Den Onkel vor den Amerikanern auf dem Dachboden versteckt

Leinefelde. Am 9. April wurde in unserer Werkstatt an der Halle-Kasseler-Straße ein Schützenpanzerwagen repariert. Der Wagen war bei einem Gefecht mit den Amerikanern an der Vorderachse beschädigt worden.

Als die Amerikaner in Leinefelde einrückten, schoss Heinrich Orlobs Onkel Josef dieses Bild mit Blick auf die Hauptkreuzung. Foto: Sammlung Heinrich Orlob

Als die Amerikaner in Leinefelde einrückten, schoss Heinrich Orlobs Onkel Josef dieses Bild mit Blick auf die Hauptkreuzung. Foto: Sammlung Heinrich Orlob

Foto: zgt

Mein Vater wollte das Fahrzeug zunächst nicht in die Werkstatt lassen, da er um seinen Betrieb fürchtete. Die deutschen Soldaten konnten ihn aber schließlich davon überzeugen, dass es besser war, den Wagen in als vor der Werkstatt zu reparieren. Da ständig amerikanische Jagdbomber in der Luft waren, die das Fahrzeug schließlich entdeckt hätten, wäre von dem Mannschafts-Wehrmachtwagen und der Werkstatt nicht viel übrig geblieben.

Nachmittags wurde dann die Sprengung der Eisenbahnbrücke Halle–Kassel vorbereitet. Unter dieser Brücke hatte man eine Panzersperre errichtet, um ein Durchkommen unmöglich zu machen. Es fuhr ständig ein Kradmelder zwischen Werkstatt und Brücke hin und her, um abzusichern, dass das reparierte Fahrzeug die Straße noch vor der Sprengung passieren konnte. Das klappte dann auch, und ich konnte die Brückensprengung gegen 18.30 Uhr von den anweisungsgemäß geöffneten oberen Werkstattfenstern aus beobachten.

Am Morgen des 10. April 1945 standen mein Vater und ich gegen 10.30 Uhr vor dem Betrieb, als plötzlich ein Jeep vor dem Eichsfelder Hof hielt. Vorn im Wagen saßen zwei amerikanische Soldaten und hinten Kurt Weiterer und August Herbecke. Der Jeep blieb dort stehen, und kurz darauf kamen die ersten amerikanischen Panzer von Beuren her und fuhren ohne anzuhalten über die Kreuzung, die Schulstraße hinauf an der Schule und dem Teich entlang und dann Richtung Birkungen.

Wie später bekannt wurde, waren die beiden Leinefelder Bürger Kurt Weiterer und August Herbecke bei einem Erkundungsspaziergang auf die anrückenden Amerikaner gestoßen. Diese luden beide auf ihren Jeep und fuhren dann vor den Panzern nach Leinefelde herein.

Dem haben wir zu verdanken, dass beim Einmarsch der Amerikaner kein einziger Schuss fiel und der ganze Einmarsch, wie man auch auf den Originalfotos sehen kann, einen geradezu friedlichen Eindruck machte.

Leinefelder Bahnbrücke wurde gesprengt

Der Durchmarsch und Nachschub der Amerikaner erfolgte in den ersten Tagen weiterhin auf dem beschriebenen Weg. Nachdem später die unter der gesprengten Brücke befindlichen Panzersperre und Trümmer der Brücke beseitigt beziehungsweise abgesichert waren, ging der Nachschub der Amerikaner über die heutige Halle-Kasseler-Straße und Breitenbacher Straße, auf der später noch wochenlang massenweise deutsche kriegsgefangene Soldaten auf offenen Lastwagen zurücktransportiert wurden. Nach dem Einzug der Amerikaner begann sich das Leben zu normalisieren. In der Werkstatt wurde wieder regelmäßig gearbeitet. Es wurden unter reger Beteiligung die im Frühjahr üblichen Bittprozessionen abgehalten. Diese waren gegen Ende des Krieges wegen der Fliegergefahr verboten worden.

Die ersten Soldaten kamen aus dem Krieg zurück. Etwa 14 Tage nach dem Einzug der Amerikaner erschien ein Onkel von mir in der Kleidung eines Landarbeiters mit einem alten Dachfenster in der Werkstatt, um es angeblich reparieren zu lassen. Meine Schwester erkannte ihn und brachte ihn in unser Wohnhaus, wo wir ihn sofort versteckten. Wehrmachtsangehörige hatten sich unter Androhung von strengen Strafen bei der amerikanischen Kommandantur zu melden, die sie dann als Kriegsgefangene behandelte.

Der Onkel war im Ruhrgebiet eingekesselt worden, dort auf eigene Faust aus dem Kessel ausgebrochen und hinter den vorrückenden Amerikanern bis Leinefelde gelangt. Bei dieser Wanderung hatte es ihm besonders das Schlafen in der freien Natur angetan. Er schwärmte noch nach Jahren davon.

Toilettengang war ein besonderes Unternehmen

Den Onkel versteckten wir auf dem Dachboden. Wir hatten dort noch ein kleines Zimmer mit Fluchtmöglichkeit auf die Scheune. Alle Kinder wurden zu strengem Stillschweigen verpflichtet. Selbst meine Großmutter, Onkel und Tante, die mit uns auf dem selben Hof wohnten, durften nichts erfahren.

Wir Kinder waren, da mein Vater eigentlich zu keiner Zeit die von oben verordnete Meinung vertrat, zur Verschwiegenheit erzogen worden, und so erfuhr außer der Frau meines Onkels keiner etwas von seinem Aufenthalt bei uns. Der Gang auf die gemeinsame Außentoilette auf dem Hof war jedes Mal ein besonderes Unternehmen. Er durfte nur nachts nach Absicherung des gesamten Geländes erfolgen. Er verblieb bei uns bis zum 8. Mai (Waffenstillstand) und kehrte dann zu Frau und Kindern zurück, allerdings nicht ohne vorher noch einmal im Walde geschlafen zu haben.

Heinrich Orlob war zum Ende des Zweiten Weltkrieges 16 Jahre alt und berichtet von seinen Erlebnissen damals in Leinefelde.

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