Das Kreuz mit der Hand

Marco Alles über das aktuell größte Ärgernis im Fußball.

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Es mutet geradezu grotesk an. Ein Sport, der mit den Füßen praktiziert wird, erfährt derzeit die größte Aufmerksamkeit durch Aktionen mit den Händen. Weder gefühlvolle Pässe noch spektakuläre Dribblings oder herrliche Tore befeuern die Debatten an den Stammtischen und in den Expertenrunden. Längst ist der Handelfmeter zum Unwort der Jahres geworden. Und das Fatale daran: Niemand blickt mehr durch, welcher Pfiff ei­gentlich gerechtfertigt ist und welcher nicht. Es herrscht Anarchie im gelobten Fußball-Land. Und die Schiedsrichter wirken in dem ganzen Chaos genauso verloren wie die Spieler, Trainer und Zuschauer.

Würde man aktuell eine Umfrage machen, wann ein Handspiel geahndet werden müsse, würde man wohl Dutzende unterschiedliche Antworten erhalten. Oder ratloses Schulterzucken. Binnen weniger Monate haben es die Regelhüter geschafft, die gesamte Branche zu verunsichern. Allen voran die Unparteiischen, die sich nach jedem Wochenende wie auf der Anklagebank fühlen müssen. Millionen Zeugen attestieren ihnen Unfähigkeit und Willkür – und prügeln verbal auf sie ein. In den jüngsten Fällen von Herthas Rekik und Bayerns Boateng zu Recht; aber nicht selten auch zu Unrecht. Weil Unsinn nicht umsetzbar ist.

Freiburgs Trainer Christian Streich, ein Mann, der uns oftmals wie kein anderer aus der Seele spricht, forderte ein Umdenken. Ein Handspiel im Strafraum solle nur dann geahndet werden, wenn eine klare Torchance vermieden wird oder einer die Hand dort hat, wo sie nicht hingehört. Aber genau diese Definition entzweit die Theoretiker hinter den Schreibtischen und die Praktiker am Ball. Wo gehört die Hand hin? Früher hieß es: Geht die Hand zum Ball, ist es Elfmeter. Es wurde die Absicht zugrunde gelegt — und sowohl die Entfernung als auch die (aktive) Bewegung zum Spielgerät als Kriterium herangezogen.

Diese Handhabung schloss Fehlentscheidungen gewiss nicht aus und sorgte auch für allerlei Diskussionen. Im Vergleich zu den hitzigen Gefechten, die heute geführt werden, glichen diese aber einem Bewerfen mit Wattebällchen. Doch diese undurchsichtige Suppe haben sich die Funktionäre selbst eingebrockt. Der Fußball lebt seit jeher von seiner Einfachheit, von verständlichen Regeln, von einer klaren Linie. Je komplizierter er gemacht wird, desto mehr verliert er von seinem Wesen. Wenn der Prozentsatz der vergrößerten Körperfläche und der Winkel der Arm-Abspreizung die Variablen sind, die in die Elfmeter-Gleichung einfließen, tötet dies die Seele des Spiels.

Zum Fußball gehören Zweikämpfe; und diese kann man nun mal nicht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen oder unter den Achseln versteckten Händen führen. Es geht darum, das Gleichgewicht zu halten oder Schwung für die Luftduelle zu holen. Dass mittlerweile zarteste Berührungen mit der Fingerkuppe ausreichen, um nervöse Zuckungen bei den Spielleitern hervorzurufen, haben wir auch dem ominösen Kölner Keller zu verdanken. Dass dort jede Szene seziert und selbst die harmloseste Situation sanktioniert wird, mag die Pedanten befriedigen. Für Fußballer ist es nur noch lächerlich und nervig. Sie verlieren den Spaß. Und wer keinen Spaß an einer Sache mehr hat, wird sich irgendwann abwenden.

Es ist ja nicht nur das latente Gefühl der Verunsicherung, das sich in den Bundesliga-Stadien eingenistet hat. Auch die Zahlen belegen dringenden Handlungsbedarf: 30 Handelfmeter wurden in dieser Saison bereits verhängt. Das sind fast einer pro Spieltag. Durchschnittlich waren es in 56 Jahren Bundesliga bislang 11,7 Strafstöße wegen Handspiels. Es gab sogar Jahre mit gerade einmal fünf oder sechs Handelfern insgesamt. Eine Anzahl, die heute mitunter an einem Wochenende erreicht wird.

Auch die Amateur-Sportplätze bleiben von dieser ungesunden Entwicklung nicht verschont, weil die Schiedsrichter dort natürlich auch Fernsehen gucken und sich vom Pfeifverhalten in der Bundesliga beeinflussen lassen. Neulich bei einem Landesklasse-Spiel vor den Toren Erfurts: Da dreht ein Abwehrspieler an der Strafraumkante dem Schützen den Rücken zu, um den Ball aus einem Meter Entfernung zu blocken. Er bekommt den Ball an die Hand, ohne ihn überhaupt gesehen oder seinen Arm bewegt zu haben. Der Elfmeterpfiff sorgte für ungläubiges Staunen auf der einen und blankes Entsetzen auf der anderen Seite.

Und der Unglücksrabe verstand die Fußball-Welt nicht mehr. Wie ihm geht es momentan vielen. Zu vielen.

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