Hebammen-Vorsitzende: „Wochenbettdepression muss behandelt werden“

Erfurt.  Ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Thüringer Hebammenlandesverbandes, Annika Wanierke, über ein unterschätztes Thema.

Ein Säugling liegt in einem Bett auf der Wochenstation. Manche frischgebackene Mutter kämpft nach der Geburt mit einer Wochenbettdepression, einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung.

Ein Säugling liegt in einem Bett auf der Wochenstation. Manche frischgebackene Mutter kämpft nach der Geburt mit einer Wochenbettdepression, einer ernstzunehmenden psychischen Erkrankung.

Foto: Arno Burgi / dpa

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In Mittelthüringen sah eine verzweifelte junge Mutter mit einer Wochenbettdepression vor wenigen Tagen keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Dabei lässt sich diese psychische Erkrankung, wenn sie diagnostiziert ist, gut behandeln. Wir sprachen über das Thema mit Annika Wanierke, Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes Thüringen:

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Wochenbettdepression unterschätzt wird?

Ja. Und zwar aus dem Grund, dass es noch nicht so bekannt ist. Der Verein „Schatten und Licht“, eine Selbsthilfe-Organisation von Betroffenen, versucht zwar schon seit Jahrzehnten, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, und natürlich beschäftigen wir uns auch in der Hebammenausbildung und bei Fortbildungen mit der Wochenbettdepression. Trotzdem wissen noch zu wenige davon. Wie überhaupt psychische Erkrankungen nach wie vor ein Tabu-Thema sind. Dabei muss einfach klar sein, dass die Seele genauso erkranken kann wie der Körper.

Die Heultage oder den Baby-Blues kurz nach einer Geburt kennen viele. Worin liegt der Unterschied zur Wochenbettdepression?

Der sogenannte Baby-Blues meint ein kurzes Stimmungstief innerhalb der ersten 14 Tage nach der Geburt, das der Fachliteratur zufolge 50 bis 80 Prozent aller Mütter betrifft. Meist tritt es zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Geburt auf – einfach dadurch, dass die Schwangerschaftshormone massiv absinken und sich die Stillhormone erst langsam aufbauen. Dazu kommen Müdigkeit, Erschöpfung, Energiemangel – und oft auch die Erkenntnis, dass sich das Leben jetzt komplett ändert. Das alles ist bekannt, darauf gehen auch viele Menschen gut ein. Der Baby-Blues verschwindet von ganz alleine und ist nichts Schlimmes. Aber: Der Baby-Blues kann schleichend übergehen in eine sogenannte peripartale Depression, die nur noch etwa 10 bis 20 Prozent aller Mütter betrifft.

Merken die betroffenen Frauen oft selbst nicht, was mit ihnen los ist?

Ja, dadurch dass sich der Übergang so langsam vollzieht. Sie denken, der Schlafmangel oder generell die Lebensumstellung sind der Grund dafür, dass es ihnen überhaupt nicht gut geht.

Welches sind die Anzeichen für eine Wochenbettdepression?

Müdigkeit und Erschöpfung über das normale Maß hinaus, Traurigkeit, häufiges Weinen, absolute Lustlosigkeit. Selbst wenn die Sonne scheint und es eigentlich Spaß macht, ein Baby einzupacken und rauszugehen, schaffen die Frauen das nicht. Typisch sind auch Appetit- und Schlafstörungen, Panikattacken, Ängsten, extreme Reizbarkeit. Die Frauen kommen nicht zur Ruhe, obwohl sie todmüde sind. Das sind die Klassiker - vorausgesetzt, die Frauen zeigen es. Das Verrückte ist nämlich, dass die Frauen das häufig sehr gut verbergen können. Weil sie sich dafür schämen, dass sie nicht klarkommen. Weil die Gesellschaft die Erwartung an sie hat, dass sie sich als strahlende Mutter präsentieren und es für sie kein größeres Glück gibt, als das Baby den ganzen Tag zu stillen. Da ist es für mich als Hebamme gut, wenn ich die Frau schon in der Schwangerschaft begleiten konnte. Denn dann könnte mir in der Nachsorge auffallen, dass sie verändert ist.

Wie sprechen Sie das Thema dann an?

