Pfarrer Gerhard Reuther: Mission erfüllt bei Reise nach Ruanda

Ruhla  Kooperationspartner für das Thüringer Patenschaftsprojekt gefunden. Kinder werden vor Armut und Prostitution bewahrt

Zwei der durch das Patenschaftsprojekt betreuten Mädchen.

Zwei der durch das Patenschaftsprojekt betreuten Mädchen.

Foto: Gerhard Reuther

Die Eltern von Louise sind arbeitslos und besitzen kein Land, ein Schulbesuch ist so für die Siebenjährige unmöglich. Josiane musste die Schule abbrechen, da ihre Familie die Gebühren nicht mehr bezahlen konnte.

Beide Kinder hat Ruhlas Pfarrer Gerhard Reuther bei einer Reise für das Bildungspatenschafts-Projekt des Ökumenischen 1Welt-Kreises aus Thüringen kennengelernt, für sie werden dringend Paten gesucht.

Der Pfarrer wünscht sich von Herzen, dass es klappt, denn er weiß von seinen Besuchen in Ruanda, was den Kindern sonst bevor steht: „Sie werden wahrscheinlich zu Bettlern.“ Insbesondere bei Mädchen sieht er zudem die Gefahr von Prostitution. „Viele arme Mädchen werden mit Versprechen ins Ausland gelockt, im günstigsten Fall macht man sie zu Hausmädchen, häufig aber zu Sex-Sklavinnen“, so Reuther.

Eine Patenschaft verhindert nach seinen Erfahrungen so ein Schicksal. Mit einem Schul- und Berufsabschluss beziehungsweise Studium könnten die Kinder später für sich sorgen. Auf seiner Reise hat er vielfach den Beweis erlebt, zum Beispiel bei einem Treffen mit erwachsenen Patenkindern mit erfolgreichem Abschluss. Viele haben keine Eltern oder sind Halbwaisen. „Wir wollten sie zusammenbringen, damit sie sich kennenlernen und ein familiäres Verhältnis entsteht“, erklärt Reuther. „Sie sollen Geborgenheit erfahren, voneinander wissen und füreinander da sein.“ Der 1-Welt-Kreis will über die Ausbildung hinaus Kontakt mit den Patenkindern halten, um ihren weiteren Lebensweg zu begleiten. „Idealerweise entsteht ein enges Netzwerk, von dem alle profitieren“, so der Pfarrer.

Viele Kinder müssen ständig hungern

Er traf auch Patenkinder, die noch die Schule besuchen. Einige kannte er bereits. „Es ist immer wieder schön, zu erleben, welche positive Veränderung eine Patenschaft für die Kinder und ihre Familien bewirkt“, sagt er. „Deshalb kann ich den Paten von Herzen danken und sie zugleich ermutigen, ihr Patenkind zu besuchen. Es ist für beide Seiten eine Bereicherung.“

Zumindest die Weitergabe von Fotos und familiären Informationen hält er für wichtig, damit die Kinder Personen mit ihrer Patenschaft verbinden.

Unter anderem traf er an einer Blindenschule Perlin, den er als exzellenten Schüler beschreibt und der Kopfhörer mit Mikrofon geschenkt bekam, damit er mit dem PC kommunizieren kann. Perlin möchte Journalistik studieren, doch für blinde Studenten gibt es nur in Kenia eine Ausbildung – er braucht auch nach dem Schulabschluss finanzielle Hilfe. Joseline hat Lernprobleme, vermutlich wegen Ausfallzeiten durch Malaria. Mit einem Lied bedankten sich die blinden Schüler bei ihren Paten. Faith traf er an einer Internatsschule – sie fühlt sich dort sehr wohl und bedauert nur das eintönige Essen, das ihr Magenprobleme bereitet.

Offensichtlich ein Problem an vielen Schulen, stellte Reuther fest. Auch andere Kinder berichteten von Bauchschmerzen. Oft gibt es jeden Tag nur Ugali (Maisbrei), manchmal noch Reis, Kartoffeln und Bohnen, selten Obst. Immerhin bekommen sie überhaupt etwas zu essen. „Für viele Kinder ist Hunger ein ständiger Begleiter“, betont der Pfarrer.

In einem Kindergarten für Gehörlose lernte er Denise kennen – das zurückhaltende Mädchen ist neu im Projekt und erhielt einen Brief mit Foto von ihren frisch gekürten Pateneltern sowie einen Rucksack und Bleistifte aus Deutschland.

