Lebenswege – aber nicht immer Erfolgsgeschichten

Erfurt  30 Jahre friedliche Revolution Die Erfurter Autorin Uta Heyder sammelte ostdeutsche Biografien für ein Buch

Uta Heyder

Uta Heyder

Foto: Lydia Werner

Heiko Gessert ist obdachlos. Lebt in Erfurt. Und obwohl er seit Jahren bei der Caritas aushilft, eben doch auf der Straße. Zu DDR-Zeiten hat er seine behinderte Tochter großgezogen. Berufsabschlüsse gemacht. Nach der Wende selbst als Hafenarbeiter sein Glück versucht. „Er hat gekämpft und ist am Ende doch obdachlos geworden“, erzählt die Journalistin und Autorin Uta Heyder .

Uta Heyder hat lange mit dem Erfurter gesprochen, Tonbandprotolle erstellt. So wie mit weiteren 40 Ostdeutschen. Immer mit der Idee, ein Buch daraus zu machen, das 30 Jahre nach der friedlichen Revolution die Gefühlslage der Menschen beschreibt, die in der DDR aufwuchsen und doch nicht einfach mit dem Wort „Ossi“ zu beschreiben sind.

„Born in the GDR. Angekommen in Deutschland“ (Bussert & Stadeler, Jena) heißt der Band und wird am Dienstag mit einer Gesprächsrunde vorgestellt.

Womit ein Projekt vollendet ist, mit dem Uta Heyer bereits vor über drei Jahren begann. Heyder wollte als Ost-Frau, wie sie sagt, ihren Beitrag leisten, dass DDR nicht immer mit Stasi und Volkskammer gleichgesetzt wird. Wie es ihrer Meinung nach noch zu oft getan werde. „Wir haben ja auch nicht auf Bäumen gesessen“, sagt sie fast trotzig. Hat aber auch keinesfalls die Absicht, etwas zu verklären.

Genau mit dieser Intention sei sie auf die Suche ihrer Protagonisten gegangen. Schaute nach „einfachen Leuten“, die zur Wende zwischen 20 und 30 Jahre alt waren und etwas zu erzählen haben. Das hatten sie dann alle. „Am Ende hätte ich aus jedem Interviewpartner ein Buch machen können“, sagt die Autorin, die letztlich nur 30 von 40 Gesprächen verwenden konnte.

Allein der Lebensweg des Erfurter Obdachlosen zeigt schon, dass es am Ende keineswegs Erfolgsgeschichten sein mussten, die in das Buch kamen. „Es war unwahrscheinlich spannend, wie die Menschen lebten und nach dem großen Knick wieder etwas aus den Scherben ihres bisherigen Lebens gemacht haben.“ Dabei habe sie Bestätigungen dafür gefunden, was man dem gelernten DDR-Bürger gern mal nachsagt. Er kann improvisieren, kämpfen – und trage auch den solidarischen Gedanken in seinem Inneren. Aber, den „Ossi“ gebe es eben am Ende auch nicht. Und die Autorin ist sich sicher, dass genau dieses das Buch zeigt.

Tatsächlich ist ihr eine interessante Mischung gelungen. Nahezu ohne Promis. Mal abgesehen von Thüringens Ex-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Die beispielsweise aus ihrer Zeit als Pfarrerin in Ramsla ein Beispiel ostdeutscher Kreativität erzählt. So war sie in tiefsten DDR-Zeiten nach Weimar zu fahren, wo gerade ein Hotel an der Belvedere Allee gebaut wurde. Mit viel Überredungskunst und „Bestechung“ mit Westgeld hat sie ein großes Baugerüst vom Bauleiter ausgeborgt. Dieses brauchte sie dringend für ihre Kirche in Ramsla.

Aber da ist auch der ausgebildete Erfurter Koch Ludwig Schumann, der verschmitzt seine Erlebnisse und kleinen Stänkereien gegen die Staatsmacht am Rande des Willy-Brandt-Besuchs in Erfurt erzählt. Uta Heyder selbst ist immer noch angetan von der geradlinig-ehrlichen Art der Gothaerin Renate Stahn. Eine Büdchenbetreiberin, auf die sie durch eine Notiz in unserer Zeitung aufmerksam geworden war.

So war es letztlich das schwerste, so berichtet Heyder, aus der Fülle des spannenden Materials die prägnantesten Biografien auszuwählen und die Tonbandprotokolle zu kürzen.

„Born in the GDR - angekommen in Deutschland“; Herausge-geben von Uta Heyder; Bussert & Stadeler,Jena; 360 Seiten, 30 €

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