Wie man sich in Erfurt an die Kassenbon-Pflicht hält

Erfurt.  Wie hält man es mit der am 1. Januar eingeführten Kassenbonpflicht in Erfurt? Kurz: Ganz und gar unterschiedlich.

Nicht entgegengenommene Kassenbons in einem Bäckergeschäft, kunstvoll gesteckt zu einer dekorativen Rose.

Nicht entgegengenommene Kassenbons in einem Bäckergeschäft, kunstvoll gesteckt zu einer dekorativen Rose.

Foto: Marco Schmidt

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„Möchten Sie den Kassenbon?“ – Eine Frage, weit weg von der einstigen Unverbindlichkeit, sondern seit dem 1. Januar nicht zu diskutierende Pflicht. „Kassengesetz für mehr Steuergerechtigkeit“ heißt die im sperrigen Amtsdeutsch. Mit der Kassenbonpflicht sollen Steuerschlupflöcher geschlossen werden, weil sich der Schaden für den Fiskus durch undurchsichtiges Geschäftsgebaren bei der Abrechnung bundesweit per anno auf zehn Milliarden Euro belaufen soll.

Was in anderen Ländern längst Usus ist, ist nun auch in Deutschland gängige Praxis geworden. Erwartungsgemäß war der Aufschrei der Händlerschaft groß. Und auch nicht wenige Kunden mokieren sich über das aus ihrer Sicht unsinnige Gesetz. Aber wie rigide wird es eigentlich umgesetzt?

Hier einige Stichproben:

„Ohne Steuermogelei gäbe es den ganzen Quatsch nicht“

Bäckerei Thieme in Marbach. Verkäuferin Christine Voigt stellt unentwegt jedem Kunden immer wieder die gleiche Frage: „Wünschen Sie den Kassenbon?“. Etwa zehn Prozent aller Käufer, so ihre Schätzung, nehmen das Papierchen mit. Vielleicht sind das Leute, die ein Haushaltsbuch führen oder für andere einkaufen, so ihre Vermutung. Die meisten schmunzeln und verneinen dankend. In dem Fall wird der Bon gar nicht erst ausgedruckt. Ist ja eh alles in der Kasse registriert und nachprüfbar, sagt die freundliche Dame. Und eine Kollegin ruft aus dem Hintergrund: „Ohne Steuermogelei gäbe es den ganzen Quatsch nicht.“

Im Dönerimbiss Fehlanzeige

Bäckerei Hengstermann in der Marktstraße. Verkäufer Dustin Griese fragt jeden Kunden gebetsmühlenartig. Auf Verlangen wird der Bon ausgedruckt. Viele wissen noch gar nichts davon, kennen auch den Hintergrund nicht. Und nicht wenige würden sich über die neue gesetzlich vorgeschriebene Notwendigkeit lustig machen, so seine Beobachtung.

Schräg rüber, am Bratwurststand auf dem Domplatz neben dem Rondell des Restaurants Braugold, wandern ungezählte Bratwürste an die vorwiegend aus Touristen bestehende Kundschaft über den Tresen. Kassenbon? „Ne. Gehen Sie mal rein und fragen, vielleicht kriegen Sie den dort“, sagt die emsige Dame am Grill.

Gerade rüber in der Töttelstädter Fleischerei. Ein etwas mäkliger Besucher will schnell was zu Mittag. Bratwurst, Kartoffeln, Gemüse. „Ist aber teuer“, mault er. Und bekommt einen Bon in die Hand gedrückt. „Der kommt immer automatisch raus, aber kaum einer nimmt ihn mit“, sagt die junge Dame hinterm Tresen.

Statt Kasse nur noch Kartenzahlung

Im Café Spiegler am Wenigemarkt surrt automatisch das Zettelchen für ein Stück Kuchen mit detailliertem Nachweis für Netto- und Bruttopreis aus der Kasse und wird den Käufern zum Kuchenpaket automatisch dazu gereicht. Die Kunden würden zwar den Hintergrund der Aktion kennen, hätten aber kein Verständnis für das viele Altpapier, heißt es.

Eine Friseurmeisterin in der Altstadt hat hingegen gar keine Kasse mehr, nur Kartenzahlung. Der EC-Zahlungsschnipsel reicht, wurde ihr vom Steuerprüfer bedeutet. Also fällt auch der ganze Papierkram weg.

Streit um Schädlichkeit des Papiers

Was die nächste Frage provoziert. Was müssen das eigentlich für Unmengen an Papiermüll sein, die da deutschlandweit tagtäglich im Abfall landen. Und in welchem Abfall überhaupt? Darüber wird auch noch gestritten. Die einen, zum Beispiel der Verband Deutscher Papierfabriken, sagt, unbedenklich fürs Altpapier, da nicht mehr das schädliche Bisphenol A drin ist. Das Umweltbundesamt sagt das Gegenteil. Fakt ist, einige Supermarktketten haben tatsächlich auf unbedenkliche Kassenrollen umgestellt. Andere schicken den Kassenzettel auf Kundenwunsch als E-Mail.

Kontrollen durch das Finanzamt Erfurt

Nächste drängende Frage: Muss wirklich jeder Händler einen Kassenbon ausstellen? Also auch der Bratwurstbrater? Wer gar keine Registrierkasse hat, der muss auch keinen Bon ausgeben. Die Pflicht, eine elektronische Kasse zu führen, gibt es in Deutschland nämlich nicht. Und wer kontrolliert das alles eigentlich? Das Finanzamt Erfurt.

Vier Bedienstete seien auch mit Kontrollaufgaben im Kassenbereich betraut, heißt es in einer Antwort aus dem Thüringer Finanzministerium. Die Prüfung der Belegausgabepflicht erfolge „routinemäßig im Rahmen von sogenannten Kassen-Nachschauen“ bereits seit 1. Januar 2018. Nach dem Zufallsprinzip. Oder „anlassbezogen“.

Bisher keine Verstöße

Und was passiert, wenn man ertappt wird? In der ministerialen Antwort heißt es: „Es wurden bisher noch keine Verstöße festgestellt. Die Folgen für Steuerbürger, bei denen Verstöße festgestellt werden, können nicht pauschal benannt werden. Denkbar sind unter anderem Hinweise und Belehrungen, erneute Nachschauen oder auch der Übergang zu einer regulären Betriebs- oder Umsatzsteuersonderprüfung.“

Bußgelder soll es nicht geben, hat das Bundesfinanzministerium erklärt. Zittern muss da wohl keiner. Aber diskutiert wird das ganze Thema wohl noch einige Zeit. Sowohl pro als auch kontra.

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