Nordhausen 1945 - Zeitzeugen erinnern sich: Hermann Schenkel schildert, wie er den 4. April 1945 erlebt hat

Hermann Schenkel hat mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder am 4. April 1945 am Kornmarkt in Nordhausen gewohnt. Er war damals sechs Jahre alt und erinnert sich: Es war eigentlich immer das gleiche Ritual wie seit ein, zwei Jahren bei Tag und Nacht: Die Sirenen kündigten einen Voralarm an,

Hermann Schenkel hat mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder am 4. April 1945 am Kornmarkt in Nordhausen gewohnt. Er war damals sechs Jahre alt und erinnert sich:

Es war eigentlich immer das gleiche Ritual wie seit ein, zwei Jahren bei Tag und Nacht: Die Sirenen kündigten einen Voralarm an, unsere Mutter stellte die wichtigsten Sachen parat, die Kinder wurden zum Abmarsch in den häuslichen Keller angezogen und das Warten begann, nervenzehrend. Angespannt. Ängstlich. Schrille Sirenen kündigten den Alarm an, die Familie begab sich mit den anderen Hausbewohnern hastig in den häuslichen Keller.

Wer waren wir: Die Familie bestand aus meiner Mutter Elisabeth Schenkel, geborene Donnerberg, den Kindern Hermann (6 Jahre) - dem Autor dieser Zeilen - und Jürgen (3 Jahre), Frau Ehrenberg mit ihrem Säugling, die in unserem Haus als Flüchtlinge einquartiert waren, und aus unserer alte Haushälterin Dodo, die schon meinen Großeltern Hermann und Lina Schenkel "gedient" hatte.

Unser Haus stand mitten in der Stadt, am Kornmarkt, mit der Hausnummer 16. Ein Blick aus den Fenstern: links neben uns das Kaufhaus Schönbeck, schräg gegenüber das Hotel "Römischer Kaiser", rechts der enge Durchlass zur Kranichstraße. Vor uns der Kornmarkt, die Arkaden des neugotischen Rathauses, der belebte Platz mit dem Blick in die Rautenstraße.

Jeder hat bei Alarm ‚ seinen Platz im Keller

Das Haus Kornmarkt 16 war ein Bau des 18. oder frühen 19. Jahrhunderts. Unter dem Haus ein alter Keller mit einem vermauerten Zugang zu einem Stollen, der vor dem Haus den Kornmarkt querte. 1937/38 hatten die Inhaber des Textilwarengeschäftes "Hermann Schenkel", mein Vater Georg und sein Bruder Willi, den hinteren Teil des Grundstücks mit einem großzügigen Ladenraum mit Keller neugestaltet und ausgebaut. Dieser Keller war unsere Zuflucht: über uns eine dicke Betondecke. Im Keller waren für das Winterhilfswerk Sachen sortiert und gestapelt.

Die ersten sichtbaren Eindrücke, was Krieg anrichten kann, sah ich am 3. April. Mit Herta Kohlhase, einem Lehrling im elterlichen Geschäft, gingen mein Bruder und ich am Nachmittag durch die Stadt. Vor unserem Haus lagen auf dem Bürgersteig Scherben, eine Schaufensterscheibe war zersprungen, die Pflasterung des Bürgersteigs aufgeworfen. Eine Menge Menschen sahen sich das Haus an, das in unserer Nachbarschaft ein Bombentreffer zerstört hatte.

Der Morgen des 4. April war für uns Kinder ein Morgen wie jeder andere: aufstehen, im Bad die Morgentoilette, anziehen und frühstücken. Nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Vielleicht hatte mein Vater Georg, Soldat und im Luftwarnkommando in Duderstadt stationiert, meine Mutter angerufen und ihr von dem berichtet, was er wusste aus der Kette von Nachrichten, die seine Stelle erhalten hatte: Bomberverbände auf Anflug auf Mitteldeutschland. Aber Nordhausen? Das konnte er zu dieser Zeit (noch) nicht wissen.

So gegen 9 Uhr war es, dass die Sirenen zum Alarm heulten. Schnell alle Habseligkeiten geschnappt, die Treppen zum Keller hinunter, nach Frau Ehrenberg und Dodo gesehen, in dem kleinen Raum nahmen wir unsere Plätze ein: Meine Mutter und die beiden Kinder auf einem Bett mit dem Rücken zum hinteren Kellerausgang, Frau Ehrenberg mit ihrem Kind und unsere Dodo uns gegenüber, mit dem Rücken zum Altbau. Auf dem Tisch zwischen uns brannten zwei oder drei Kerzen. Plötzlich ein Brummen, das sich verstärkte, was ich deutlich spürte, es drang Staub in unseren Keller, die Kerzen flackerten und verlöschten. Nacht um uns herum.

Wie lange diese "Nacht" gedauert hat, weiß ich nicht. Ich war der erste, der im Keller wieder zu sich kam, der das Licht am hinteren Kellerausgang sah und durch das Tohuwabohu in dem großen Raum zu Ausgang stolperte: Tische, Stühle, Regale und Sachen vom Winterhilfswerk waren durcheinander gewirbelt.

