sich Benedikt XVI. überraschend deutlich für eine Trennung von Kirche und Staat aus. Kirche sollte sich dem Trend zur Verweltlichung verweigern und auf politische Macht verzichten. Nach der Verabschiedung durch den Bundespräsidenten hob der Papst-Flieger dann 19.15 Uhr ab.

Eine Reportage vom Erfurter Domplatz mit den Begebenheiten abseits des Protokolls

Am Ende fallen Gitter und Schranken. Buchstäblich auf den letzten Metern nimmt der Papst sein Bad in der Menge, auch ein Sonnenbad im Erfurter Herbst. Es ist Zufall: Ein paar Dutzend Leute verlassen den Domplatz in Richtung Theater, sie kommen an einem, zur Sakristei umgebauten Container vorbei, in dem sich der Papst umzieht.

Große und Kinder bleiben stehen, Rollstuhlfahrer, Bischöfe und einfache Menschen; vor dem Container wartet eine friedliche Herde im Halbkreis auf den Hirten. Die Polizisten ohne Uniform, zu erkennen an der Plastik-Spirale hinterm Ohr, wollen zurückdrängen, aber sie bekommen den leisen Widerstand nicht in den Griff; auch der Pressesprecher der Bischofskonferenz, sichtlich genervt, gibt auf und schaut nur noch streng.

Der Papst freut sich. Er kümmert sich um keinen der Sicherheitsleute und geht einfach hinüber zu der kleinen, nicht einmal hundert Köpfe zählende Schar. Er beugt sich zu Hermann Scheipers hinunter, dem Priester im Rollstuhl, der 98 Jahre alt ist, zwei Diktaturen, auch das Konzentrationslager Dachau, überlebt hat und den Papst sehen will.

Der Papst beugt sich zu den Kindern und schaut den ganz kleinen, die im Arm des Vaters oder der Mutter liegen, in die Augen.

Was der Papst sagt? Es können nur die hören, die nahebei stehen. Keiner drängelt, jeder hofft nur auf einen guten Schnappschuss - auf Armweite zu dem doch recht kleinen Mann in Weiß. Die Journalisten fehlen und die Fotografen mit ihren langen Rohren; sie sind schon längst ins Pressezentrum geeilt, zu ihren Laptops und Pressekonferenzen, auf denen die Tage in Thüringen eingeordnet werden.

Treffen mit einem gütigen alten Mann

Für etwa zehn Minuten sehen diese Menschen einmal nicht den Gelehrten, den Kopfmenschen, den Prinzipien-Formulierer, den Gastgeschenk-Verweigerer, sie sehen einen gütigen alten Mann, der sich einfach an den Menschen erfreut, an Berührungen, an Augen-Blicken, an Worten, die nicht lange gedrechselt sind.

Anderthalb Tage war der Papst in Thüringen, sah menschenleere Straßen und Polizisten-Spaliere, schüttelte Politiker-Hände, hielt einen kurzen Plausch mit diesem und jenem, der wichtig ist nach menschlichen Maßstäben; er las sorgsam verfasste und dutzendfach gegengelesene Reden vom Blatt ab, er hörte ebensolche Reden, auf die er nicht reagieren wollte, weil seine Reden schon längst geschrieben waren. Das Wort "spontan" steht nicht im Wörterbuch eines Papstes, aber er kennt es noch.

Auch die Begegnung mit der dunklen Seite der Kirche, am Abend zuvor, war geplant. Ins Priesterseminar, wo er nächtigte, kamen Menschen, die von Priestern und Funktionären der Kirche sexuell misshandelt worden waren. Es war wohl das wichtigste Gespräch auf der Deutschlandreise. Was sie miteinander gesprochen haben?

Es gibt nur eine dürre Presseerklärung des Heiligen Stuhls: "Bewegt und erschüttert von der Not der Missbrauchsopfer hat der Heilige Vater sein tiefes Mitgefühl und Bedauern bekundet." Das Gespräch, so ist zu vermuten, wird weniger floskelhaft verlaufen sein.

In den Fürbitten auf dem Domplatz vor knapp 30.000 kamen sie schon nicht mehr vor, die Opfer.

Beifall ist unerwünscht, sagt ein Offizieller vor der Messe. Thüringer halten sich nicht gern an Wünsche, die wie Verbote klingen. Als Erfurts Bischof Wanke den Papst begrüßt, klatschen sie lange.

