Royale Geschichten von Liebe und Leid – Die thüringischen Wurzeln des belgischen Königshauses

Gotha  Das Haus Sachsen-Coburg und Gotha hat es geschafft, viele europäische Throne zu besetzen. Auch das belgische Königshaus hat hier seine Wurzeln.

Rosemarie Barthel vom Staatsarchiv Gotha hat die verwandtschaftlichen Beziehungen des belgischen Königshauses zum Haus Sachsen-Coburg und Gotha erforscht. Hier zeigt sie eine der kunstvollen Grußadressen, die Prinz Alfred bei seiner Regierungsübernahme 1893 mit nach Gotha brachte.

Rosemarie Barthel vom Staatsarchiv Gotha hat die verwandtschaftlichen Beziehungen des belgischen Königshauses zum Haus Sachsen-Coburg und Gotha erforscht. Hier zeigt sie eine der kunstvollen Grußadressen, die Prinz Alfred bei seiner Regierungsübernahme 1893 mit nach Gotha brachte.

Foto: Sibylle Göbel, Staatsarchiv

Rosemarie Barthel ist keine Royalistin. Was Königs heutzutage tun und lassen, interessiert sie eher mäßig. Dabei ist sie eine ausgezeichnete Kennerin des europäischen Hochadels und weiß genau, wo welches Königshaus wurzelt und wer mit wem verwandtschaftlich verbandelt ist.

Das kommt freilich nicht von ungefähr: Schließlich arbeitet die 66-Jährige seit fast 50 Jahren im Staatsarchiv Gotha – einem von sechs Staatsarchiven in Thüringen – und hat zahlreiche Quellen, die die royalen Beziehungen belegen, nicht nur permanent vor der Nase, sondern auch ausgiebig studiert und ausgewertet. Deshalb kann Rosemarie Barthel unter anderem auch erklären, dass nicht nur die englische Königin von einer deutschen Dynastie abstammt, sondern auch der belgische König Philippe, der nächste Woche gemeinsam mit seiner Frau, Königin Mathilde, Thüringen besucht.

Mit Philippes Stammbaum hat sich Rosemarie Barthel en Detail befasst – nicht zuletzt deshalb, weil vor etwa zehn Jahren im Staatsarchiv ein Karton wiederentdeckt wurde, der Fragmente eines riesigen Plakats enthielt. So schlecht der Zustand der Papierfetzen auch war, so weckten sie doch die Neugier der Archivare: Sie legten zunächst einige Teile des zum Puzzle zerfallenen Dokuments zusammen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, und stellten dabei fest, dass das Fundstück von ungewöhnlichen Dimensionen war: nämlich 2 mal 4 Meter groß und einst dazu gedacht, das Programm der Feierlichkeiten zum 25. Regierungsjubiläum Leopolds I. von Belgien im Juli 1856 publik zu machen.

Das Plakat, von dem offenbar nur noch dieses eine Exemplar existiert, konnte restauriert und 2010 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Jetzt ruht es wieder, sorgsam aufgerollt, in einem eigens gezimmerten hölzernen Kasten im Magazin des Staatsarchivs.

Leopold I. war zunächst Prinz von Sachsen-Coburg-Saalfeld, von 1826 an dann Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha. Er stammte in direkter Linie von Ernst dem Frommen (1601-1675) ab, der seit 1640 Herzog von Sachsen-Gotha war und 1672, nach dem Anheimfallen eines beträchtlichen Teils des Herzogtums Sachsen-Altenburg, das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg gründete.

Als jüngster Sohn eines eher unbedeutenden und noch dazu verschuldeten kleinen Herzoghauses hatte Leopold alles andere als optimale Startbedingungen für eine große Karriere. Was der Adelsspross allerdings hatte, das war eine sehr ehrgeizige und obendrein geschickt agierende Mutter, erzählt Rosemarie Barthel. Jener Auguste, der Tochter des Grafen Heinrich XXIV. Reuß zu Ebersdorf, ist es nämlich zu verdanken, dass das Haus Sachsen-Coburg und Gotha über kurz oder lang in ganz Europa Throne besetzen konnte.

