Ob Hunde wirklich helfen

Im Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig dienen Hunde der Forschung - und haben Spaß dabei.

Ob es wohl einen Unterschied macht, ob ein Locher oder das Lieblingsspielzeug vermisst wird? Eine Versuchsleiterin der Hundestudien testet die Reaktionen eines Versuchstieres. Foto: Max-Planck-Institut

Ob es wohl einen Unterschied macht, ob ein Locher oder das Lieblingsspielzeug vermisst wird? Eine Versuchsleiterin der Hundestudien testet die Reaktionen eines Versuchstieres. Foto: Max-Planck-Institut

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Alte Messe Leipzig. Im Schatten des legendären russischen Pavillons mit dem roten Stern an der Turmspitze, nicht weit von dem einstigen symbolischen Muster-Messe-Tor herrscht Geschäftigkeit. Die Messe ist zwar umgezogen vor die Stadtgrenzen. Doch auf dem alten Gelände haben Super- und Fahrradmärkte zugeschlagen. Größere Paläste laden zum Schlittschuhlaufen und zu vielem Anderen ein. Drumherum ein paar Autohäuser.

Hier nimmt sich die Baracke fast unscheinbar aus. Dafür ist sie nur einen reichlichen Steinwurf vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entfernt, das neben der ebenso neuen Bio-City am Deutschen Platz aus dem Boden gewachsen ist.

Unscheinbar. Aber ungewöhnlich. Ein originelles Graffiti ziert die rechte Außenwand des zu DDR-Zeiten offenbar noblen Bungalows. "Hundestudien" heißt der Schriftzug neben einem locker hingesprühten Hundekopf.

Lea braucht den Schriftzug nicht, um zu wissen, dass es hier um sie geht. Und anders war das auch nicht, als sie zum ersten Mal hierherkam - ein wenig zögerlicher als heute, aber dennoch mit ungebrochener Neugier. Die Nase am Boden schnüffelt sie unentwegt den Pfad entlang bis zur kleinen Treppe. Den Körper aufmerksam gespannt, zieht sie Richtung Eingangstür, den Schwanz jedenfalls freudig erhoben.

Den Weg kennt sie inzwischen. Und inzwischen hat sie auch begriffen, dass hinter keiner der Türen ein Tierarzt mit Spritze, Waage oder anderem unangenehmen Gerät lauert, sondern Aufmerksamkeit, Spaß und Belohnung. Die zehnjährige Mischlingshündin kam schon häufiger hierher, um an den Hundestudien teilzunehmen. Zunächst, weil "ihre Menschen", die schon von dem deutschlandweit einzigartigen Forschungszentrum durch andere Hundehalter gehört hatten, auf ihrer städtischen Hundewiese an einem Baum eine Infokarte gefunden hatten.

Zwar wollte Leas ungefähr gleichaltriges Kleinherrchen nicht bewiesen haben, dass das Tier besonders intelligent oder überhaupt irgendwie besonders wäre. Aber, wie sich der Familienhund bei den Hundestudien anstellen würde, interessierte nicht nur den treibenden menschlichen Altersgenossen.

"Hundestudien"? Das heißt nicht, dass hier Hunde studieren würden, auch wenn sie keinesfalls dümmer herauskommen, als sie hineingehen. Vielmehr sind sie - oder besser gesagt ihr Verhalten - der Gegenstand der Studie.

Was kann man an Hunden schon erforschen? Eine ganze Menge. Der Grund dafür ist so einfach wie schlagend, so erzählt Katja Schönefeld, weil die Art domestiziert ist wie keine andere. 15 000 Jahre, so glaubt die Forschung, ist es her, dass der Mensch den Wolf domestizierte. Lediglich darüber, ob - grob gesagt - dieser Prozess über eine "Selbstdomestikation" vonstatten ging, also der Wolf sich die Bequemlichkeit im Umfeld des Menschen suchte, oder ob der Mensch den Wolf zähmte, gehen die wissenschaftlichen Positionen auseinander.

Auf jeden Fall ist der Hund fixiert auf den Menschen; und eine Konsequenz dessen ist, dass sich der Hund wie kein anderes Haustier zur Erforschung des Umgangs mit kommunikativen Hinweisen eignet.

Sinnvollerweise führt man die Erforschung im Wechselspiel mit Forschungen zu Primaten - also Menschenaffen - und Kindern durch. Dies garantiert größtmögliche Vergleichbarkeit und gültige Ergebnisse. Alle drei Bereiche sind am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie vertreten und kooperieren kontinuierlich. Dennoch gibt es auch zahlreiche Hundeversuche, die als Kontrollbedingungen Versuche mit Wölfen nutzen. Hier arbeiten die Forschungsinstitute mit externen Partnern - oft in Zoos - zusammen.

Katja Schönefeld hat die letzten Monate als Forschungsassistentin am Institut verbracht und ihre Diplomarbeit im Bereich der Hundestudien geschrieben. Sie ist Verhaltensbiologin, einer der gebräuchlichsten Wege zu den Hundestudien. Studiert hat sie in Halle an der Saale. Im Studium hatte sie den häufigsten Praxiskontakt mit Hamstern. Das Forschungspraktikum bei den Hundestudien empfand die junge Frau, deren Hund bei den Eltern in Bad Düben lebt, als große Chance. Trotzdem wird sie nun für ihr Promotionsprojekt ein neues Aufgabenfeld erschließen. Am Dresdner Uni-Klinikum wird sie im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie arbeiten.

