Lobensteiner erschießt zwei Polizisten

Lobenstein  Drama am 22. Juli 1957 im Volkspolizeikreisamt Lobenstein. Ein Mann schießt auf Polizisten und richtet sich selbst. In der Folge werden mehrere Personen verhaftet.

Auf der Titelseite der Tageszeitung „Volkswacht“ vom 24. Juli 1957 waren die beiden getöteten Polizisten abgebildet worden. Foto: Repro: Reinhard Kübrich

Auf der Titelseite der Tageszeitung „Volkswacht“ vom 24. Juli 1957 waren die beiden getöteten Polizisten abgebildet worden. Foto: Repro: Reinhard Kübrich

Foto: zgt

Schießerei am Abend des 22. Juli 1957 im Volkspolizeikreisamt (VPKA) in Lobenstein. Zwei Polizisten tot, einer schwer verwundet. Die Einwohner am Markt sind aufgeschreckt. Schnell macht am nächsten Tag die Runde, dass ein Einheimischer geschossen hat und sich danach selbst in dem Gebäude richtete.

Der Täter Günther Eckstein stand im Verdacht, illegal eine Pistole zu besitzen. Er wird von zu Hause abgeholt und ins VPKA gebracht. Der Vorwurf bestätigt sich schnell, daher soll der 23-Jährige festgenommen werden. Er versucht zu fliehen, zieht eine Pistole aus seinem Mantel und drückt mehrmals ab.

Unterleutnant Achilles Preiß aus Pottiga wird sofort tödlich getroffen, Hauptwachtmeister Eugen Harnisch aus Neundorf schwer verletzt. Hauptwachtmeister Rolf Hönig versieht zu dieser Zeit Wachdienst und versperrt dem Täter den Weg. ­Dieser feuerte wieder, trifft den Wurzbacher ebenfalls tödlich. Weil eine Flucht aus dem VPKA nicht mehr möglich ist, begeht Günther Eckstein Selbstmord.

Ein Augenzeuge überlebt

Der diensthabende Offizier löst Alarm aus, eine Sofortmeldung geht an die Bezirksbehörde der Polizei nach Gera. Der Neundorfer Polizist wird im Krankenhaus Ebersdorf operiert und überlebt. Er ist der einzige Augenzeuge des Geschehens.

Die „Volkswacht“, das Organ der Bezirksleitung Gera der SED, berichtet zwei Tage später auf der Titelseite: „Unsere Feinde sind grausam – ihnen keine Gnade“ lautet die politisierte Überschrift. Im Artikel heißt es, dass Eckstein, selbst Kraftfahrer bei der Polizei, sich in den Westen absetzen wollte, man sei ihm auf der Spur gewesen. In der Wohnung des Täters finden die Ermittler stapelweise Westliteratur, Flugblätter der so genannten westdeutschen Hetzzentralen, Gangster-Romane und pornografische Zeichnungen. Das zeige eindeutig, wessen Geistes Kind der Mörder war und wer dessen Auftrag inspirierte, tönt die SED-Propaganda.

Am 25. Juli 1957 werden die zwei toten Polizisten im Foyer des Kreiskulturhauses öffentlich aufgebahrt. Genossen und die Werktätigen des Grenzkreises kondolieren.

„Zutiefst erschüttert stehen wir an der Bahre zweier der besten Söhne der Arbeiterklasse. Stets einsatzbereit und der Arbeiter- und Bauernmacht treu ergeben, erfüllten sie ihren Dienst zum Schutz des sozialistschen Aufbaus, zum Schutze des friedlichen Lebens der Bürger unserer Republik“, heißt es in einem gemeinsamen Nachruf der Bezirksleitung Gera und der Kreisleitung Lobenstein der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Betriebe des Kreises erklären sich bereit, die Hinterbliebenen zu unterstützen und über die vier Kinder des Polizisten Hönig die Patenschaft zu übernehmen. Auf dem Sportplatz in der Poststraße findet am Nachmittag eine Trauerkundgebung statt. Anschließend werden Achilles Preiß auf dem Friedhof in Harra und Rolf Hönig auf dem Friedhof in Wurzbach beigesetzt.