Abweichungen vom zuvor verteilten Manuskript

Der Bischof kann es nicht lassen: Er weist den Papst darauf hin, dass auch viele Evangelische eingeladen und gekommen sind zu diesem Abendmahl unterm Erfurter Himmel. So steht es nicht im zuvor verbreiteten Manuskript.

Wieder klatschen sie, und viele Bischöfe klatschen auf der Altarbühne mit, sogar der 76-jährige Tarcisio Kardinal Bertone, der neben dem Papst sitzt, der Staatssekretär, eine Art Ministerpräsident, der mit unnachahmlicher Eleganz sein Taschentuch falten kann.

Und hören wir richtig? Deutet der Bischof aus Erfurt nicht an, dass Einheit möglich ist - wenn sogar in einem Staat, wie dem deutschen, dann auch in der Kirche? Die deutsche Einheit als Vorbild der kirchlichen?

So funktioniert der Bischof von Erfurt die exklusivste Veranstaltung der Kirche um zu einem ökumenischen Fest; in der Broschüre zur Messe, die jeder bekommt, sind alle geheimnisvollen Rituale erklärt, von der Präfation bis zur Kommunion. Die Sonne strahlt dabei von einem wolkenfreien blauen Himmel, wie er selten war in diesem Sommer.

Beinah hätte ein Unfall, oder genauer: ein Umfallen, das fröhliche Fest gleich zu Beginn getrübt. Nur mühsam steigen die meist alten Kardinäle die Treppen zum Altar; einer stürzt, als er den Tisch küssen will, aber er verletzt sich nicht. Da ordnet der Zeremonienmeister an, den Papst doch lieber gleich zu stützen.

Überhaupt der Zeremonienmeister. Unentwegt zuppelt er an den Gewändern des Papstes herum, wenn sich eine Falte auch nur um ein paar eingebildete Millimeter verschoben hat. Und so schön, so festlich, so feierlich, so erhebend die Routine einer halb lateinischen, halb deutschen Messe auch ist: Wer besteht eigentlich darauf, dass der Papst alle paar Minuten die Mitra, also seinen Bischofshut, aufgesetzt und abgesetzt und wieder aufgesetzt bekommt?

Ganz kurz blitzt und blinkt der goldene kostbare Kelch

Der päpstliche Ehrenprälat Georg Gänswein, Sohn eines Schmieds aus dem Schwarzwald, hätte es freundlicher gemacht, unauffälliger. Aber er sitzt am Rand und kommt nur einmal groß ins Bild, als er die Schatulle bringt, die der Papst dem Erfurter Bischof schenkt. Ganz kurz öffnet er den Deckel, ganz kurz blitzt und blinkt der goldene, kostbare Kelch.

Eine katholische Messe ist ein prunkvolles Schauspiel mit wundersamer Musik, gewählten Worten und Unmengen an Weihrauch, der einst - vor Erfindung der täglichen Dusche - zur Desinfektion in schweißtreibenden Kirchen genutzt wurde. Auch der Papst singt solo, mit der Stimme eines 84-Jährigen, die bei den hohen Tönen nicht mehr so recht den Aufstieg schafft.

Er singt italienisch, der lateinische "Himmel" hört sich charmant an: tschöhlo, nicht germanisch hart: kölo. Wie "coelo" richtig gesprochen wird, weiß keiner; als die Römer noch mächtig waren, haben sie vieles, aber noch keine Tonbandgeräte erfunden.

Bei der Verwandlung von Wein in Blut beugt der Papst die Knie, er nimmt auch einen kräftigen Schluck Wein und lässt bei der Kommunion nicht zu, dass einer die Hand aufhält zum Empfang der Hostie - so wie es Benedikt für alle seine Messen angeordnet hat: Der Papst legt das Brot auf die Zunge, was nicht wenige Katholiken als Rückschritt nach dem Konzil interpretierten.

Als der Papst zum Abschied noch einmal in sein Papamobil steigt, jubeln die Besucher wieder: "Vivat". Im Pressezentrum, in der Oper eingerichtet, schauen Hunderte von Journalisten wieder auf ihre Computer. Die Thüringer-Tourismus-Gesellschaft hat ihnen einen kleine Schatulle mit Daten-Stick und Kuli geschenkt, darauf steht: "Wieder wird in Thüringen Kirchengeschichte geschrieben. Schreiben Sie mit."

Ja, es waren zwei historische Tage.