Reich beschenkt von russischen Verwandten

So gelang es Auguste, Juliane, die jüngste ihrer drei Töchter, mit einem Enkel der russischen Zarin Katharina II. zu verheiraten. Das endete zwar in einem ziemlichen Desaster, die Ehe wurde sogar geschieden. Doch zum einen konnte sich Augustes Familie dank der Geschenke der reichen russischen Verwandtschaft wirtschaftlich konsolidieren. Zum anderen sprang für Julianes jüngeren Bruder Leopold, obwohl er zu dieser Zeit noch ein Kind war, zuerst der Rang eines Hauptmanns im Regiment seines russischen Schwagers und einige Jahre später die Ernennung zum Oberst in der russischen Armee heraus. Allein schon dadurch besserten sich seine Aussichten.

Aber das war noch nicht alles: Als Leopold 1814 im Alter von 24 Jahren im Gefolge des russischen Zaren London besuchte, lernte er die englische Thronfolgerin Charlotte Augusta von Wales kennen. Und während in jener Zeit die meisten Ehen von Blaublütern aus Gründen der Staatsräson, des Machterhalts oder des Geldes arrangiert wurden und gegenseitige Zuneigung kaum keine Rolle spielte, schlug bei Leopold und Charlotte offenbar der Blitz ein: Beide sollen, kaum dass sie sich erstmals begegnet waren, einander sehr zugetan gewesen sein. 1816 heirateten sie in London – „und Leopolds Mutter Augusta war fast am Ziel: der eigene Sohn verheiratet mit der zukünftigen Königin von England“, fasst Archivamtsrätin Barthel dieses Kapitel zusammen.

Bedauerlicherweise fand die romantische Liebe ein tragisches Ende: Denn nicht einmal anderthalb Jahre nach der Hochzeit starb Prinzessin Charlotte Augusta einen Tag nach der Totgeburt ihres Sohnes im Kindbett. Leopold blieb völlig verzweifelt zurück, Schmerz und Trauer überwältigten ihn, er war geradezu untröstlich.

Doch als Schwiegersohn des englischen Königs konnte und durfte er sich seinem Kummer nicht vollends hingeben, zumal jetzt nicht nur die britische Thronfolge wieder ungeklärt war, sondern Leopold auch für ein hohes Amt in Frage kam. Zwei Möglichkeiten sollten sich ihm bieten: Zuerst wurde ihm die griechische Krone angetragen, die er aber wegen der unsicheren Verhältnisse in Griechenland nach reiflicher Überlegung ablehnte.

Eine kluge Entscheidung, wie sich ein Jahr darauf zeigte: Denn nachdem Belgien am 4. Oktober 1830 die Unabhängigkeit von den Niederlanden verkündet hatte, wurde Leopold vom belgischen Nationalkongress gefragt, ob er König der Belgier werden wolle. „Man suchte ganz bewusst nach einer neutralen Person und wollte keinen König aus den eigenen Adelsreihen“, weiß Rosemarie Barthel. Leopold schien den Belgiern genau der Richtige für das Amt sein: aus einem kleinen Fürstenhaus stammend, aber dennoch weit gereist und weltgewandt. 1831 legte der Deutsche den Eid auf die Verfassung ab und wurde nicht etwa König von Belgien, sondern König der Belgier – ein Titel, der für eine dem Volk verbundene, nicht über ihm thronende Monarchie steht. Leopolds Mutter Auguste soll den Tag später als den glücklichsten ihres Lebens bezeichnet haben, denn nun war sie sogar die Mutter eines Königs.

