1000 neue Bewässerungssäcke schützen Bäume im Erfurter Nordpark

Erfurt  Das Gartenamt gießt 2000 der 60.000 städtischen Bäume regelmäßig und denkt über Strategien zum Klimawandel nach

Angelika Gehlhaar, Chef-Baumpflegerin im Gartenamt, demonstriert die Funktionsweise eines Bewässerungssackes.

Foto: Holger Wetzel

Der zweite trockene Sommer hintereinander macht auch den Stadtbäumen schwer zu schaffen. Das Gartenamt, das 2000 der 60.000 städtischen Bäume auch in weniger trockenen Zeiten regelmäßig gießt, hat derzeit alle Hände voll zu tun. Immer öfter kommen dabei Bewässerungssäcke zum Einsatz. 2017 erstmals erprobt, sind die Baumbeutel im Vorjahr zum gewohnten Anblick geworden.

Bislang waren es rund 450 Jungbäume sowie Bäume an Hängen und anderen kritischen Standorten, die zwischen März und Oktober mit jeweils zwei 75 Liter großen Säcken ausgestattet sind. 125 ältere Bäume kommen nun noch hinzu.

Die neuen Nutznießer stehen im Nordpark. Sie erhalten die Trink-Kur, um die Beeinträchtigung durch die Buga-Großbaustellen so gering wie möglich zu halten. Weil die Stämme dicker und die Wurzeln weiter ausgebildet sind, bekommt jeder Baum sogar acht Beutel. Eine Firma hat die Säcke am Donnerstag erstmals befüllt.

Laut Angelika Gehlhaar, der Chef-Baumpflegerin im Gartenamt, dauert es fünf bis acht Stunden, bis das Wasser über kleine Löcher zielgenau in den Boden gelaufen ist. Danach gilt der Baum erst einmal als bewässert. „Die Säcke sind die meiste Zeit leer“, sagt Gehlhaar. Abhängig von der Witterung, muss bei den jungen Bäumen ein bis zwei Mal die Woche nachgetankt werden, bei älteren Bäumen seltener.

„An dieser Stelle sieht man die Arbeit, die wir machen“, sagt der Gartenamtsleiter Sascha Döll. Denn bewässert wurde vorher auch, fügt Angelika Gehlhaar hinzu. „Aber wenn man den Moment nicht erwischt, in dem der Wasserwagen da steht, bekommt man das nicht so mit.“

Das Nachfüllen der Beutel ist aufwendig. Doch weil das Wasser langsam und zielgenau in den Boden fließt, ist die Methode effizient und spart Wasser. 99 Prozent kommen an den richtigen Stellen an, meint Gehlhaar – beim Gießen ist es die Hälfte.

Die Sonderbehandlung durch das Gartenamt genießen die jungen Bäume in der Regel drei bis vier Jahre. In den ersten zwei oder drei Jahren direkt nach dem Pflanzen ist die mit der Pflanzung beauftragte Firma für das Anwachsen zuständig.

Stadtbäume müssen bei widrigen Bedingungen besonders schwer ums Überleben kämpfen, erläutert der Amtsleiter Sascha Döll. Sie stammen aus Baumschulen, wo sie genetisch eingeengt sind und über Jahre gedüngt und gegossen, also verhätschelt werden. „Das ist wie im Wellness-Hotel“, sagt Döll.

Zudem setzen die Baumschulen die jungen Bäume alle vier Jahre um, um die Wurzeln klein und kompakt zu halten. Was für den Verkauf gut ist, fällt den Bäumen beim Übergang in das raue Leben der Städte und auf ihren neuen Extremstandorten auf die Füße. „Sie haben es nie gelernt, mit ihren Wurzeln nach Wasser und Nährstoffen zu suchen“, sagt Döll.

Er hinterfragt daher auch den Trend, bei Neupflanzungen immer größere Bäume zu nutzen. „Das ist Augenwischerei“, meint der Amtsleiter. „Besser wäre es eigentlich, Sämlinge zu ziehen und zu pflanzen.“ Freilich dauert es dann länger, bis der Baum auch wie ein Baum aussieht.

Pflanzen großer Bäume ist Augenwischerei

Doch auch die Städte müssen mehr für die Bäume zu tun, findet Döll. „Wir diskutieren derzeit viel darüber, wie man am besten nachpflanzen und die Standorte so herstellen kann, dass sich die Bäume etablieren können“, sagt er. Angesichts des Klimawandels reiche es nicht mehr aus, ein Loch zu graben und den Baum hineinzusetzen.

Ziel müsse es sein, einen unterirdischen Wurzelraum von 12 Kubikmetern zu schaffen, der in Schichten so angelegt wird, dass er für die Bäume die bestmöglichen Voraussetzungen schafft. „Das wird für uns ein großes Thema nach der Buga“, meint Döll. Das Tiefbauamt leiste aber bereits jetzt wertvolle Vorarbeit: Neben Gesprächen mit Versorgungsträgern fänden auch Experimente mit Saugbaggern statt. „Das erfordert aber eine Konzeption und den politischen Willen“, sagt Döll. Denn billig ist die Methode nicht.

Auch dem Vorbild anderer Städte könne man folgen, die zum Beispiel nicht das ganze Regenwasser sofort in Kanäle ableiten, sondern den Bäumen zuführen – ohne dass die Baumscheiben dabei überschwemmt werden. Ein entsprechendes Pilotprojekt des Umweltamtes sei am Albert-Schweitzer-Gymnasium geplant.

„Wir müssen auch über das Zielalter reden“, meint Döll. Unter den oft harschen Bedingungen der Städte könne es sinnvoller sein, Bäume einzusetzen, die mit einer Erwartung von rund 50 Jahren kurzlebiger sind, aber schneller wachsen.

Das Gartenamt hofft, dass die Trockenheit in diesem Jahr nicht die Ausmaße von 2018 annimmt, wo 3000 Bäume zusätzlich durch die Feuerwehr gegossen werden mussten. Für solch einen Fall sei man aber gerüstet, auch ohne Feuerwehr, sagt Angelika Gehlhaar: Das Amt habe aufgestockt und sei in Gesprächen mit der Landwirtschaft, die mit ihren Tankwagen im Notfall einspringen könnte.

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