Mehr als ein Pergament: Niederschrift einer neuen Torarolle in der Erfurter Synagoge

Am heutigen Mittwochabend beginnt die zeremonielle Niederschrift einer neuen Torarolle: Ein Geschenk der christlichen Kirchen an die Jüdische Landesgemeinde in schwierigen Zeiten.

Dieses Faksimile einer mittelalterlichen Torarolle aus Erfurt ist in der Alten Synagoge ausgestellt. Das Original der wertvollen Handschrift befindet sich in der Staatsbibliothek Berlin.

Dieses Faksimile einer mittelalterlichen Torarolle aus Erfurt ist in der Alten Synagoge ausgestellt. Das Original der wertvollen Handschrift befindet sich in der Staatsbibliothek Berlin.

Foto: Sascha Fromm

Gut Jontef! Landesrabbiner Alexander Nachama begrüßt seine Gemeinde. Gutes Fest. Es ist Montagabend und der Gottesdienst ein besonderer, sie feiern die Tora. Ein Gemeindediener öffnet den Toraschrein, die Männer, die eine Torarolle tragen werden, legen den Tallit, den Gebetsschal um. Dann zieht die Prozession durch die Synagoge. Ihre Lieder klingen nach Freude, „Hava Nagila“ oder „Hevenu schalom alejchem“. Die Gemeinde singt mit, viele Menschen klatschen, berühren die Rollen durch ein Tuch, weil es mit der bloßen Hand respektlos wäre. Für die Kinder gibt es Süßigkeiten und einen Segen zum neuen jüdischen Jahr. Es ist ein fröhliches, ein hoffnungsvolles Fest. Thora ist Leben.

Siebenmal zieht die Prozession durch die Synagoge, bevor die acht Torarollen wieder in den Schrein gestellt werden. Eine Kostbarkeit, jede von ihnen. Von Hand auf Pergament geschrieben, Buchstabe für Buchstabe, von einem dafür ausgebildeten Sofer.

Ein Zeichen der Verbundenheit zwischen Christen und Juden

Nur zwei der Rollen von ihnen werden in den Gottesdiensten verwendet. In zwei Jahren wird es eine mehr sein. Ein Geschenk der beiden Kirchen des Landes, am heutigen Mittwochabend wird der Berliner Rabbiner und Sofer Reuven Yaacobov den ersten Buchstaben schreiben.

Ein Zeichen der Verbundenheit zwischen Christen und Juden, so sieht es Rabbiner Alexander Nachama. „Die Tora eint uns, sie ist Teil des Alten Testaments und wichtiger Bestandteil unserer hebräischen Bibel. „Und eine wichtige Botschaft“, fügt er hinzu: „Es gibt jüdisches Leben in Thüringen, das auch in Zukunft fortgeschrieben wird.“

Ein guter Satz. Aber diese Tage sind es nicht. Der Anblick der Polizeibeamten in Sichtweite des Eingangs zur Synagoge nimmt diesem Satz seine Selbstverständlichkeit. Bewaffnete Polizisten müssen Juden schützen, während sie in der Synagoge beten und die Tora feiern. Der Anblick ist irritierend, beklemmend, verstörend. Oder wie soll man das nennen? Vor der Synagogentür liegen noch Blumen, die Menschen hier niederlegten. Der Anschlag von Halle ist keine zwei Wochen her.

Durch Polizei vor der Synagoge fühlen sich die Menschen sicherer

Wie geht es den Menschen in der Gemeinde damit? „Wir haben schon immer mit dem Wissen gelebt, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt, dass immer etwas passieren kann“, sagt der Rabbiner. „Halle hat natürlich stark in das Bewusstsein gerückt, dass die Gefahr real ist.“ Einige Gemeindemitglieder hätten Fragen nach Sicherheitsvorkehrungen gestellt. In der vergangenen Woche haben sie hier das Laubhüttenfest gefeiert. Den Eindruck, dass weniger Menschen als sonst in die Synagoge kamen, hat er nicht. Wie sich der Anschlag von Halle auf das Leben der Gemeinde auswirken wird, vermag auch er nicht abzuschätzen. Wie auch.

