Nordhausen 1945 - Zeitzeugen erinnern sich: Bombardement im Erdbunker überlebt

Das Kriegsende 1945 in Nordhausen erlebte Dieter Riecher so:  Im April 1945 wohnten wir, meine Mutter Erna Rieche, 31 Jahre alt, mein Bruder Manfred (7) und ich, Dieter (4), bei unserem Onkel Erich und Anna Große sowie unseren Cousins Helmut (8) und Reiner (6) am Hüpedenweg 55. Unsere Großeltern

Das Kriegsende 1945 in Nordhausen erlebte Dieter Riecher so:

Im April 1945 wohnten wir, meine Mutter Erna Rieche, 31 Jahre alt, mein Bruder Manfred (7) und ich, Dieter (4), bei unserem Onkel Erich und Anna Große sowie unseren Cousins Helmut (8) und Reiner (6) am Hüpedenweg 55. Unsere Großeltern August und Auguste Rieche wohnten um die Ecke in der Hesseröder Straße 88.

Unsere Väter Otto Rieche und Erich Große waren bei der Wehrmacht als Soldat eingezogen. Mein Großvater, damals 60 Jahre alt und Invalidenrentner, war als einziger Mann von drei Familien daheim. Das Ende des Krieges war nur noch eine Frage der Zeit beziehungsweise von Tagen. Mein Großvater prägte damals den Spruch "...es geht imme". Mein Großvater war seit früher Zeit Mitglied der SPD bis zum Verbot 1933. Mit den Zielen und Vorstellungen der Nazis konnte er sich nicht identifizieren. Die Front näherte sich immer mehr Mitteldeutschland, damit nahmen auch die Tiefangriffe der Feindflieger zu. Am 1. April, Ostersonntag gegen Mittag, flog eine Staffel Jabos der Royal Air Force (RAF) über die Stadt. Eine Maschine warf eine Bombe im Gebiet der Arnold-straße ab. Sie traf das Hotel "Hessischer Hof" und zerstörte es zusammen mit dem Nachbarhaus. In beiden Häusern starben 30 Menschen.

In Anbetracht der nahenden Front, den Aktivitäten zur Verteidigung von Nordhausen sowie einer möglichen Bombardierung der Stadt fasste mein Großvater den Entschluss, einen Erdbunker am "Herreder Hölzchen" auszuheben, damit unsere drei Familien einen halbwegs sichern Unterschlupf hatten. Als Soldat des Ersten Weltkrieges hatte er entsprechende Erfahrung.

So zogen wir mit Handwagen, Decken, Werkzeug und Verpflegung ins "Herreder Hölzchen". Die Entfernung von unserer Wohnung betrug etwa vier Kilometer. Für uns Kinder, die den Zusammenhang noch nicht begriffen, war es interessant und spannend. Für die älteren unter uns Kindern erinnerte dies an Indianerspiel. Über den ausgehobenen Erdbunker wurden Holz, Reisig und eine Decke als Tarnung gelegt.

Am Nachmittag des 3. April gegen 16 Uhr erfolgte der 1. Großangriff auf Stadt und Flur von Nordhausen. Aus unserem "sicheren" Unterstand konnten wir die verheerende Wirkung des Bombardements mit eigenen Augen ansehen. Beeindruckt von dem Geschehenen, richteten wir uns für die Nacht ein. Keiner wusste, was uns am nächsten Tag erwarten sollte.

Am anderen Morgen gegen 9 Uhr erfolgte der nächste Großangriff auf unsere Heimatstadt. Die Bomber der RAF warfen Brandbomben, Phosphorbehälter und 1000 Kilogramm Sprengbomben über der Stadt ab. Am Abend war die Stadt ein Flammenmeer.

Von unserem Erdbunker sahen wir, wie am Abend der Turm der Petrikirche durch den Brand vollständig in sich zusammen stürzte. Wir hatten die Bombardierung aus unserer Deckung, Dank der Weitsicht unseres Großvaters, ohne Verluste überstanden. Für 8800 Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Nach dem wir die Nacht vom 4. zum 5. April in unserem Erdbunker überstanden hatten, berieten die Erwachsenen, was nun zu machen wäre. Da unser Großvater viele Jahre in Salza gewohnt hatte, und unsere Großmutter Auguste gebürtige Sälzerin war, machte er sich auf den Weg dorthin. Dort begegneten ihm viele aufgeregte Bürger die ihm zuriefen "Salza soll geräumt werden. Frauen und Kinder in den Kohnstein".

Mein Großvater konnte mit dem Bürgermeister Hirt sprechen, der ihm empfahl, ebenfalls mit unseren Familien im Kohn-stein Schutz zu suchen. So verließen wir unseren Erdbunker und gingen mit Sack und Pack zum A-Stollen in den Kohnstein. Dort wurden während der Zeit von 1943 bis 1945 sogenannte V-Waffen produziert. Häftlinge aus allen Ländern Europas mussten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Die Häftlinge waren zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr da, so dass im Stollen nicht mehr gearbeitet wurde.

Im Stollen suchten wir uns auf dem Betonfußboden einen Platz, wo wir vorerst bleiben konnten. Mittags wurde aus Kesseln Suppe verteilt und teilweise auch Brot ausgegeben. Da unsere eigenen Vorräte erschöpft waren, ging meine Tante Änne nach Niedersachswerfen zu unseren Verwandten, um etwas Essbares zu bekommen. Sie kam aber nur mit ein paar Almosen zurück. Es hatte keiner aus der Verwandtschaft seine Speisekammer für uns vier Kinder und vier Erwachsene geöffnet.

Vom Stolleneingang konnte man immer noch die brennende Stadt sehen. Wir waren etwa eine Woche im Kohnstein-Stollen, und kehrten danach in unsere Häuser beziehungsweise Wohnungen zurück. Wie froh waren wir, dass unsere Häuser nicht durch den Luftangriff zerstört waren.

Quelle: "Schicksalsjahr 1945 - Inferno Nordhausen" und Stadtarchiv Nordhausen 1995

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