Vortrag über einen streitbaren Denker

Ilmenau  Michael Weichenhan präsentiert in Ilmenau Goethe als „wahnsinnig begabten Dilletanten“, der von der Natur das ganze Wesen erfassen wollte

Michael Weichenhan aus Gotha hielt einen sehr gut strukturierten Vortrag und beantwortet Fragen aus dem Publikum.

Foto: Karl-Heinz Veit

Das war am Mittwochabend im Salon des Goethe-Stadt-Museums ein ganz besonderer, höchst anspruchsvoller, sehr gut strukturierter und von einer komplexen Sichtweise auf Goethe ausgerichteter Vortrag, den der Gothaer Wissenschaftshistoriker Michael Weichenhan hielt. Die Stühle im Salon reichten nicht aus, um das etwa halbe hundert interessierte Zuhörer zu platzieren, zumal auch eine Anzahl Stützerbacher Goethefreunde gekommen war.

Martin Strauch, stellvertretender Vorsitzender der Goethegesellschaft Ilmenau Stützerbach und unermüdlicher Scout, wenn es um das Finden guter Referenten zur Goethethematik geht, hatte mit Michael Weichenhan den Referenten gewinnen können, der zu „Ilmenau und Goethe“ richtig gut passt. Dies vor allem deshalb, weil er das Vortragsthema „Goethes Farbenlehre“ aufgriff, welches im Goethejahr 1999 hier in der Stadt mit einer Ausstellung ausführlich gewürdigt wurde. Dietrich Gall, vom Fachgebiet Lichttechnik der Technischen Universität Ilmenau, war ihr Schöpfer und Gestalter. Wolfgang Müller, langjähriger Vorsitzender der Goethegesellschaft und bis heute unermüdlicher Förderer all dessen, was Ilmenau und Stützerbach als bedeutende Goethe- Orte bekannt macht, erinnerte im Frage-Teil nach dem Vortrag daran.

Über die speziellen Inhalte der Farbenlehre Goethes sprach Weichenhan nicht. Er fasste die Thematik weiter und startete den geglückten Versuch, Goethe als streitbaren Denker zu zeigen, der sich mit Natur und Wissenschaft beschäftigt und sich des ganzheitlichen Prinzips der Weltbetrachtung, wie der ganzheitlichen Sicht auf den Menschen als Individuum verschrieben hatte. Auf der Suche nach den Grundprinzipien, wie Natur und Entwicklung – er spricht von Metamorphose – sich zeigt und aufzufassen sei, legte sich Goethe mit zeitgenössischen Wissenschaftlern wie Carl von Linné und Isaac Newton an. Goethe wandte sich im Streit mit Newton auch gegen eine „Mathematisierung“ der Naturbetrachtung . Er hielt Methoden und Forschungsresultate von Wissenschaftlern seiner Zeit für unzureichend, da sie seiner Meinung nach nicht das Wesen der Erscheinungen erfassen und bloßlegen können, sondern in der Kombination von zerstückelten Einzelheiten verharren.

„Wichtig waren für Goethe beim Betrachten von Pflanzen und physikalischen Prozesserscheinungen die Übergänge, der Wandel und die Veränderung, nicht aber die Einteilung in klar abgrenzbare und quantifizierbare Einheiten“, betonte Weichenhan und belegte diese Aussage.

„Goethe war ein wahnsinnig begabter Dilettant, den Details der Forschung nicht sonderlich interessierten“, resümierte Weichenhan. Für Goethe galt nur die Natur, die, wie er sagte, „mit sich selbst spricht und zu uns in tausenden Erscheinungen“.

Ilmenaus Bedeutung in Goethes Leben als Naturwissenschaftler, wie er sich selbst sah, bestand darin, dass er hier – der Städter aus Frankfurt – seine Beobachtungen in der „Anschauung der Natur“, wie kaum anderswo, machen konnte.

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