Geboren hinter Gittern: Wohl Hunderte Frauen brachten in politischer Haft Kinder zur Welt

Weimar/Artern/Berlin  Mutmaßlich Hunderte Frauen in sowjetischen Speziallagern oder Gefängnissen für Politische brachten während der Haft Kinder zur Welt. Zuweilen ließ sich die Trennung auch später nicht mehr kitten.

Kindheit hinter Stacheldraht : Treffen 1999 in Sachsenhausen Foto: privat

Kindheit hinter Stacheldraht : Treffen 1999 in Sachsenhausen Foto: privat

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Als unser Anruf ihn erreicht, fährt Rüdiger Sachs gerade durch Artern. Alltag für den 65-Jährigen, denn seit der Wende betreibt Sachs in der Nordthüringer Kleinstadt seine Fahrschule. Fahrlehrer wurde er zu tiefen DDR-Zeiten bei der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), nebenher zu seinem Ingenieurberuf. „Ich war Jungpionier, Thälmann-Pionier, FDJler, wie fast alle“, erzählt Sachs, „eine ganz normale DDR-Kindheit.“ Wenn da nicht sein Geburtsort wäre: Stollberg-Hoheneck. Der berüchtigte DDR-Frauenknast.

Seine Mutter Gerda Schwanz, gebürtige Sachs, war 1949 in Weimar von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Haft verurteilt. Zunächst im Lager Bautzen inhaftiert, kommt sie 1950 nach Hoheneck, wo Anfang Juni ihr Sohn geboren wird. Der Vater lässt sich noch während der Haftzeit scheiden. Nach fünf Monaten wird Rüdiger der Mutter weggenommen und kommt zunächst in ein Säuglingsheim in Leipzig. Es gelingt dem verheirateten Bruder der Mutter, der nach der Verurteilung in ihr Haus in Ifta bei Eisenach gezogen ist, das Kind zu sich zu nehmen und aufzuziehen. Zwar liebevoll umsorgt, erfährt der kleine Rüdiger von seiner eigentlichen Mutter fast nichts. „Es wurde zwar manches Mal über eine „Gerda“ gesprochen, aber das konnte ich nicht zuordnen.“ 1956 wird Gerda Schwanz vorzeitig entlassen, kommt nach Hause. „Nun stand plötzlich eine dünne, streng aussehenden Frau vor mir, die mir Angst machte“, erinnert sich der Sohn.

Mit dem Stigma der Ex-Gefangenen, noch dazu einer politischen, findet die Mutter trotz vielfacher Bemühungen keine Arbeit. Also nimmt sie Rüdiger und flieht gen Westberlin. Der Bruder meldet selbst die Flucht bei der Volkspolizei, in der Hoffnung, damit Rüdiger behalten zu dürfen. Auf West-Berlin folgt Ulm, das Auffanglager. Rüdiger vermisst seine „Eltern“ in Ifta, die Freunde, die vertraute Umgebung. Erst recht, als, ein halbes Jahr später ihr Bruder zu Besuch kommt, der einzige „Vater“, den Rüdiger kennt. Gerda Schwanz gibt auf, lässt den Sohn schweren Herzens mit dem Bruder wieder gen Osten zurückgehen. Erst nach 1969 traut sie sich erstmals in die DDR, um den Sohn zu besuchen. Danach kommt sie regelmäßig, das Verhältnis wird wesentlich besser. Doch über ihre Haftzeit spricht sie kaum. Nur ihre Schreie im Schlaf lassen das Erlittene ahnen. Ihr Gesundheitszustand wird immer schlechter, sie magert ab, wirkt tagelang abwesend. 1980, kurz vor ihrem 60. Geburtstag, stirbt Gerda Schwanz. Ihr Sohn aber bleibt ein Kind der DDR.

