Nordhausen 1945 Zeitzeugen erinnern sich: Nach dem 3. April lebte niemand mehr von der Nachbarsfamilie

Nordhausen. So erlebte Jutta Arndt, geb. Gothe, aus Rosperwenda die Bombenangriffe am 3. und 4. April 1945 auf Nordhausen:

1934 wurde ich in Bielen geboren. 1938 zogen meine Eltern nach Nordhausen. Wir wohnten im Altendorf Nr. 63. Ich kann mich besinnen, dass meine Eltern jeden Abend die Fenster verdunkeln mussten, damit kein Lichtschein nach außen dringen konnte. 1941 kauften meine Eltern das Haus in der Wolfstraße Nr. 15, und 1942 kam dort mein Bruder Gerhard zur Welt. Mein Vater wurde wie viele andere Väter zur Wehrmacht einberufen.

Die Fliegeralarme mehrten sich ständig, und es kam häufig vor, dass meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich meistens nachts ein- bis zweimal den Luftschutzkeller aufsuchen mussten. Meine Mutter hatte immer zwei Koffer und einen Rucksack zu schleppen. Ich hatte eine Tasche und einen kleinen Rucksack zu tragen.

Den Sportwagen mit meinem kleinen Bruder schob meine Freundin Ursel Stange. Sie war zwei Jahre älter als ich und dadurch kräftiger. Denn es ging nur bergan, Pferdemarkt bis hoch zum Hagen, in den tiefen Brauereikeller der Aktienbrauerei. Ursel war meine Nachbarin von gegenüber und meine beste Freundin. Ihr Vater hatte eine Schuhmacherei.

1942 wurde ich in die Töpfertorschule eingeschult. Auch dort mussten wir oft in den Schulkeller, wenn es Fliegeralarm gab. Mein Vater schrieb in jedem seiner Briefe an uns: "Geht in den Luftschutzkeller!". Wir lächelten manchmal heimlich darüber und ahnten nicht, wie recht er damit hatte.

Nach Ostern kamen die Fliegerverbände

Am 1. April 1945, also am Ostersonntag, besuchten wir meine Großeltern in Bielen. Ich hatte ein Fahrrad und durfte kurz vor Bielen vornweg fahren, um einer Frau ein fertig genähtes Kleid zu bringen. Meine Mutter war Schneiderin. Als ich dort ankam, hörte ich, wie Tiefflieger die Menschen, die sich auf der Chaussee befanden, beschossen. Ich schrie wie am Spieß: "Meine Mutter ist noch auf der Chaussee."

Ich ließ mich nicht halten und radelte los. Kurz vor der Chaussee kam meine Mutter mit dem Sportwagen im Dauerlauf zum Dorf rein. Sie erzählte später, dass sie sich mehrmals in den Graben und über meinen kleinen Bruder geworfen hatte. Das war für mich schon ein schreckliches Ereignis.

Ostern erlebten wir in Ruhe. Am 3. April wollten wir wieder nach Hause. Nach dem Mittag wollten wir uns von meinen Großeltern verabschieden und standen vor der Hoftür. Die Nachbarsfrau, Frau Tänzer, rief von gegenüber uns zu, wir sollten doch noch warten, es wären schwere Fliegerverbände im Radio gemeldet.

Frau Tänzer stand vor ihrem Haus. Sie hatte einen Tragemantel umhängen, und auf jeder Seite hatte sie einen Säugling eingewickelt. Es waren Zwillinge. Sohn Heinz war, so wie ich, 11 Jahre alt und mein Spielkamerad, wenn ich in Bielen zu Besuch war. Die Oma Tänzer war am Fenster. Plötzlich, ohne Sirenengeheul, war das Fliegergebrumm über uns und wir schafften es gerade noch in den kleinen Keller unter dem Haus. Es knallte und donnerte ohrenbetäubend. Ich schrie und weinte vor lauter Angst und klammerte mich an meine Oma.

