Naturschutz oder Energiehunger

In Brasiliens Regenwald soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt gebaut werden. Filmemacherin Jana Lemme, gebürtig in Ostthüringen, hat sich für das ZDF auf die Reise dorthin begeben.

Der Rio Xingu ist ein Zufluss des Amazonas und eines der letzten intakten Flusssysteme Brasiliens - noch.

Der Rio Xingu ist ein Zufluss des Amazonas und eines der letzten intakten Flusssysteme Brasiliens - noch.

Foto: zgt

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Im Herzen Amazoniens liegt die größte und teuerste Baustelle Brasiliens: Das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt soll hier gebaut werden: Belo Monte. Wissenschaftler warnen vor den verheerenden ökologischen Folgen. Dieser Eingriff in die Natur wird so weitreichend sein, dass die Hälfte des Amazonas-Regenwaldes vernichtet werden könnte

Besonders hart trifft es die Indios. Der Rio Xingu, der gestaut werden soll, ist die Lebensader für Dutzende von Indianervölkern. Filmemacherin Jana Lemme, aufgewachsen in Langendembach bei Pößneck, hat sich für das ZDF auf die Reise zu ihnen begeben.

Frau Lemme, wie gelangt man von Langendehnbach in die Redaktion Umwelt beim ZDF?

Ich habe in Leipzig Germanistik studiert, war 1990 fertig und bin dann zunächst zum Vorgänger des MDR gegangen. Der hieß damals Thüringer Fernsehen, und ich war für ein Jahr in Gera. In einer Zeitungsannonce las ich damals 1991, dass das ZDF junge, unbelastete Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern sucht. Ich war 25 Jahre alt, hab’ mich beworben und tatsächlich ein heiß begehrtes Volontariat beim ZDF ergattert. Danach bin mit meinem Sohn nach Thüringen zurückgekehrt.

Sehnsucht nach der Heimat?

Ich bin hier geboren, meine Familie lebt ja auch noch hier. Ich war Korrespondentin im ZDF-Landesstudio in Erfurt. Danach musste ich zurück in die Zentrale. Das war nicht einfach, denn mein Sohn war damals erst 11 Jahre alt und wechselte meinetwegen schon zum dritten Mal die Schule. Half alles nichts, und so habe ich ihn 1997 wieder unter den Arm geklemmt und bin nach Mainz gegangen. Ich konnte in vielen Redaktionen arbeiten, und Umweltthemen spielten dabei immer eine Rolle. Seit anderthalb Jahren bin ich nun direkt in der ZDF-Redaktion Umwelt.

Ein spannendes Gebiet.

Ja. Früher war das immer ein Außenseiterthema für die, die sich vegan ernährten und Filzpantoffel trugen. Aber seit ein paar Jahren sind diese Themen auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wie lange haben Sie Ihren Beitrag zu Belo Monto und die Reise dahin vorbereitet?

Das Thema hatte ich schon lange im Hinterkopf. Unser Kameramann Nikolaus Tarouquella, der mit einer Brasilianerin verheiratet ist, hat mich immer wieder mit der Nase darauf gestoßen. Das ganze Jahr 2011 sind wir an der Geschichte dran gewesen, Ende August wurde sie konkret. Wir haben eine deutsche Protagonistin gefunden, was für die Zuschauer immer schöner ist. Die sollten sich zum einen wegen des Regenwaldes für den Beitrag interessieren. Der ist nun mal die grüne Lunge für uns alle. Zum anderen aber auch für die Menschenrechtsaktivistin Rebecca Sommer aus Berlin, die die Ureinwohner bei ihrem Kampf gegen das Staudammprojekt unterstützt. Im September haben wir alles geplant, die Flüge mit drei Mal umsteigen, Unterkunft in einer völlig überfüllten Stadt, die Drehs bei den Indios und so weiter. Mitunter schwierig aus der Ferne, weil sich so vieles eben nicht planen und organisieren lässt. Man braucht da ein großes Gottvertrauen, vor allem ich als Atheistin.

Sie haben Indio-Völker am Rio Xingu besucht. Ist der Kontakt einfach herzustellen?

Rebecca Sommer hatte schon vorher einen guten Kontakt zu den Indios aufgebaut. Davon haben wir natürlich profitiert und konnten dann mit dem Boot auf dem Fluss die drei Dörfer anfahren. Das war auch das erste Mal für mich, dass ich in einer Hängematte unterm Moskitonetz mitten im Regenwald geschlafen habe – wenn die Brüllaffen dann mal still waren. Ist eine prima Erfahrung, vor allem, wenn ich nach diesen Tagen auch mal wieder ins Hotel durfte, eine Dusche hatte, ein richtiges Bett. Man lernt das wirklich zu schätzen.

Wie lange waren Sie dort?

Fast drei Wochen mit An- und Abreise und Vorbereitung vor Ort, wovon wir zehn Drehtage hatten.

Macht es Sie wütend, was in Brasilien gerade mit der Natur und den Indios passiert?

Als Journalist sollte man ja professionelle Distanz bewahren. Aber ich schaffe das oft nicht ganz. Es sind solche Ungerechtigkeiten, die man dort sieht. Den Indios wird mit ihrem Fluss die Lebensgrundlage entzogen. Die Araras sagen ganz klar: Ohne Wasser gibt es keine Fische mehr, dann sterben auch wir. Der Häuptling hat uns erzählt, dass sie gefügig gemacht werden sollen mit Geschenken – Seife, Zucker, Cola. Denkt man weiter, dann ahnt man, dass ihre Kultur sterben wird. Die Indios werden Brasiliens Wirtschaftswachstum geopfert. Das macht mich sehr traurig.

Was hat Sie in Brasilien am meisten beeindruckt?

Ich war noch nie bei solch ursprünglichen Indio-Völkern. Das war für mich schon absolut beeindruckend, wie sie nur von der Natur leben. Von dem, was sie finden, jagen, fischen oder anbauen können.

Was können Sie mit Ihrem Fernseh-Beitrag erreichen?

Das frage ich mich auch immer. Aber ich habe die Illusion, dass ich ein bisschen was erreichen kann und die Leute zumindest darüber nachdenken. Das sind ja auch Dinge, die uns hier betreffen. Natürlich wollen wir alle ein gutes Leben haben. Doch können wir das wirklich nur mit ständigem Wirtschaftswachstum erreichen? Welchen Preis zahlen wir dafür? Müssen wir in Thüringen wirklich jeden Baum zu Geld machen? Es tut mir einfach in der Seele weh, wenn ich sehe, wie wir die Natur zerstören. Und ich werde immer wieder Filme darüber machen und hoffen, dass sich etwas ändert.

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"Staudamm contra Regenwald", 12. Februar, 13:35 Uhr, ZDF

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