Niederorschel erinnert am 14. April an Buchenwalds Außenlager im Ort

Niederorschel. 70 Jahre ist es her, dass Tausende Häftlinge in den Thüringer Konzentrationslagern befreit wurden. Viele blicken in diesen Tagen auf die Gedenkfeiern in Buchenwald und Mittelbau-Dora. "Aber es gab auch Niederorschel", sagt Bürgermeister Hans Dannoritzer.

In Niederorschel gab es vor 70 Jahren ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald. Diese Lampe war ein stummer Zeuge. Foto: Eckhard Jüngel

In Niederorschel gab es vor 70 Jahren ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald. Diese Lampe war ein stummer Zeuge. Foto: Eckhard Jüngel

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Es war ein "Außenkommando" von Buchenwald. Im September 1944 kam der erste von vier Häftlingstransporten im Eichsfeld an. Zunächst waren es überwiegend politische und Kriegsgefangene. Ende Oktober 1944 brachten die Nazis auch einen Transport aus dem Vernichtungslager von Auschwitz nach Niederorschel. Die Häftlinge mussten im Ort in einer Rüstungsfabrik arbeiten.

Als die SS-Truppe Anfang April 1945 das Außenlager auflöste, trieb sie 527 Häftlinge auf einen mehrtägigen Marsch nach Buchenwald. 425 sind dort angekommen. Das heißt: Vom ­Abmarsch bis zur Ankunft schrumpfte die Zahl der Gequälten um 102 Menschen. Welches Schicksal diese im Einzelnen hatten, ist nicht mehr nachvollziehbar. Vermutlich starben etliche an Erschöpfung oder wurden von der SS unterwegs erschossen. Einigen gelang wohl auch die Flucht. "Genaueres wissen wir leider nicht", bedauert Niederorschels Ortschronist Wolfgang Große.

Seit 24 Jahren beschäftigt sich Große intensiv mit der Geschichte des KZ-Außenkommandos in Niederorschel. Geweckt wurde sein Interesse im November 1991, als Große dem tschechischen Juden Kurt Kotouc gegenüberstand. Der Prager war "der erste Überlebende, dem ich begegnet bin", erinnert sich Wolfgang Große. Und der Besucher hatte damals viele Fragen, die ihm der Eichsfelder nicht alle beantworten konnte.

Große wurde sehr neugierig, forschte akribisch zur Historie des Lagers, sammelte Fakten und Erlebnisberichte. Mit Hans Dannoritzer fand er einen ebenso interessierten Weggefährten.

Es geht nicht um die aussterbenden Überleben-den, sondern um die heu-tigen und kommenden Generationen.

Laszlo Nussbaum über den Sinn der Gedenkveranstaltungen

Der Bürgermeister war früher Lehrer. Zu DDR-Zeiten war die Nazi-Vergangenheit immer ein Schulthema. Aber es wirkte stets wie ein Pflichtprogramm und verfehlte wohl auch deshalb häufig seine Wirkung.

Die Schüler-Reisen nach Weimar haben Dannoritzer nie zufriedengestellt. "Vormittags haben wir uns mit Goethe beschäftigt und nachmittags mit Buchenwald", beklagt er noch heute. Dabei sei das Erinnern so wichtig. Allerdings sieht er auch die Gefahr, dass ein Gedenktag schnell zu einem inhaltsarmen Ritual verkommen kann.

"Wir brauchen eine Erinnerungskultur", fordert Dannoritzer und meint damit: "Wir wollen erinnern, zum Nachdenken bringen, den Gedenktag nicht einfach nur abhandeln."

Auch 70 Jahre nach Kriegsende sei "das Gedenken eine Verpflichtung", meint der Bürgermeister. Man dürfe nicht einfach einen Schlussstrich ziehen. "Wir müssen denen, die in Niederorschel waren, immer wieder ein Gesicht geben." Und er betont: "Es ist unsere Pflicht für die zu sprechen, die keine Stimme mehr haben."

Maximal 734 Häftlinge zählten zum Außenkommando in Niederorschel. 19 von ihnen starben im Eichsfelder Lager.

Am 14. April ist in Niederorschel eine Gedenkfeier. Die sei wichtig, betont Wolfgang Große. "Es gibt nicht mehr viele Chancen, Zeitzeugen zu begegnen." Am Dienstag wird Laszlo Nussbaum erwartet. Er ist kein Unbekannter im Eichsfeld. Vor zehn Jahren war er schon einmal in Niederorschel.

Inzwischen ist er 86. Gemeinsam mit seinem Sohn und einer Enkeltochter folgt er ein weiteres Mal den Spuren seiner qualvollen Vergangenheit. Als 16-Jähriger kam er am 30. Oktober 1944 von Auschwitz nach Niederorschel.

Über die Gedenkveranstaltungen sagt Nussbaum: Es gehe dabei nicht um "die aussterbenden Überlebenden, sondern um die heutigen und kommenden Generationen". Damit nie vergessen wird, was einst geschah.

Am Dienstag beginnt die Gedenkfeier um 15 Uhr am Bahnhof. Dort, wo damals die Laderampe war, an der alle Häftlingstransporte aus Buchenwald und Auschwitz angekommen waren. "Wir wollen dann symbolisch den Weg der Häftlinge gehen", erklärt Hans Dannoritzer.

Der gemeinsame Gang führt über die Straße und das Gelände des damaligen Lagers (die frühere Weberei) bis zum Gedenkstein. Geplant sind kurze Ansprachen von Bürgermeister, Landrat und Pfarrer. Außerdem möchte Wolfgang Große den Zeitzeugen Laszlo Nussbaum bitten, ein wenig von seinem damals Erlebten zu berichten.

Laszlo Nussbaum wird einen Kranz am Gedenkstein niederlegen. Er bat darum, dass auf seiner Schleife der Satz stehen soll: "Ich wünsche, dass meine Erinnerungen niemand und jemals wieder erleben muss."

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