Ich frage immer, wie es der Frau und ihrer Seele geht. Das gehört für mich zu einem klassischen Wochenbett einfach dazu. Natürlich kann ich keine Frau zwingen, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Gut ist es auch, die Frau auch mal alleine anzusprechen, also dann, wenn der Partner oder die Oma nicht dabei ist. Denn manchmal sind es auch ganz merkwürdige Gedanken, die die Frauen haben. Zum Beispiel Suizidgedanken oder der Gedanke: Das ist gar nicht mein Kind. Mir ist es dabei immer wichtig den Frauen zu signalisieren: Du kannst mir alles sagen, ich bewerte es nicht.

Kann auch das Baby anzeigen, dass es seiner Mama schlecht geht?

Ja, indem es entweder überangepasst ist, also viel schläft und ganz besonders lieb ist, oder wenn es extrem auffällig ist, viel weint und insgesamt sehr unruhig ist. Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist so eng, dass es ein Kind immer spiegelt, wenn die Mutter leidet.

Gesetzt den Fall, die Frau äußert ihre Gedanken und Gefühle: Wie kann man ihr – auch als Familie – helfen?

Ich frage immer zuerst, welche Unterstützung sie braucht und was ihr gut tun würde – unabhängig davon, was leistbar ist. Manche brauchen es einfach, dass die Oma das Kind mal drei Stunden durch den Park schiebt und die Mütter in Ruhe baden, essen oder schlafen können. Manchmal kann sich auch der Papa noch ein paar Tage frei nehmen und mehr Unterstützung leisten. Wichtig ist auch, dass die junge Mutter gut bekocht wird, damit nicht nur ihre Seele, sondern auch ihr Körper genährt wird. Wenn jemand für die junge Familie kocht, ist das eine unglaubliche Unterstützung. Manchmal hilft es auch ganz einfach, eine Haushaltshilfe zu bezahlen, die das Putzen übernimmt. Das sind erst einmal die Dinge, die familiär leistbar sind: dafür zu sorgen, dass die junge Mutter isst und schläft, damit ihre Grundbedürfnisse erfüllt sind.

Was ist darüber hinaus wichtig?

Soziale Kontakte – aber nicht permanent auf Instagram und Facebook, sondern mit Müttern in der gleichen Situation die Babys durch den Park schieben. Helles Tageslicht ist auch eine ganz wichtige Prävention. Ich merke es immer ganz massiv, dass es den Frauen nach Weihnachten nicht gut geht. Bis Weihnachten kann man es sich mit Kerzen und Gemütlichkeit noch schön machen – danach aber fängt dann so eine graue Zeit an. Deshalb gibt es bei Wochenbettdepressionen im Januar und Februar einen richtigen Peak.

Wann ist ärztliche Hilfe notwendig?

Bei der peripartalen Psychose sofort. Das ist ein psychiatrisches Akutereignis, das nur bei einer bis drei von 1000 Müttern vorkommt und bei dem die Suizidgefahr extrem hoch ist. Da muss der Notarzt kommen. Anders verhält es sich bei der anhaltenden Wochenbettdepression, die sich auch durch die beschriebenen Maßnahmen nicht in den Griff bekommen lässt. Hilfreich ist hier ein Fragebogen, der Edinburgh-Postnatal-Depressions-Scale: Viele Kolleginnen verwenden diesen Test und raten der Frau ab einer bestimmten Punktzahl zu ärztlicher Hilfe. Oder sie empfehlen, zu einer Beratungsstelle zum Beispiel von Pro familia oder Donum vitae zu gehen. Denn die arbeiten nicht nur sehr professionell, sondern können in einer Akutsituation meist auch schnell einen Termin anbieten. Sie sehen schon: Man braucht als Hebamme ein gutes Netz und tut gut daran, ein paar Telefonnummern etwa von Psychiatern in der Tasche zu haben. Manchmal ist auch eine medikamentöse Behandlung notwendig, manchmal eine Psychotherapie. Und wenn es ambulant nicht funktioniert, ist zum Beispiel in Jena, Weimar und Mühlhausen eine stationäre Aufnahme möglich, in Weimar und Mühlhausen sogar mit Kind. Leider gibt es dafür nur sehr wenige Plätze.

Wie lange dauert eine Wochenbettdepression?

Wenn sie nicht behandelt wird, kann sie sich bis zum ersten Geburtstag des Kindes hinschleppen. Und auch danach ist noch ein Übergang in eine psychische Erkrankung möglich. Aber dafür bin ich nicht die Expertin.

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