Sieben Häftlinge bei Lemnitzhammer getötet - "Marsch des Lebens" erinnert an die Ereignisse vor 70 Jahren

Vor 70 Jahren wurden KZ-Häftlinge von der SS durch die Region getrieben. Entlang der Route von Lemnitzhammer nach Harra wurde am Sonnabend ein weiteres Zeichen der mahnenden Erinnerung gesetzt.

Knapp 100 Teilnehmer beteiligten sich am "Marsch des Lebens" entlang der Route von Lemnitzhammer nach Harra, über die vor 70 Jahren KZ-Häftlinge getrieben worden waren.  Foto: Peter Hagen

Knapp 100 Teilnehmer beteiligten sich am "Marsch des Lebens" entlang der Route von Lemnitzhammer nach Harra, über die vor 70 Jahren KZ-Häftlinge getrieben worden waren. Foto: Peter Hagen

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Lemnitzhammer. Das massenhafte Klappern von Holzpantinen war Hunderte Meter voraus zu hören gewesen. Dann erst tauchten die ausgemergelten Gestalten, faden Gesichter und hungrigen Augen auf. Angetrieben von der SS, schleppten sich um die 100 KZ-Häftlinge durch Lemnitzhammer den steilen Anstieg hinauf weiter nach Harra.

Der Bad Lobensteiner Siegfried Franz hatte bis 1967 in Lemnitzhammer gewohnt. In einem großen Haus mit 50 bis 60 Leuten, wie er berichtet. Er sah den Todesmarsch nicht selbst. Aber gut kann er sich daran erinnern, wie ihm als Kind die Erwachsenen immer wieder davon erzählten. "Mir wurde geschildert, dass die Hausbewohner aus den Fenstern den Häftlingen Brot und Kartoffeln zugeworfen hatten. Ein SS-Mann schoss daraufhin mit dem Maschinengewehr eine Salve entlang der Fassade. Die Einschusslöcher waren noch zehn Jahre später zu sehen gewesen." - Mit diesen Erinnerungen wendet sich Siegfried Franz an die knapp 100 Teilnehmer, die sich am Sonnabend zum "Marsch des Lebens" in Lemnitzhammer versammelt haben.

Es ist die Fortsetzung des Sternmarsches, der vor einer Woche nach Saalburg geführt hatte und als Botschaft steht: Vergangenheit bewältigen, um Zukunft gestalten zu können. Nicht jeder bringt dafür Verständnis auf. "Bei allem Respekt für die Opfer der NS-Zeit, irgendwann ist aber auch mal gut. Bin mal gespannt, ob meine Enkel auch noch tagtäglich an eine Zeit erinnert werden, für die mittlerweile mehr als genug Buße geleistet wurde", hatte ein junger Mann bei Facebook geschrieben, als dort über den "Marsch des Lebens" aus Saalburg berichtet worden ist. Doch genau diese Erinnerung müsse wach gehalten werden, mahnt Helmut Wirth als Vorsitzender der Verwaltungsgemeinschaft Saale-Rennsteig nun in Lemnitzhammer an. Es dürfe nicht vergessen werden, zu welchen Misshandlungen verrohte Menschen fähig sind. "Es ist leider so, dass auch heute wieder solche Dinge in der Welt passieren", sagt Wirth, "wenn auch nicht in der Größenordnung wie damals, aber in der gleichen Brutalität." Er sehe mit großer Freude, dass sich viele Jugendliche unter den Teilnehmern an diesem "Marsch des Lebens" befinden. Seinen besonderen Dank richtet Wirth an all jene, die auch mit der Pflege von Gedenkstätten oder mit der Organisation von Veranstaltungen wie diesem Marsch "die Ereignisse unvergessen machen".

Es werden die Erinnerungen von Eberhard Grüner aus Harra verlesen, der den Todesmarsch im April 1945 selbst gesehen hat. Er konnte beobachten, wie Einwohner den Häftlingen Essen und Trinken reichen wollten. "Du willst wohl auch gleich mitgehen!", hörte er einen SS-Mann brüllen. Eine Zeitzeugin bemerkte einen Häftling, der versucht hatte, ans Wasser im damals noch nicht verrohrten Dorfbach zu gelangen. Sofort sei ein Hund auf ihn gehetzt worden. "Halbtot wurde der Häftling dann auf einen der Wagen geworfen." Auch der 81-jährige Werner Stöcker, der persönlich an dem Gedenkmarsch von Lemnitzhammer nach Harra teilnimmt, sah mit eigenen Augen, wie immer wieder Hunde auf Häftlinge gehetzt worden sind, wenn diese versucht hatten, am Wegesrand bereitgestelltes Wasser anzunehmen.

Sieben Häftlinge wurden allein an dem Anstieg bei Lemnitzhammer erschossen und einfach liegengelassen. "Für jeden dieser getöteten Häftlinge stellen wir heute eine Kerze auf", sagt Alexandra Stephan als Mitwirkende des Initiativkreises "Marsch des Lebens" Saalburg/Harra, der 70 Jahre nach den Todesmärschen die Initiative des Pastors Jobst Bittner sowie der Tübinger Offensive Stadtmission (TOS) aufgegriffen hat, um auch im Saale-Orla-Kreis eine derartige Gedenk- und Versöhnungsveranstaltung durchzuführen. "Allein auf dem Gebiet des heutigen Saale-Orla-Kreises sind mindestens 270 Todesopfer nachgewiesen, davon ein großer Teil jüdische Menschen", geht Alexandra Stephan auf die bisherigen Forschungsergebnisse ein. Als Christen dieser Region, durch die nachweislich drei Routen der Todesmärsche mit Häftlingen nach der Evakuierung der Konzentrationslager führten, beteilige man sich an diesem "Marsch des Lebens", um der Opfer zu gedenken und man sei dankbar für diese Möglichkeit, "um Versöhnung und Frieden finden zu können".

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