Mindestens 42 889 Menschen starben zwischen 1945 und 1950 in den zehn sowjetischen Speziallagern auf deutschem Boden – mehr als jeder dritte Insasse. Sie verhungerten, starben an Krankheiten oder an den oft üblen Haftbedingungen. Es waren Lager, in denen sich kleinere und mittlere Funktionsträger des NS-System befanden, Gegner der Zwangsvereinigung von KPD und SPD, vermeintliche oder wirkliche Aufrührer, angebliche „Werwölfe“ und Menschen, die einfach denunziert wurden, oft als „Agenten“. Wie etwa bei Ella Holdmann. Im April 1946 wollte die junge Frau aus Müden bei Münster noch einmal nach Thüringen, wo sie zu Nazizeiten als Zwangsverpflichtete arbeiten musste, um hier persönliche Gegenstände zu holen. Dabei wird sie verhaftet, als „Agentin“, weil sie aus der britischen Besatzungszone illegal in die sowjetische gereist ist. Im Speziallager Torgau bringt sie ihren Sohn Günther zur Welt, danach kommen beide nach Buchenwald. Nach der Entlassung gelingt Mutter und Sohn die Flucht in den Westen. Dem Sohn erzählen die Eltern nie davon. Dass er ein Lagerkind war, sagt ihm erst im Jahr 2000 eine ehemalige Mitgefangene seiner Mutter.

Wie viele Lebensläufe in Speziallagern und den Haftanstalten für „Politische“ kurz vor und nach Gründung der DDR ihren Anfang nahmen, lässt sich nicht genau bestimmen. In der Regel wies die Lagerbuchführung Kinder nicht gesondert aus. Manchmal sind die Geburten aber von der Sanitätsabteilung festgehalten oder auf einer Karteikarte der Mutter erwähnt worden. Eigene Unterlagen über Kinder wurden jedoch in keinem Fall angelegt. Für die Lagerbürokratie existierten sie nur insofern, als sie Einfluss auf die Zahl der Insassen und damit auf die Anzahl der Verpflegungsrationen hatten. Oder als Verstorbene registriert wurden. Als die letzten Lager 1950 aufgelöst wurden, übergaben die sowjetischen Behörden viele Häftlinge „zur weiteren Strafverbüßung“ an die neugegründete DDR. Die schickte die Frauen und Kinder nach Hoheneck. Man trennte die Kinder von den Müttern und steckte sie in Heime, wo sie isoliert wurden. Bis zur Adaption durch systemtreue Paare. Oder bis zur Rückgabe an die Mütter, die oft in den Westen gingen. Eines der dafür eigens geschaffenen „Übergangslager“ befand sich in Eisenach.

Zahl der Lagerkinder steigt

Alexander Latotzky, selbst Lagerkind, leitet den Verein „Kindheit hinter Stacheldraht“, hat über Jahrzehnte in Archiven geforscht. „In Akten der Volkspolizei finden sich etwa 30 Lagerkinder“, so Latotzky, „aber die Schätzungen gehen auf etliche Hunderte.“ Allein auf der Webseite seiner Vereinigung haben sich inzwischen über 100 registriert. Seit die vom ihm gestaltete Ausstellung mit 13 exemplarischen Biografien durch die Bundesrepublik tourt, werden es immer mehr. Erst vor einigen Tagen, erzählt der Berliner am Telefon, habe sich eine Frau aus Südamerika gemeldet, die wie Latotzky selbst im Lager Sachsenhausen zur Welt gekommen war.

Die meisten der einst zu Unrecht verurteilten Mütter seien inzwischen rechtlich rehabilitiert, in aller Regel auf Antrag der Kinder. Der „Sprawka“, also Reha-Bescheid für Latotzky und seine Mutter erging im Juni 2003 von der russischen Militärstaatsanwaltschaft. „Ich wollte einfach das Unrecht schwarz auf weiß eingestanden sehen“, sagt er, „ansonsten nützt mir das wenig.“ Aus dem Fonds für DDR-Heimkinder würden schließlich nur Therapien oder Kuren bezahlt, „die ich gottlob nicht brauche.“ Ansonsten erhält Latotzky die übliche Rente für Opfer politischer Verfolgung in der DDR. Die bekommt aber nur, wer mindestens sechs Monate im Gefängnis oder Heim war – Rüdiger Sachs in Artern zum Beispiel nicht: Ihm fehlen drei Wochen Heimaufenthalt.

Seit gestern ist die Sonderausstellung „Kindheit hinter Stacheldraht“ im Eingangsbereich des Weimarer Stadtmuseums zu besichtigen, morgen ab 15 Uhr gibt es dazu noch eine Filmvorführung und ein Gespräch mit Zeitzeugen. 27 Mitglieder seiner „Kindergruppe“, die sich seit 1999 jährlich trifft, haben zugesagt, freut sich Alexander Lotatzky. Rüdiger Sachs aus Artern kommt auch. All die Lagerkinder, sagt er, seien ja auch so etwas wie seine Familie.

Weiter Informationen www.kindheit-hinter-stacheldraht.de

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