Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Jena: Den größten Bedarf hatten Zeiss und Schott

Jena  In Jena lebten und litten im Krieg bis zu 14 000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Der größten Bedarf hatten Zeiss und Schott. Sie stellten Baracken und die Verpflegung.

Zwangsarbeiterlager Jena Foto: Sammlung Frank Döbert

Zwangsarbeiterlager Jena Foto: Sammlung Frank Döbert

Foto: zgt

Für Werner Seifert, Sohn eines Zeissianers aus Jena, war es sicher die erste Begegnung mit russischen Menschen und ihrer Kultur, als er im Sommer 1941 als Soldat in der 8. Kompanie des Eisenbahn-Pionier-Regimentes 3 im Krieg gegen Stalins Armee nach wenigen Wochen in „Feindesland“ stand. Die Fotos, die der 20-Jährige von dort machte, schickte er seinen Eltern. Sie gehören zu den wenigen Dingen, die noch an ihn ­erinnern. 1942 wegen defätistischer Äußerungen denunziert, verstarb er am 14. April 1943 in einem der Emsland-Straflager.

Zwangsarbeiter für den „Endsieg“ notwendig

Schon wenige Monate nach Kriegsbeginn kamen die ersten ukrainische Arbeitskräfte nach Deutschland, angelockt durch Werber und Werbeplakate, die Lohn, Brot und gutes Leben versprachen. Doch die deutsche Rüstungsindustrie verlangte immer mehr billige Arbeiter. Carl Zeiss Jena beklagte im September 1942 Außenstände von 1200 ausländischen Arbeitern, darunter 180 russischen Kriegsgefangenen. Da sich der Arbeitskräftemangel bei der Fertigung von U-Boot-Sehrohren, Kommando- und Bombenabwurfgeräten sowie noch „wichtigeren Geräten“ spürbar bemerkbar mache, diese aber „mehr denn je für den Endsieg notwendig“ seien, wurde um „alsbaldige Abhilfe der vorhandenen großen Notstände“ gebeten. Von da an erreicht der Zustrom von Fremd- und Ostarbeitern nach Jena bis dahin nicht gekannte Ausmaße, forciert durch die Ernennung des Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“. 5,3 Millionen Zwangsarbeiter warf Sauckels Repressionsmaschinerie aus. Längst unter brutalem Einsatz von SS-Polizeieinheiten, darunter dem Jenaer Polizeibataillon 311, vor allem in Weißrussland. Arbeitsfähige Männer und Frauen werden verschleppt, Alte und Kinder erschossen, die Dörfer angezündet. Sauckels Propagandaschrift „Europa arbeitet in Deutschland“, Auflage mindestens 450 000 Exemplare, zeigt nur frohe Menschen, und, was der Zensor nicht bemerkte, einen ukrainischen Hilfspolizisten bei der Bewachung einer Marschkolonne.

Jena erlebte in dieser Zeit einen beispiellosen Stadtumbau. Auf nahezu jeder Wiese entstanden Barackenlager, manche mit Stacheldraht umzäunt. Gasthöfe erhielten Einquartierungen, Säle, in den früher gefeiert wurde, wurden zu Schlafstätten umfunktioniert. Selbst ehemals studentische Verbindungshäuser wurden requiriert, so das Haus der Akademischen Turnverbindung Gothania.

Die strengsten Verhaltensvorschriften galten für die Ostarbeiter, Zuwiderhandlungen wurden gnadenlos durch Polizei, Gestapo bis zur Einweisung in das KZ Buchenwald geahndet.

Nichts desto trotz mussten die Ostarbeiter in Arbeitslaune gehalten werden. Für ihre Verpflegung wurden am 16. Januar 1943 spezielle Vorschriften erlassen. Die in Deutschland noch zur Verfügung stehenden, meist rationierten Lebensmittel sollten den russischen Essgewohnheiten angepasst werden: „Gegen grünes Gemüse (Spinat, Mangold, Sauerampfer und Wildgemüse) besteht Abneigung. In geringen Mengen als Blatt im Eintopf wird aber auch das grüne Blattgemüse gegessen. Zu vermeiden ist die Verwendung von Kümmel. Auch lehnt der Russe die süßen Suppen und Tunken ab.“ Und: „Auf alle Fälle muss der Koch darauf achten, dass diese Eintöpfe nicht allzu suppig sind. Außerdem ist stets das Kochwasser von den Kartoffeln mit zu verwenden. Beim Ansetzen der Kartoffeln ist es auch unbedingt erforderlich, dass das Einweichwasser mit zum Kochen verwertet wird.“ Rote Rüben, Steckrüben und Weißkohl hatten wie bei den Deutschen auch Hochkonjunktur.

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