Etwa 700 Menschen gehören zur Jüdischen Landesgemeinde, rund 500 von ihnen leben in Erfurt. Die überwiegende Mehrheit sind Ältere, sagt Bella Slovak, sie ist Sozialarbeiterin in der Gemeinde. Durch die Polizei vor der Synagoge fühlten sich die Menschen sicherer. Der neu entfachte Antisemitismus sei ja nicht erst seit Halle Thema. Kürzlich erst erhielten sie den Brief einer älteren Frau aus der Landesgemeinde. Sie beschreibt, wie ein Nachbar ihr gegenüber den Hitlergruß zeigte. Einfach so. Er wusste, wer sie war. Sie habe die Polizei angerufen, aber sie hätten sie wohl nicht verstanden.

Viele haben Kontakte in Städte, wo die Jüdischen Gemeinden größer sind als in Erfurt. Dann hören sie, dass an einer jüdischen Schule den Kindern geraten wird, die Kippa vor der Schultür abzusetzen, um nichts zu riskieren. Wie, fragt die Sozialarbeiterin, sollen sie mit solchen Berichten anders umgehen, als mit großer Verunsicherung? Russland, Ukraine, Weißrussland: Die Mehrheit kommt aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo der behördlich sanktionierten Stigmatisierung schon allein durch den Eintrag im Pass nicht zu entkommen war. Nationalität: Jude.

Und dann kommen sie nach Deutschland. Das Land, das sie einlud, Heimat zu sein. Von dem sie dachten, das Thema Antisemitismus sei auf immer erledigt nach dem, was geschehen ist.

Unerklärbarkeit treibt sie um

Auch sie dachte so. 20 Jahre war sie alt, als sie mit ihrer Familie aus Kiew nach Deutschland kam. Wenn es damals eine Befürchtung gab, dann war es ihre Herkunft als Ausländerin, mit der vielleicht ein paar Leute Probleme haben. Man las ja so einiges. Aber Antisemitismus? Nie hätte sie damals für möglich gehalten, dass er in Deutschland noch Thema sein kann. „So viele Bücher, Filme, Berichte über den Holocaust, wir haben Buchenwald hier.“ Wenn Schulklassen die Synagoge besuchen, passiert es manchmal, dass arabische Schüler lieber vor der Tür warten, erzählt sie. Das sei ein anderer Hintergrund. Aber Ressentiments gegenüber Juden unter Deutschen? Woher kommt er? Was nährt ihn?

Die Frage, sagt sie, stellen sich viele in der Gemeinde wieder und wieder, und können keine Antwort finden. Diese Unerklärbarkeit treibt sie um.

An ihrer Halskette hängt ein Davidstern. Und nein, sie versteckt ihn nicht, wenn sie aus dem Haus geht. Sie hat, sagt Bella Slovak, keine Angst. So beschreibt es auch Gennadi Starker vom Vorstand der Landesgemeinde. Er trägt keine Kippa im Alltag. Aber nicht aus Vorsicht. Er habe in Russland nie eine Kippa getragen und tut es jetzt ebenso wenig. Er sagt aber auch: „Wenn ich das Bedürfnis hätte, eine Kippa zu tragen und würde es aus Angst nicht tun, wäre das ein ernsthafter Grund nachzudenken, ob Deutschland noch das richtige Land für mich ist.“ Von Sorglosigkeit kann er trotzdem nicht sprechen. Unter den Flüchtlingen aus muslimischen Ländern gebe es viele, die mit der Überzeugung aufgewachsen sind, dass Israel schuld ist an allem, was in ihrem Leben schlecht läuft. Darin sieht er die größte Gefahr, auch nach Halle. Ja, der Täter war ein Deutscher. „Ein junger Mann, der in tiefer Provinz aufwuchs, nichts von der Welt kennt. Dann geht er ins Darknet und findet dort seine Antworten.“ In jedem Land gibt es solche Menschen, sagt er. Vor denen gibt es keinen hundertprozentigen Schutz.

