Begraben in fremder Erde: Knapp 100.000 Kriegsopfer in Thüringen beigesetzt

Erfurt.  Fast 106.000 Tote der beiden Weltkriege ruhen in Thüringen. Auch 74 Jahre nach Kriegsende suchen Angehörige beim Volksbund für Kriegsgräberfürsorge nach Gewissheit.

Grabstätte für Kriegsopfer aus der ehemaligen Sowjetunion auf dem Hauptfriedhof in Erfurt.

Grabstätte für Kriegsopfer aus der ehemaligen Sowjetunion auf dem Hauptfriedhof in Erfurt.

Foto: Alexander Volkmann

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Begraben in fremder Erde: Fast 106.000 Tote der beiden Weltkriege ruhen in Thüringen. Nicht nur Soldaten, auch Kriegsgefangene, nach Deutschland verschleppte Zwangsarbeiter sind unter ihnen, Opfer stalinistischen Terrors, Frauen und Kinder. 571 solcher Gräberstätten gibt es in Thüringen. Einige davon stehen erst seit Kurzem in den internationalen Verzeichnissen der Kriegsgräber, weil sie für Jahrzehnte in Vergessenheit gerieten. Die Grabstätte in Obergrunstedt bei Weimar zum Beispiel, wo 104 Kriegsgefangene aus der ehemaligen Sowjetunion, Frankreich und Belgien ruhen.

Ein Datum, ein Ort: Henrik Hug, Geschäftsführer des Thüringer Landesverbandes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, weiß, wie wichtig Angehörigen eine solche Gewissheit ist. Auch 74 Jahre nach Kriegende suchen Menschen noch. Jede Woche erreichen allein die Thüringer Geschäftsstelle ein bis zwei Anfragen. Meist sind es Enkel oder Urenkel, die nach den Gräbern der Großväter suchen. Er erlebt aber auch oft, dass Menschen ein Leben lang die Frage nach dem Schicksal ihres Vaters, Bruders oder Ehemannes mit sich herumtrugen und im Alter eine Antwort wollen.

Manchmal genügen zwei Minuten, und er kann anhand von Namen und Geburtsdatum den Ort des Grabes und das Todesdatum in den Listen finden. Manchmal bringen Anfragen an das Bundesarchiv, wo die Wehrmachtsunterlagen lagern oder an den Suchdienst des Roten Kreuzes Aufschluss. Und manchmal gibt es keine Antworten. Der Mensch bleibt vermisst.

Doch bis heute, so Henrik Hug, werden immer noch Namen bekannt. Allein im vergangenem Jahr wurden in Russland, Weissrußland und der Ukraine die sterblichen Überreste von 23.000 deutschen Soldaten gefunden und in Grabstätten umgebettet. Etwa jeder Dritte kann anhand der Erkennungsmarke identifiziert werden. Wenn es eine Suchanfrage gibt, werden die Angehörigen benachrichtigt.

Es geht, stellt Henrik Hug klar, nicht um Ehrung, sondern um Gedenken. Kriegsgräber sind Mahnung an die Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft. Ein Grund auch, warum Jugendarbeit über Grenzen hinweg zu einem Schwerpunkt der Arbeit des Volksbundes gehört, der vor 100 Jahren gegründet wurde. Versöhnung über Gräber hinweg – so beschreibt Hug das Credo.

Die zentrale Gedenkveranstaltung für Thüringen zum Volkstrauertag findet am Sonntag, 17. Novemver, um 15 Uhr an der Kriegsgräberstätte im Erfurter Südpark statt.

Weitere Informationen auf www.volksbund.de

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