Was ihre eigenen Forschungen am Max-Planck-Institut betrifft, so setzte sie sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit einem inzwischen klassischen Experiment auseinander und fand neue präzisere Lösungen, die kurz vor ihrer Veröffentlichung stehen.

Der klassische Versuch von Juliane Kaminski, Martina Neumann, Juliane Bräuer, Josep Call und Michael Tomasello geht der Frage nach, ob Hunde versuchen, Menschen zu helfen.

In der Regel sind die Experimente, die in dem Forschungsbereich durchgeführt werden, Objekt-Wahl-Experimente, bei denen der Hund auf Hinweise reagieren soll, die ihn zu einer Belohnung führen - meist Futter. Der Versuch von Juliane Kaminski und Kollegen kehrt dies in gewisser Weise um und fragt, ob Hunde solche kommunikativen Hinweise auch selbst produzieren können, ob der Hund unabhängig vom offensichtlichen eigenen Nutzen bereit ist, dem Menschen zu helfen.

Vielschichtig ist der Versuch von Kaminski und Kollegen. Für den Test befindet sich der Hund in einem Raum mit dem Versuchsleiter, der mit Alltagsgegenständen arbeitet - mit einem Locher oder einem Radiergummi. Ein Anruf ruft den Versuchsleiter aus dem Zimmer. In seiner Abwesenheit versteckt eine andere Person den zuvor benutzten Gegenstand. Die Frage, der die Forscher nun nachgingen war jene, ob der Hund in der Lage und bereit ist, den zurückkehrenden und den Gegenstand suchenden Versuchsleiter zu unterstützen und ihm zu zeigen, in welchem von vier möglichen Verstecken das Objekt verborgen ist. Grundsätzlich zeigten die Versuche, dass der Hund durchaus versucht zu helfen. Dennoch ergab der Versuch Unschärfen, die Schönefeld in ihrem Anschlussexperiment stärker in den Vordergrund stellt.

Seit Lea per Infokarte angemeldet wurde, ist sie eines von rund 2000 Tieren in der Kartei des Max-Planck-Instituts, von denen aktuell rund 960 aktiv an Studien teilnehmen. Außer dem Namen des Hundes, den Kontaktdaten des Besitzers, Alter und Rasse sind hier auch Informationen erfasst wie jene, ob der Hund sich mit Leckerlis oder Spielsachen motivieren lässt, oder ob er mit anderen Hunden klarkommt. Schließlich könnte es ja auch sein, dass es einmal zu Begegnungen mit Artgenossen gleichen oder anderen Geschlechts kommt. Mitmachen darf grundsätzlich jeder Hund, der offen auf Menschen reagiert - unabhängig von Rasse, Alter und Vorkenntnissen. Er muss nur motivierbar sein und auch einmal einige Zeit ohne Herrchen oder Frauchen zurecht kommen. So genannte Halterstudien, bei denen der Hund mit seinem Besitzer agiert, werden dennoch nicht selten zur Kontrolle der Ergebnisse eingesetzt, die die Tests mit einer fremden Person überprüfen und nicht selten auch relativieren.

Dass die Arbeit mit so vielen und verschiedenen Hunden nie an Spannung verliert und Tag für Tag Überraschungen bereithält, ist selbstverständlich.

Sehr viel geräumiger als das Gebäude von außen wirkt, bietet das Versuchszentrum der Hundeforscher mehreren Testräumen Platz. Ein Gärtchen dahinter eröffnet die Chance, auch draußen zu testen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass kleine Pannen passieren, wie jene, dass ein Hund in einem winzigen Moment des Unbeobachtetseins die Tür zur Futterkammer öffnet und zur Selbstbedienung übergeht. Katja Schönefeld weiß, welch schlechtes Gewissen man dann gegenüber dem Besitzer hat. Die Tür zu dem Futtervorrat jedenfalls haben bisher immer alle Hunde von sich aus gefunden. Insofern weiß die junge Forscherin jetzt: Es hilft nur eins - immer abschließen.

Lea auf jeden Fall hat für heute ihren Versuch absolviert - den Anschlussversuch von Katja Schönefeld. Zensuren gibt es bei den Hundestudien nicht, auch kein Zertifikat mit Hunde-IQ, dafür ungebrochene Aufmerksamkeit von netten jungen Damen.

Und zum Schluss gibt es zusätzlich zu den längst vertilgten Motivationsleckerlis noch eine Belohnung. Ein neues Spielzeug aus einer großen Kiste hat sich Lea selbst ausgewählt, erwartungsvoll, darauf herum zu beißen. Das trägt sie selbst. Und der Mensch ist geneigt, einen gewissen Stolz in die Haltung hinein zu interpretieren, mit der sie es von dannen trägt. Sie wird gegebenenfalls vermutlich gern wiederkommen.

Buchempfehlung: J. Kaminski & J. Bräuer: "So klug ist ihr Hund". Kosmos Verlag. 160 S., 19,95 Euro

Weitere Infos: http://www.eva.mpg.de/

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