Viele Informationen, viel Ablenkung: Darum ist Abschalten wichtig

Berlin  Das Handy ist nur einen Handgriff entfernt. Doch die ständige Nutzung hat Folgen fürs Gehirn. Experten erklären, warum man im Urlaub ganz wörtlich abschalten sollte.

88-mal pro Tag schauen wir im Schnitt aufs Smartphone. Immer wieder springt dabei auch das Belohnungssystem im Hirn an.

88-mal pro Tag schauen wir im Schnitt aufs Smartphone. Immer wieder springt dabei auch das Belohnungssystem im Hirn an.

Foto: istock

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Ferienzeit ist Zeit zum Entspannen. Experten raten dazu, es in den Urlaubswochen daher auch mit einer Auszeit von Smartphone und Tablet zu versuchen - und ganz wörtlich einmal abzuschalten. „Es bringt enorme Vorteile, in seinem Leben digitalfreie Zonen zu schaffen“, sagt Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee und Autor des Buches „Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen“.

Was die Allgegenwärtigkeit von Kurznachrichten, sozialen Medien und Webseiten für Folgen hat, wird seit geraumer Zeit untersucht. Und es mehren sich die Hinweise, dass die ewige Flut an Informationen die Menschen auszehrt - und einige sogar überfordert und krank macht. „Unsere Zivilisation muss erst noch den richtigen Umgang mit den Versuchungen der Digitalgeräte finden“, glaubt Wildt.

Zwei Stunden täglich am Smartphone

Vor zehn Jahren waren Smartphones als Massenprodukt noch praktisch unbekannt. Heute verbringen die Erwachsenen zwischen 18 und 49 Jahren im Schnitt gute zwei Stunden täglich mit dem Gerät, wie eine Studie des Mobilfunkanbieters Telefónica ergeben hat. Hinter dieser Zahl verbirgt sich jedoch eine wesentlich intensivere Nutzung: Für 78 Prozent der Befragten ist das Gerät nie aus, wird laufend abgefragt, meldet sich dauernd mit Signalen.

Eine Mehrheit legt das Smartphone in ihrer Freizeit maximal eine Stunde am Tag außer Reichweite ab. Forscher des deutschen „Menthal Balance“-Projekts, die über eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachten, haben herausgefunden, dass jeder Nutzer mittlerweile 88 Mal pro Tag auf das Gerät schaut.

Der Mensch lagert Wissen ins Internet aus

Die Jugendlichen verbringen sogar noch mehr Zeit mit ihren Handys als die Erwachsenen. Die tägliche Smartphone-Nutzungsdauer von Zwölf- und 13-Jährigen hat sich im vergangenen Jahr um fast ein Viertel auf zwei Stunden und 45 Minuten erhöht. Fast die ganze Altersgruppe ist davon betroffen: 97 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen besitzen ein Smartphone, wie die Studie zu Jugend, Information und Medien des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zeigt.

Dem abrupten Auftauchen des Smartphones als zentrales Technikgerät stehen zunehmend alarmierende Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen gegenüber. „Der interaktive Charakter der Sozialmedien aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn“, sagt te Wildt. Die Beschäftigung damit könne daher zu einer regelrechten Sucht werden. Ausgeklügelte Computerprogramme sorgen dafür, dass immer neue interessante Inhalte erscheinen - das gilt für Videoseiten genauso wie für Facebook. Untersuchungen zur Gehirnaktivität zeigen, dass das „Pling“ oder die Vibration einer neuen Nachricht eine ganze Reihe von Prozessen im Gehirn auslöst.

Auch Professor Martin Korte sagt, „dass wir die digitalen Medien so einsetzen, dass wir unserem Gehirn keinen Gefallen tun“. Der Neurobiologe aus Braunschweig beschreibt zwei weitere Folgen der Digitalnutzung: Zum einen lagere der Mensch Wissen ins Internet aus, zum anderen schrumpfe das Gedächtnis.