Waffennester ausgehoben

Der Vorfall löst umfangreiche Ermittlungen aus. Anfang August 1957 werden gleich fünf Personen – vier aus Lobenstein und einer aus Wurzbach – verhaftet und in die Bezirkshaftanstalt Gera gebracht. Unbefugter Waffenbesitz lautet später die Anklage gegen Herbert Z. (geboren 1924), Hans O. (1927), Kurt S. (1915), Emil L. (1932) und Horst W. (1932). Es vergehen nur wenige Wochen bis zur Verhandlung vor dem 1. Straf­senat des Bezirksgerichts Gera.

Herbert Z., gelernter Büchsenmacher, verheiratet und Vater zweier Kinder, besaß mehrere Waffen und rund 700 Schuss Munition verschiedenen Kalibers. Auch Hans O., der bis zur Verhaftung die VP-Uniform trug, besaß mehrere illegale Waffen, teils im Wald versteckt. Er war häufig dabei, als Eckstein heimlich Schießübungen veranstaltete, heißt es.

Von Hans O. bekam 1956 der Angeklagte Emil L. zwei Pistolen, die er im Juli 1957 in den Stausee warf. Emil L. war bis Juni 1957 als Autoschlosser beim VPKA beschäftigt. Wie in der Anklageschrift zu lesen ist, soll er gewusst haben, dass Eckstein illegal im Besitz von Waffen war. Ebenso Horst W., der bis zu seiner Festnahme am 13. August 1957 als Kraftfahrer im VPKA Lobenstein seinen Dienst versah.

Kurt S. besaß nach 1945 mehrere Waffen und Munition. Eine MPI 44 gab er 1947 an Hans O, so die Ermittlungsakte. Seine Waffen hatte Kurt S., der in der Landwirtschaft arbeitete, gut versteckt.

Nach vier Verhandlungstagen verkündet Richter Schmutzler am 30. September 1957 das Urteil: Zehn Jahre Zuchthaus für den Angeklagten Herbert Z., sieben Jahre und sechs Monate für Hans O., drei Jahre für Kurt S. und zwei Jahre für Emil L. wegen unbefugten Waffenbesitzes. Wegen unterlassener Anzeige von unbefugten Waffenbesitz erhält Horst W. eine Gefängnisstrafe von neun Monaten.

„Strafzumessung politisch motiviert“

Insgesamt werden 1957 im Kreis Lobenstein rund 20 Personen wegen ähnlicher Straftaten festgenommen. Teilweise sind sie auch verurteilt worden.

Der Lobensteiner Herbert Z., der ab 1945 als Böttcher tätig war, hat siebeneinhalb Jahre seiner Strafe abgesessen, davon sechs Jahre in Torgau. Seine Frau durfte ihn besuchen. Er konnte jeden Monat einen zensierten Brief nach Hause schreiben. Sein Sohn hat sie alle aufgehoben. Auch ein Dokument des Bezirksgerichts Meiningens vom 4. Februar 1992. Nach einem Kassationsantrag von Herbert Z. hob es das Urteil des Bezirksgerichts Gera vom 30. September 1957 auf.

„Soweit die verhängte Freiheitsstrafe fünf Jahre übersteigt. Für die darüber hinaus erlittene Haft ist der Antragsteller zu entschädigen“, heißt es in dem Schreiben. Die 1957 ausgesprochene Strafe sei mit rechtsstaatlichen Maßstäben nicht vereinbar und die Strafzumessung politisch motiviert gewesen. Für zweieinhalb Jahre seiner Haft bekam Herbert Z., der 2001 verstarb, eine Entschädigung.

Bis 1990 hing in einem Flur des VPKA am Lobensteiner Markt eine Gedenktafel für die zwei ermordeten Polizisten, deren Verbleib nach dem Auszug ist nicht bekannt.

Geschossen hat Eckstein mit einer Pistole sowjetischer Bauart. Fünf Makarows soll er während seiner Dienstzeit bei der Kasernierten Volkspolizei (KVP) gestohlen haben. Eine schenkte er seinem jüngeren Bruder, der bei der KVP in Gera diente. Dort fiel auf, dass dieser mit einer Makarow sehr vertraut war.

Weder im Einwohnermeldeamt noch im Standesamt der Bad Lobensteiner Stadtverwaltung ist der Name von Günther Eckstein vermerkt. In den Unterlagen des Evangelischen Pfarramtes Bad Lobenstein findet sich der Hinweis, dass die Urne des Einwohners am 17. August 1957 beigesetzt wurde.

Nach der Bluttat mussten noch mehrere Polizisten ihren Dienst quittieren. Als die Schießerei begann, hatten die sich versteckt. „Feigheit vorm Feind“ wurde ihnen angelastet.

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