„Antisemitismus ist ein Virus.“

Er bleibt dabei: Für ihn ist arabischer Antisemitismus, wie er ihn nennt, die größte Gefahr. Wer vor einem Krieg flieht, dem müsse Schutz geboten werden. Keine Frage. Aber der Staat muss auch die Konsequenzen ziehen. „Es mag politisch nicht korrekt sein, aber ich kann diese Gefahr fühlen“. Vom Staat erwartet er, dass er die Synagogen schützt. Besser und offensiver als bisher. „Seit Jahren reden wir davon, dass es eine Gefahr gibt.“ Aber das wird nicht reichen. Er muss vor allem tun, was lange versäumt wurde, findet er: Für bessere Bildung in den Schulen sorgen und dafür, dass die Kluft zwischen Arm und Reich nicht immer größer wird. „Ein Virus kann lange in einem Körper unbemerkt schlummern und sich bemerkbar machen, wenn der Organismus schwach wird. Der Antisemitismus ist ein Virus.“

Für arabischen Antisemitismus habe er wenigstens eine Erklärung. Für den, der aus der Mitte der deutschen Gesellschaft kommt, findet er keine. „Wir sind nur wenige. Viele stehen wegen der Sprache und Arbeit in der sozialen Hierarchie unten. Woher kommen die Ressentiments, die Vorurteile, die Missgunst gegen sie? Was passiert da?“

Gennadi Starker ist 62 Jahre alt. Als er 1996 in Deutschland ankam, hatte er schon eine beachtliche berufliche Karriere aufzuweisen: Diplomingenieur für Schiffsbau, Produktionschef in der größten Werft des Landes. Er hatte in Norwegen ein Zusatzstudium im IT-Bereich absolviert, spricht Englisch, hat mit westeuropäischen Geschäftspartnern, mit Deutschen vor allem, zusammengearbeitet.

Er erzählt das ausführlich, um klar zu machen, warum er nach Deutschland kam. Frei leben, frei atmen zu können, das zählt. „Meine Tochter sollte die Chance auf ein ordentliches, gutes Leben haben“. Bei den Behörden, zu denen sie ihn nach der Ankunft schickten, haben sie in ihm einen potenziellen Sozialfall gesehen, erinnert er sich. Er hat um einen Wohnort an der Küste gebeten, wo es eine Werft gibt. „Offensichtlich“, bemerkt er, „fanden die Behörden, dass Thüringen dafür geeignet ist.“ Seinen beruflichen Weg hat er trotzdem gefunden.

„Ich liebe Deutschland“

Und weiter? Viele Juden, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kamen, würden sich fragen, ob es ein Fehler war, nach Deutschland zu kommen. So hatte Ilja Rabinovich nach dem Terror von Halle die Stimmungslage in der Jüdischen Gemeinde in Jena beschrieben.

Gennadi Starker kann verstehen, dass viele ältere Menschen so fühlen. Für ihn trifft dieser Zweifel nicht zu. Trotz allem nicht.

„Ich liebe Deutschland“, sagt er. „Schreiben Sie das mit großen Buchstaben!“ Wenn man ihn fragt, wofür, sagt er Sätze wie „Für die Menschen, die ihr Leben lang fleißig arbeiten, um ihr Land schöner zu machen.“ Oder: „Für die Klarheit und Verlässlichkeit.“ Bis dahin, dass er an der Kasse nie das Gefühl habe, das Wechselgeld nachrechnen zu müssen. Er hat viele deutsche Freunde, die ihm noch nie Anlass gegeben haben, an ihnen zu zweifeln.

Wie es weitergehen wird? Bella Slovak macht einen tiefen Atemzug. In der Vorwoche kamen einige Besucher in das Gemeindebüro, um ihnen zu sagen, dass sie zu ihnen stehen. So etwas, bemerkt sie, tut gut. Aber wie die Zukunft sein wird, weiß sie auch nicht genau, sagt nur: „Wir leben hier, wir müssen uns behaupten, wir bleiben.“

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