Sozialforscher: Thüringen steht vor Herausforderungen wie nur wenige Regionen in der Welt

Erfurt  Dem 2. Thüringer Sozialstrukturatlas zufolge steht Thüringen vor Herausforderungen wie nur wenige Regionen in der Welt.

Sozialforscher Marcus Helbig.

Sozialforscher Marcus Helbig.

Foto: Holger Wetzel

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Es gibt nur wenige Regionen auf der Welt, die vor derart großen demografischen Herausforderungen stehen wie Thüringen und die anderen ostdeutschen Bundesländer.

Dieses Fazit zieht der 2. Sozialstrukturatlas für Thüringen, den Sozialministerin Heike Werner (Linke) und der Sozialforscher Marcel Helbig am Montag vorgestellt haben und der bis zum Jahresende noch mit Akteuren etwa in den Bereichen Familie und Arbeit diskutiert werden soll. Der Anfang wurde mit der Konferenz „(Un)Gleiches in Thüringen?“ in Erfurt mit fast 250 Teilnehmern gemacht.

Das 177 Seiten umfassende Papier schreibt den 2011 erstellten 1. Sozialstrukturatlas fort, der nach den Worten von Heike Werner nur „eine Momentaufnahme der Lebenslagen in Thüringen“ sein konnte. Es zeigt anhand von Daten aus den Jahren 2010 bis 2017 für alle Landkreise und kreisfreien Städte in Thüringen auf, wie sich der Freistaat in acht Bereichen von Demografie über Familie und Wohnen bis zur gesellschaftlichen Teilhabe entwickelt hat und sich demografisch in den nächsten Jahren entwickeln wird.

„Anders als bei bisherigen Sozialstrukturatlanten sind wir tiefer in die Materie hineingegangen, das heißt, wir haben uns in vielen Landkreisen auch die Gemeinden und in den großen Städten die Stadtteile angeschaut“, sagte Marcel Helbig von der Uni Erfurt, Leiter des Projekts. Dadurch sei deutlich geworden, wie unterschiedlich mitunter die Sozialstruktur auch innerhalb der Landkreise und kreisfreien Städte sei.

Weniger Junge versorgen mehr Ältere

Infolge der Abwanderung vieler junger Thüringer nach der Wende sei dem Freistaat „ein Großteil der heutigen demografischen Mitte abhanden gekommen“. Es gebe immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, die die Versorgungslasten der Älteren tragen müssten. Dieses Ungleichgewicht drücke sich auch im sogenannten Altenquotient aus: Derzeit müssten statistisch gesehen 40 Menschen ab 65 Jahren von 100 erwerbsfähigen Thüringern versorgt werden. Damit liege Thüringen schon jetzt acht Punkte über dem deutschen Altenquotienten. Bis zum Jahr 2030 werde der Quotient auf 58 steigen. Dabei – und das sei bei vielen Indikatoren so – gehe die Schere zwischen Erfurt, Weimar und Jena sowie den umliegenden Landkreisen einer- und den restlichen Landkreisen andererseits immer weiter auf. Ähnlich verhalte es sich im Bereich Wohnen: Während in Zentralthüringen Wohnraum knapp sei, gebe es im ländlichen Raum immer mehr Leerstand. „Das hat dann oftmals auch soziale Folgen“, sagte Helbig.

Doch nicht nur die Abwanderung führe – der in ganz Thüringen stark gesunkenen Arbeitslosenquote zum Trotz – zu weit verbreiteter Unzufriedenheit, die sich auch im Wahlverhalten niederschlage. Sondern auch der Männerüberschuss in einigen Regionen. In vielen Branchen sei inzwischen der Fachkräftemangel angekommen.

Positiv bewertet der Atlas den Bereich frühkindliche Bildung und Betreuung: Zusammen mit Sachsen und Hamburg habe Thüringen mit Abstand die höchste Ganztagsbetreuungsquote, was auch deutlich mehr Eltern als in den alten Bundesländern eine Vollzeitbeschäftigung erlaube.

Wenig getan habe sich jedoch bei der Kinderarmut: „Wir haben Städte wie Mühlhausen, Artern und Altenburg, in denen wir eine sehr hohe Quote von Kinderarmut haben“, so Helbig. Zudem balle sich die Armut in den Plattenbaugebieten in Erfurt, Gera oder Jena-Lobeda. Es gebe Quartiere, in denen 50 Prozent aller Kinder von Sozialleistungen lebten.

Altersarmut scheine in Thüringen dagegen noch kein großes Problem zu sein, betrachte man die Quote derer, die Wohngeld (3 Prozent) oder Grundsicherung im Alter (1 Prozent) beziehen.

In den nächsten Jahren werde es einen weiteren Anstieg geben – vor allem, weil dann jene das Rentenalter erreichen, deren Erwerbsbiografien nach der Wende Brüche aufweisen.

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