Raben und Clowns blicken aus der Defensionskaserne

Erfurt  Sylwia Mierzyska führt Kunstprojekt auf dem Petersberg fort und zeigt im Rathaus die Werke von neun Fotografen

Die Defensionskaserne als Ausstellungsfläche: Mehr als 50 Bilder zieren seit gestern das leerstehende Gebäude auf dem Petersberg. Vor einem Jahr hatte die Aktion begonnen, nun kamen achtzehn weitere Kunstwerke hinzu. Foto: Marco Schmidt

Die Defensionskaserne als Ausstellungsfläche: Mehr als 50 Bilder zieren seit gestern das leerstehende Gebäude auf dem Petersberg. Vor einem Jahr hatte die Aktion begonnen, nun kamen achtzehn weitere Kunstwerke hinzu. Foto: Marco Schmidt

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Sie macht sich gerne selbst ein Bild. Von der Stadt, in der sie lebt. Von Plätzen und Gassen. Und von ihren Mitmenschen. Deshalb hat Sylwia Mierzynska meist ihre Fotokamera dabei, um im entscheidenden Moment auf den Auslöser drücken zu können.

Doch auch das eigentliche Stadtbild liegt ihr am Herzen – und so verschönerte sie gestern den Petersberg. Genauer gesagt: die Fassade der Defensionskaserne. 18 mit ganz unterschiedlichen Motiven versehene Holzplatten hat sie in den Fensternischen des leerstehenden Gebäudes angebracht.

Insgesamt sind es nun mehr als 50 Bilder in der „Fassadengalerie“, dank derer die Defensionskaserne selbst zum Kunstwerk wird. Solange die Zukunft des Bauwerks nicht genau geklärt ist, möchte Sylwia Mierzynska die Open-Air-Galerie zeigen und weiter ausbauen. Das Okay der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Eigentümerin hatte sie sich vor einem guten Jahr geholt. Nun sitzt in einem Fenster ein Rabe, und woanders schaut ein Clown heraus, während an einem Bauzaun in der Nähe Tiger und Giraffen entlang spazieren.

„Es sind alles Fotografien von ganz unterschiedlichen Leuten“, sagt die Initiatorin. „Profifotografen sind genauso dabei wie Anfänger und erfahrene Hobbykünstler.“ Manche zeigen Architektur oder Kunst im öffentlichen Raum, andere bevorzugen Porträts von Menschen oder Tieren.

Wer den Blick vom Petersberg aus Richtung Altstadt schweifen lässt, erkennt den zweiten Ort, an dem Sylwia Mierzynska derzeit Fotokunst außerhalb von Museen und Galerien zugänglich macht: das Rathaus. Auch dort, im langen Flur des zweiten Obergeschosses, hat sie Werke von neun Fotografinnen und Fotografen vereint. Ganz persönliche Perspektiven auf Erfurt. Manches ist künstlerisch-abstrakt, anderes doku- oder kommentiert das kulturpolitische oder zwischenmenschliche Geschehen in der Stadt.

Hans-Jürgen Weilepp etwa hat Leute in den Fokus genommen, die auf Straßenbahnen warten. Manche sind alt, andere jung. Sie haben helle oder dunkle Haut, schauen aufs Handy oder in die Ferne. Woher sie kommen oder wohin sie fahren, weiß man nicht; doch sie sind alle Teil des öffentlichen Raums.

Bettina Wolf hat im Antiquariat historische Postkarten gefunden und zeigt diese an den gleichen Orten in der Gegenwart. Farben und Details haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, und dennoch sind es Angerbrunnen, Bahnhofsvorplatz und Wenigemarkt geblieben – egal zu welcher Zeit.

Sylwia Mierzynska selbst hat Menschen, die sie in Erfurt vor der Linse hatte, gefragt, wo sie geboren sind. Die Antworten hat sie unter die Bilder der Gesichter geschrieben: Mühlhausen, Bilbao, Breslau und Bad Liebenstein sind einige der Geburtsorte. „Wir sind vielfältig und wandern“, fasst die Fotografin, die selbst aus Polen stammt, ihre Ergebnisse zusammen. Egal woher sie kommen – die Menschen machen die Stadt aus.

Eine der beeindruckendsten Arbeiten hat Mohamoud Alshekh Ali zusammengestellt. Er zeigt Fotos aus Erfurt und aus einer Stadt in Syrien, wo er viele Jahre lebte und fotografierte: Esel und Kühe vor dem Stall, Straßen im Nebel ... Erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt man, was wo aufgenommen wurde. Szenen, die er aus seiner Heimat kannte, erblickte er in Erfurt wieder.

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