Leopolds Antrittsrede drückte derweil Demut und Dankbarkeit und den unbedingten Willen aus, ein guter Monarch zu sein: „Belgier“, soll er Überlieferungen zufolge gesagt haben, „durch Ihre Adoptation werde ich es mir zum Gesetze machen, durch meine Politik stets Belgier zu bleiben.“

Über Leopolds Thronbesteigung berichtete damals auch die „Gothaische politische Zeitung“ ausführlich, so dass auch das Volk in seiner thüringisch-fränkischen Heimat genau über seinen Werdegang informiert war. König Leopold I., der 1832 ein zweites Mal heiratete und Louise d’Orléans zur Frau nahm, war bei den Belgiern überaus beliebt. Deshalb wurde auch der 25. Jahrestag seiner Thronbesteigung mit großer Begeisterung gefeiert – jener Jahrestag, für den das eingangs erwähnte riesige Plakat gefertigt wurde. Als Leopold I. schließlich 1865 verstarb, versank das Volk in tiefer Trauer.

Das schwarze Schaf in der Familie

Über seinen Nachfolger, seinen ältesten Sohn Leopold II, lässt sich Rosemarie Barthel zufolge nicht sehr viel Gutes sagen. Er hatte keinen guten Ruf“, sagt die Gothaer Archivarin. Leopold II. sei sehr unbeliebt gewesen: „Er riss sich den Kongo unter den Nagel und soll grausame Misshandlungen der Einheimischen veranlasst haben.“ Doch dafür kann der heutige belgische König schließlich nichts: Ein schwarzes Schaf gibt es in jeder Familie – und eben auch in den höchsten Kreisen.

Nach dem Tod Leopolds II. übernahm mangels eigener männlicher Nachkommen dessen Neffe Albert I. die Regierung, der Urgroßvater des jetzigen Königs. Philippe wiederum hat das Amt 2013 von seinem Vater Albert II. übernommen.

Der Rückblick auf Philippes Vorfahren Leopold I., den ersten König der Belgier, wäre indes unvollständig, würden wir nicht auch einen Blick darauf werfen, wie Leopold nach dem Tod seiner ersten Frau Einfluss auf die Besetzung des englischen Thrones nahm. Weil die Thronfolge mit Charlottes Ableben nämlich wieder völlig offen war, arrangierte Leopold I. die Heirat seiner Schwester Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld, die Witwe und Mutter zweier Kinder war, mit einem Bruder seines Schwiegervaters König Georg III., Herzog Eduard August von Kent. Aus dieser Ehe ging Alexandrina Victoria vorher, die spätere Queen Victoria, über die ihr Vater nach der Geburt wenig schmeichelhaft bemerkt haben soll, dass das Mädchen „fett wie ein Rebhuhn“ sei. Rosemarie Barthel kurz und knapp: „Ohne Charlottes Tod hätte es Königin Victoria wahrscheinlich nicht gegeben.“

Eine direkte Vorfahrin der britischen Königsfamilie ist aber auch Luise, Prinzessin von Sachsen-Gotha-Altenburg (1800-1831), geboren in Gotha. Rosemarie Barthel verhehlt nicht, dass das ihre historische Lieblingspersönlichkeit und Luise ihr ungemein ans Herz gewachsen ist, „weil sie eine faszinierende, unangepasste, aber auch von besonderer Tragik umwehte Frau war“.

In der Ehe mit Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld, dem älteren Bruder von Leopold I., brachte Luise zwei Söhne zur Welt: 1818 Ernst II. und ein Jahr später Albert. „Leopold war oft bei der Familie seines Bruders in Coburg und nahm dabei Einfluss auf die Erziehung seiner beiden Neffen“, weiß Rosemarie Barthel. Aber nicht nur das: Später arrangierte Leopold auch die 1840 geschlossene Ehe seines Neffen Albert mit seiner nahezu gleichaltrigen Nichte Victoria.

Wir erinnern uns: Victoria war die Tochter seiner in England wiederverheirateten älteren Schwester Victoire. Das heißt also: Durch die Heirat von Cousin und Cousine entstammten sowohl die Königin als auch ihr Gemahl dem Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld, das von 1826 an das Haus Sachsen-Coburg und Gotha war.