Viele krochen schwer verletzt aus den Häusern

Als ich den Keller verließ, war die Welt aus den Fugen geraten: rechts die Mauer zum Kaufhaus Schönbeck: weg, buchstäblich verschwunden. Über mir auf einem Mauerrest: zwei T-Träger balancierten verbogen in der Luft, links zum Bäcker Eckardt hin keine Mauer mehr, nur ein Trümmerhaufen, über den ich aus dem Keller von Eckardts mühsam krabbelte.

Als ich die Einfahrt erreicht hatte, kamen aus dem Keller des Eckardtschen Hauses die Überlebenden dieses Kellers. Das Haus unserer Nachbarn war zerstört. Ich konnte durch den Dachstuhl den Himmel sehen, kein Fenster heil, keine Türen in den Angeln. Vom Kornmarkt 16 war nichts mehr zu sehen.

Hinter mir stolperten meine Mutter und mein Bruder Jürgen über die Trümmer. Meine Mutter war während dieses Angriffs im Keller schwer verletzt worden. Sie hatte sich nur mit letzter Kraft aus dem Keller schleppen können. Wir Brüder hatten leichte Verletzungen am Kopf, was natürlich schlimmer aussah durch das Blut, das aus den Wunden sickerte.

Schließlich kroch auch Frau Ehrenberg über die Trümmer zu uns in den Torweg. Sie hatte sich einen Fuß gebrochen und noch nicht realisiert, dass ihr Kind verschüttet war und nicht mehr lebte. Wie unsere Dodo auch.

Wir Kinder hatten in diesen Minuten nichts zu melden. Hilflos standen wir herum, wussten nicht, was mit der Mutter geschah. Die Männer, die im Eckardtschen Keller überlebt hatten, packten an. Sie brachen aus den zerstörten Schaufenstern ein großes Brett heraus, halfen meiner Mutter, sich auf das Brett zu legen, hoben die provisorische Trage auf und machten sich auf den Weg zum Notlazarett in der Loge.

Wir Kinder stolperten über die Trümmer der zerstörten Häuser hinterher, durchquerten den einen oder anderen Bombentrichter und erreichten schließlich die Loge. Irgendjemand fragte uns, wo denn eventuell Verwandte zu finden seien, was ich beantworten konnte: die Großeltern Donnerberg, wohnhaft in der Elisabethstraße, hatten vermutlich Zuflucht im Brauereikeller gefunden.

Wir wurden an die Hand genommen und zum Brauereikeller geführt. Dort entdeckten wir die Großeltern, denen wir berichteten, was wir erlebt hatten. Mein Großvater Willi Donnerberg, Obermeister der Schuhmacherinnung und ein Mann von Tatkraft und Neugier, wollte wissen, wie es in der Stadt aussah und sagte, er wolle sich mal den Kornmarkt ansehen. Wenig später kam er zurück. Seine Worte haben sich mir tief eingeprägt: "Die ganze Stadt brennt."

Die ganze Familie fand Sicherheit in Rottleberode

Viele Jahre später, als ich meinem Vater einmal bat, von seinen Erlebnissen in beiden Kriegen zu erzählen, fragte ich: Wie hast du diesen 4. April erlebt, als die Bomberverbände ihre Last über Nordhausen abluden? Er sagte, dass er sich nicht hätte vorstellen können, dass seine Frau und seine Kinder überlebt haben könnten. Er wusste, was passierte und passiert war - aber hatte keine Möglichkeit, das Schicksal seiner Familie zu erfahren. Und Duderstadt war nicht weit.

Zwei Tage nach dem 4. April tauchte mein Vater plötzlich auf: In Wehrmachtsuniform, mit Urlaubsschein. Er fand uns Kinder in der Obhut der Großeltern und seine Frau in der Klinik Goldmann, wo wir unsere Mutter dann auch besuchen durften: Wir standen auf dem Hof und schauten in die Kellerräume, winkten unserer Mutter zu und verließen wenige Tage später zusammen mit ihr Nordhausen, auf dem Weg nach Rottleberode und Stollberg, wo Verwandte von uns lebten.

Meine Eltern wussten, dass sie den Weg nach Rottleberode mit uns Kindern nur zu Fuß gehen konnten. Wir waren gerade im Gehege angekommen, als Tiefflieger uns in eine steinerne Baracke flüchten ließen. Nachdem keine Flugzeuggeräusche mehr zu hören waren, gingen wir weiter Richtung "Schöne Aussicht", wo mein Vater einen Wehrmachts-Pkw anhielt und bat, meine Mutter und uns Kinder ein Stück mitzunehmen. Die Soldaten räumten die hintere Sitzbank, die Familie durfte einsteigen und zwei der Soldaten fuhren auf den Kotflügeln mit bis Hermannsacker. Wir erreichten am Nachmittag Rottleberode - und waren in Sicherheit.

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