Die Besuche bei Patenkindern waren nur ein Grund für die Reise, hauptsächlich ging es darum, die Zukunft des Projektes zu sichern. Seit einigen Jahren war Dietmar Mauermann Projektleiter, doch der in Ruanda lebende Deutsche will zurückkehren und ein Kooperationspartner vor Ort musste gefunden werden. Mauermann und Reuther trafen sich mit Vorstandsmitgliedern der Hilfsorganisation „Amizero Y’Ubuzima“ (AYU), übersetzt „Hoffnung fürs Leben“, und beide waren angetan von der „angenehmen und konzentrierten Arbeitsatmosphäre“. Mitglieder des 1Welt-Kreises stimmten per Mail der Kooperationsvereinbarung zu, so dass sie unterzeichnet wurde.

Ein Ziel ist es, das Projekt so zu strukturieren, dass die Familien mehr in die Förderung der Kinder einbezogen werden. „Damit sie nicht in eine Empfängerhaltung verfallen, die die Unselbstständigkeit fördern“, erklärt Reuther. So wird manchen Eltern „ein Business“ ermöglicht, zum Beispiel indem sie eine Ziege oder ein Schaf erhalten, um Milch und Käse verkaufen zu können, oder indem sie dank des Pachtens von Land Ackerbau betreiben. Schon allein wegen der Selbstachtung sollten Menschen seiner Ansicht nach selbst für sich sorgen können.

Nicht nur durch finanzielle Hilfe, sondern sie werden auch beraten. „Viele Kinder haben sonst keinerlei Ansprechpartner“, erklärt der Pfarrer. „Unser Projekt verändert das Leben der jungen Menschen zum Positiven“, schwärmt er. Die Paten und Spender könnten gar nicht ermessen, welch große Auswirkung ihre Hilfe hat. „Die Mädchen und Jungen sind ihnen sehr dankbar und sehen sie teilweise als Eltern an, denn sie fühlen sich versorgt und mit einer Lebensperspektive beschenkt, von der sie nicht zu träumen gewagt haben“, so der Pfarrer.

Aber auch traurige Erfahrungen musste er machen, zum Beispiel mit Joyce, die als Gehörlose keine Arbeit findet. Am liebsten würde sie ihr eigenes IT-Unternehmen beginnen, doch dafür fehlen ihr die Mittel.

Der Pfarrer reist seit 2007 mindestens alle zwei Jahre nach Ruanda. Dabei wurde er mit vielen Besonderheiten des Landes konfrontiert. Zum Beispiel bei einer Autofahrt, als feiner roter Sand in jeden Winkel eindrang, am Abend hatte er rötliche Haare. Beim Besuch einer Schule war ein Gebäude ausgebrannt, weil es einen Kurzschluss gab.

Nur kalte Duschen in den Hotels

Nur einmal konnte er mit warmem Wasser duschen – im Hotel in Kigali wurde selbst das kalte Wasser nur angestellt, wenn man darum bat. „Wir sind privilegiert, dass stets Wasser aus dem Hahn kommt“, betont der Pfarrer. Einen Schock empfand er, als er nachts vor einem verschlossenen Gästehaus stand, dank eines Wachmann musste er nicht im Freien übernachten. Eine weitere Überraschung erlebte er mit dem lokalen Bier: „Es schmeckt völlig anders, da es aus Bananen und Sorghum gebraut wird“.

Immer wieder beeindruckten ihn Menschen wie Madame Kayonga, die mit 85 Jahren und trotz Beinoperation eine Vorschule mit 20 Kindern führt. „Eine enorme Leistung“, sagt der Pfarrer, „das beeindruckt mich mehr als die Großprojekte, denn hier geschieht im Stillen Basisarbeit mit Herz und Seele ohne jeden finanziellen Vorteil“. So ist es auch mit dem Onkel eines Patenkindes, der Reggae-Musiker will die Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

Dietmar Mauermann ist inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, 2019 übergibt er die Projektleitung endgültig an AYU. „Mission erfüllt“, sagt der Pfarrer zum Ziel seiner Reise, „ich bin außerordentlich zufrieden und zuversichtlich“. Das Projekt sieht er als gesichert an – nun hofft er auf viele weitere Paten und Spender. Das können neben Privatpersonen auch Schulen, Betriebe, Institutionen und Vereine sein. Reuther: „Unterstützen Sie ein Projekt, das schon so vielen Kindern und Jugendlichen eine gute Lebensgrundlage ermöglicht hat und, so Gott will, noch ermöglichen wird.“

Kontakt: Pfarrer Gerhard Reuther, Leiter des Ökumenischen 1Welt-Kreises im Erbstromtal, Tel. (036929) 6 21 37, E- Mail: 1world@st-concordia.de

Zu den Kommentaren