Schweizer Besuch im Teistunger Grenzlandmuseum

Eichsfeld  Gäste aus der Schweiz besuchen auf ihrer Gemeindefahrt mit ihrem aus Thüringen stammenden Pfarrer das Eichsfelder Grenzlandmuseum.

Pfarrer Otfried Pappe (links) spricht mit dem Busfahrer Markus Hugi die nächsten Stationen ab.

Pfarrer Otfried Pappe (links) spricht mit dem Busfahrer Markus Hugi die nächsten Stationen ab.

Foto: Jürgen Backhaus (3)

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen war eines der Ziele, das jetzt eine Reisegruppe aus dem Schweizer Jura auf dem Programm ihres einwöchigen Thüringen-Aufenthaltes hatte.

Was die zumeist schon älteren Frauen und Männer hier über die Geschichte der deutschen Teilung zu sehen und zu hören bekamen, schien für sie wie in einer anderen Welt geschehen zu sein. „Das ist für unsere Begriffe unvorstellbar“, sagte ein Senior, nachdem Museumsführer Professor Hans Köpp im Mühlenturm des Museums ein detailgetreues Modell der einstigen Grenzsicherungsanlagen der DDR erläutert hatte. „Ihr wart ja in der DDR richtig eingesperrt.“ Und nicht nur dieses perfide System der Grenzsperranlagen zwischen den damaligen beiden Machtblöcken, der hier die Menschen im Eichsfeld getrennt hatte, war für die Schweizer schwer zu verstehen, sondern auch die vorangegangene Geschichte.

Konkret war dies schon allein der Umstand, dass das gesamte Eichsfeld lange Zeit externer Bestandteil des Kirchenstaates zu Mainz gewesen war, dann im 16. Jahrhundert wie das Umland evangelisch wurde, im Zuge der Gegenreformation zum Katholizismus zurückkehrte und sich seitdem immer von den umgebenden Regionen spürbar unterschied.

Bei der 26-köpfigen Gruppe handelte es sich um engagierte Mitglieder des Kirchenkreises Selzach-Lommeswil, der zur Reformierten Kirchgemeinde Solothurn gehört. Schon lange hatte in der Gemeinde der Wunsch bestanden, die Region in Deutschland kennenzulernen, aus der ihr Pfarrer Otfried Pappe stammt.

Er war vor einigen Jahren von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, aus dem Pfarramt Erfurt-Bindersleben, zu ihrer Reformierten Kirche gewechselt, zusammen mit seiner Frau.

Hauptziel der Gemeindefahrt war Erfurt, wo im Augustinerkloster Quartier bezogen wurde und es schon mal viele Informationen über die von Martin Luther vor 500 Jahren ausgelöste Reformation gab. In der Landeshauptstadt besuchten die Schweizer aber zum Beispiel auch den katholischen Dom und die Citadelle auf dem Petersberg und lernten die Geschichte des einstigen jüdischen Erfurt kennen, mit Besuch der Alten Synagoge und der Mikwe gegenüber der Krämerbrücke. Und sie besuchten die Gedenkstätte Andreasstraße im einstigen Stasi-Gefängnis, in dem das SED-Regime aufsässige Bürger eingesperrt hatte und solche, die versucht hatten, in den Westen zu fliehen.

Im Grenzlandmuseum Eichsfeld brachte es die Aufteilung in zwei Gruppen mit sich, dass den Besuchern zwei Varianten der erlebten deutschen Teilung vermittelt wurden.

Denn ein Museumsführer stammte aus dem thüringischen, also einstigen DDR-Teil des Eichsfeldes, und schilderte beim Museumsrundgang neben der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte mit zunächst vier Besatzungszonen auch persönliche Erinnerungen.

Der andere war der emeritierte Göttinger Naturschutz-Professor Hans Köpp. Er hatte sich schon Jahre vor dem Mauerfall mit den Landschaftsräumen entlang der Grenze beschäftigt, vom Westen aus. Anfang 1990 durfte er mit vier Studenten den Status quo der Landschaftsstrukturen im Grenzstreifen auf der DDR-Seite dokumentieren, der gewiss nicht so bleiben würde – das war ihm damals schon klar. In dem Robur-Kleinlaster, der jetzt zum Museumsbestand gehört, fuhren sie 60 Kilometer des Grenzstreifens ab, vom Kreis Nordhausen bis zum Dreiländereck bei Hohengandern. Jeder Student hatte für eine gemeinsame Diplomarbeit 15 Kilometer zu dokumentieren. Als sie am Startpunkt angelangt waren, sagte der verantwortliche Hauptmann der DDR-Grenztruppen zu dem Naturschutz-Experten Köpp, der im Westen einst zu den ersten Wehrpflichtigen der Bundeswehr gehört hatte: „Herr Professor, jetzt übernehmen Sie das Kommando.“ Bei ihrer Exkursion mussten die Studenten äußerst vorsichtig sein, da die Minen noch nicht geräumt waren.

Köpp arbeitete dann auch mit Heinz Sielmann (der 1988 den Film „Tiere im Schatten der Grenze“ gedreht hatte) zusammen, der sich in seinem Einsatz für die Unterschutzstellung des gesamten Grenzstreifens als „Grünes Band“ mehr um die Tiere kümmerte, und gehört bis heute dem Beirat der Heinz-Sielmann-Stiftung an.

Pfarrer Otfried Pappe steuerte mit seiner Reisegruppe am Tag der Eichsfeld-Visite unter dem Motto „Zeitgeschichte und Genuss“ auf der Rückfahrt nach Erfurt noch ein Weingut in Nebra an, in dem die Schweizer, allesamt Weinexperten, Saale-Unstrut-Weine verkosteten.

Auch ein Besuch in seinem einstigen Wirkungsbereich in Bindersleben und Umgebung durfte nicht fehlen – und ein Abstecher nach Weimar mit der Anna-Amalia-Bibliothek.

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