Spurensuche auch im Thüringischen

„Obwohl auch diese Ehe ein Arrangement war, muss sie, anfänglichen Zwistigkeiten zum Trotz, eine sehr große Liebe gewesen sein“, sagt Rosemarie Barthel. Der Tod ihres geliebten Mannes war für Königin Victoria ein schwerer Schlag: Die einst lebenslustige Monarchin zog sich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und trug für den Rest ihres Lebens – immerhin 40 Jahre lang – nichts anderes mehr als die Witwentracht. Ihr ältester Sohn Eduard wurde 1902, ein Jahr nach Victorias Tod, zum König gekrönt und war der erste britische Herrscher aus dem Adelsgeschlecht derer von Sachsen-Coburg und Gotha.

Rosemarie Barthels Erläuterungen belegen – nebenbei bemerkt – auch: Archivarbeit bedeutet eben nicht, den Staub von Akten zu pusten und sich mit langweiliger Materie zu befassen: Aus totem Papier erheben sich durch das Studium der Archivalien vielmehr Geschichten von Menschen, die lange vor unserer Zeit lebten, aber dieselben Empfindungen hatten wie wir, erheben sich Geschichten von Liebe und Leid, Intrigen und Irrsinn, Hader und Neid.

Doch zurück zum Haus Sachsen-Coburg und Gotha: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein einst politisch weitgehend unbedeutendes Herzogtum es also vor allem durch eine geschickte Heiratspolitik geschafft hat, eine Reihe europäischer Throne zu besetzen und europaweit Bedeutung zu erlangen.

Kürzlich besuchte Sarah Ferguson, die Herzogin von York und Ex-Schwiegertochter von Königin Elizabeth II., während eines Deutschlandaufenthaltes zu Dreharbeiten unter anderem auch das Staatsarchiv Gotha, um sich vor allem über Herzogin Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg zu informieren. Jene tragische Gestalt, die nach kurzer Ehe von ihrem Mann kalt gestellt worden war und ihre Söhne bis an ihr viel zu frühes Lebensende nicht wiedersehen durfte, die aber – wie erwähnt – eben auch die Mutter von Albert war.

Kostbarkeiten unter Glas ausgebreitet

„Sarah Ferguson fühlt sich ihr nahe, sieht gewisse Parallelen“, weiß Rosemarie Barthel, die lange mit dem Gast sprach. Auch mit König Philippe und Königin Mathilde wird Rosemarie Barthel auf Spurensuche gehen. Für die Visite des Paares bereitet sie eine Vitrine mit besonders wertvollen Schriftstücken vor: Unter Glas ausgebreitet werden am Dienstag unter anderem zwei von Leopold I. unterzeichnete Staatsverträge und das Inventar des belgischen Staatsarchivs von 1837.

Fast ein wenig schade findet es Rosemarie Barthel, das man den Gästen nicht die prächtigsten Stücke des Archivs zeigen kann: Beispielsweise die mit aufwendig verzierten Beschlägen versehene Bibel von Ernst dem Frommen oder die geradezu meisterlich gestalteten rund 2000 Grußadressen, die Prinz Alfred, der zweitgeborene Sohn der britischen Königin Victoria und ihres Gemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, ehemaliger Offizier der Royal Navy, bei seiner Regierungsübernahme 1893 mit nach Gotha brachte. Mithin jenen Ort, in dem der europäische Hochadel eine seiner Wurzeln hat und ohne den es viele der heutigen gekrönten Häupter gar nicht gäbe.

Begegnung erwünscht

Höhepunkte des königlichen Besuchs am Dienstag, 9. Juli, in Thüringen werden neben den inhaltlichen Schwerpunkten auch zwei Bürgerbegegnungen sein: Bereits um 11.30 Uhr treffen der König und die Königin der Belgier am Dienstag am Ausgang von Schloss Friedenstein auf die Gothaer Bürgerinnen und Bürger.

Am Nachmittag werden dann in der Klassikerstadt Weimar die Hände geschüttelt: Um 16 Uhr empfängt Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern das Königspaar am Neuen Museum in Weimar.

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