Wer mit Smartphone und Internet aufwachse, sagt Korte, denke kaum noch darüber nach, ob er die Antwort auf eine Frage selbst wisse. Er sinniere vielmehr darüber, wie und wo er die Antwort im Netz suchen könne. „Um eine Antwort als gut oder schlecht einschätzen zu können, braucht es aber Vorwissen, dieses sammelt man nicht mehr“, sagt Korte.

Reine Anwesenheit des Smartphones auf Tisch verringert Denkfähigkeit

Und auch das sei bedenklich: Die digitale Welt beeinflusst das menschliche Arbeitsgedächtnis. „Die Zeit, in der wir uns konzentrieren können, ohne uns abzulenken, wird kleiner“, erklärt Korte. Es gebe Untersuchungen, die zeigten, dass eine Reihe von Nutzern am Computer nur noch etwa 40 Sekunden konzentriert einer Sache nachgehen können, bevor sie sich ablenken lassen. „Man kann erwarten, dass das nicht zu einer sinnvollen Arbeitsproduktivität führt“, sagt Martin Korte.

Tatsächlich kann schon die reine Anwesenheit des eigenen Smartphones auf dem Tisch die Denkfähigkeit deutlich verringern, wie ein Experiment der University of Texas in Austin (USA) gezeigt hat. Wenn das Gerät in der Tasche steckt, ist die Konzentration ebenfalls beeinträchtigt. Erst wenn das Gerät aus dem Raum entfernt wurde und damit komplett aus dem Sinn war, brachten die Teilnehmer der Studie volle Leistung. Hohe Konzentration ist jedoch für Schule und Studium ebenso wichtig wie für Beruf und Freizeit. Psychiater te Wildt findet es daher schade, dass sich viele Menschen um die Chance betrögen, eine Aufgabe fokussiert durchzuziehen. Neurobiologe Korte ist davon überzeugt, dass die Erfindung des Smartphones dazu beigetragen hat, dass sich Menschen seit etwa zehn Jahren zunehmend überfordert fühlten von Informationen.

Schlechtes Vorbild für die Kinder

Für ihn gibt es einen Zusammenhang. Dass es grundsätzlich abwärtsgeht mit Hirn und Konzentration, glaubt Korte allerdings nicht. Nicht die digitalen Medien seien schuld an der Überlastung, sondern die Art ihrer Nutzung.

Bert te Wildt rät jedem, in Eigenverantwortung dafür Sorge zu tragen, zumindest gelegentlich richtig zur Ruhe kommen zu können. Und er nimmt dabei die Eltern in die Pflicht: Meist seien sie ein schlechtes Vorbild für ihre Kinder, weil sie selbst ständig am Handy hingen. „Das Bindungsverhalten schon der Kleinsten leidet, wenn sich Eltern mit dem Smartphone beschäftigen, statt sich ihnen zuzuwenden“, sagt te Wildt. Es sei also schädlich, beim Schieben des Kinderwagens vor allem auf den Bildschirm zu schauen. Und auf langen Autofahrten sei es besser, gemeinsam ein Hörspiel zu hören, statt die Kinder auf der Rückbank mit digitalen Geräten ständig ruhigzustellen. Hier seien die Eltern gefragt, auch mal Nein zu sagen.

Im Abwehrmodus

Das Gehirn ändert seine Verarbeitungswege als Reaktion auf das, was von außen einströmt, sagt Neurobiologe Martin Korte aus Braunschweig. Das Hirn, das sich überfordert fühlt, schalte in einen Abwehrmodus. Zu hohe Komplexität führe oft zum Ausweichen ins Vereinfachen.

Dieser Prozess hat dem Wissenschaftler zufolge auch Folgen für die aktuellen Diskussionen über Politik und Gesellschaft. Wer überfordert sei, sagt Korte, den bringe man auch nicht durch die Vorlage von 100 Fakten dazu, „differenziert etwa über einen US-Präsidenten Donald Trump nachzudenken.“

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