Dann kam ein extra lauter Donnerschlag, und alles im Keller fiel aus den Regalen. Der Keller schaukelte. Zum kleinen Kellerfenster kam eine Staubwolke herein, sodass wir nichts mehr sehen konnten. Irgendwann wurde es still, wir trauten uns aus dem Keller. Über Dachziegeln, Balken und anderem Schutt bahnten wir uns den Weg nach draußen.

Nachbarsfamilie fiel den Bomben zum Opfer

Vor der Haustür bot sich uns ein schreckliches Bild. Das Haus der Nachbarin, die uns gewarnt hatte, war zu einem großen Trümmerhaufen geworden. Keine Spur von der Familie Tänzer. Das übernächste Haus von uns war auch nur noch ein Trümmerhaufen.

Tage später fand man die Familie Tänzer im Nebenhaus auf dem Stallboden, dort waren sie durch das abgedeckte Dach geflogen, alle tot, mit eingedrückten Schädeldecken. Frau Tänzer hatte die Babys noch im Tragemantel. Mein Spielkamerad Heinz war auch tot, ich konnte es nicht fassen. Auch die Oma lebte nicht mehr. Für mich war es ein ganz schlimmes Erlebnis. Am Abend gingen wir zu meiner Tante. Sie wohnte am Dorfrand. Dort erlebten wir den zweiten Angriff auf Nordhausen am 4.4.1945 in deren Keller. Wieder fielen zahlreiche Bomben auf Bielen, und es gab wieder Tote.

Am 5. April zogen wir mit dem Handwagen ins Feld. Im Wagen saßen mein dreijähriger Bruder und meine Cousine Inge. Ich lief nebenher. Wir kamen bis zum Leimbach und versteckten uns in Gräben, die zurückstrebende Soldaten ausgehoben hatten. Von dort hörten wir die vielen Blindgänger, die in Nordhausen immer noch detonierten. Der Himmel über der Stadt war feuerrot. Es brannte noch Wochen.

Meine Mutter unternahm mehrmalig den Versuch, in unsere Straße zu gelangen. Aber sie kam nur bis zum Neumarkt und wurde immer wieder zurückgeschickt. Später haben wir erfahren, dass unser Haus einen Volltreffer hatte und wir alles verloren hatten.

Nach vielen Wochen überredete meine Mutter meine Tanten und Onkel, doch noch nach unserem Keller zu graben. Der Keller lag vorn an der Straße, aber es war kein Keller mehr da. Die Wolfstraße existierte nicht mehr, die ganze Umgebung war ein einziges Trümmerfeld.

Durch den Luftdruck der Bombe oder Luftmine war alles, was im Keller war, unter die Straße geschoben worden. Dort hatten sich die Pflastersteine zu einem Hügel angehoben. Beim Graben wurde die große Holztruhe freigelegt. Das gute Porzellan in der Truhe war alles kaputt, und zwischen die Wäsche war das Löschwasser (war Vorschrift) gelaufen. Sämtliche Wäschestücke waren verstockt und rissen wie Papier.

Aber ein kleines Wunder haben wir trotzdem erlebt. Bei meinem Onkel hing eine Goldkette mit Aquamarinanhänger an der Schaufel. Sie gehörte meiner Mutter. Dieses Schmuckstück wurde später bei einem Bauer gegen Mehl eingetauscht.

Neues Haus mit Trümmersteinen gebaut

Ab sofort ging ich in Bielen zur Schule. Im September 1945 kam mein Vater aus der Gefangenschaft zurück. Er kaufte am Stresemannring ein Behelfsheim. Da dieses nur aus Gipsplatten bestand, suchten wir aus den Trümmern Brandsteine. Sie wurden abgeklopft, und das Haus wurde massiv aufgebaut. Es war zwar nur ein kleines Haus, aber wir hatten wieder ein Zuhause.

Da die Töpfertorschule auch den Bomben zum Opfer gefallen war, musste ich in die Wiedigsburg zur Schule. Eine Woche vormittags und eine Woche nachmittags. Es war immer ein weiter Weg vom Stresemannring und immer durch die Trümmerlandschaft.

Heute freue ich mich, dass Nordhausen wieder so schön geworden ist. Obwohl ich nicht direkt in Nordhausen wohne – es ist meine Stadt!

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