Halbzeit: Hamburg, keine Perle

Axel Eger über einen Verein, der zeigt, dass es immer noch schlimmer geht.

Axel Eger

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Foto: Andreas Wetzel / TA

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Wäre der Hamburger SV ein Patient, die Diagnose wäre fatal. Borderline! Jenes Syndrom, das sich widerspiegelt in Stimmungswechseln, gestörtem Selbstbild, teils tiefer Abneigung ge­gen sich selbst. Anders ist das selbstzerstörerische Tun in der blau-weißen Kluft nicht zu erklären.

Die Daten sind alarmierend. Neun Punkte haben sie in dieser Saison allein in der Nachspielzeit vergeigt. Neunmal eine Führung verspielt. 46 Saison-Gegentore kassiert, davon allein 16 in den letzten sieben Spielen. Wären alle Partien nach 90 Minuten abgepfiffen worden, Hamburg wäre aufgestiegen. Direkt. Doch so?

So ist der HSV nur noch eine wertlose Hülle. Ein Verein mit einem schönen Stadion in einer noch schöneren Stadt, doch im Inneren ausgebrannt. Ein klangvoller Name der old economy, den man mögen möchte, dessen Kurs aber nichts hergibt. Ein Verein, der nichts mehr auf die Reihe kriegt.

Nicht einmal ein Remis gegen die Niemandsländer aus Sandhausen. Ein Ort, kaum größer als Blankenese. Seit Montag sind dort Dennis-Diekmeier-Shirts der Renner, Rückenbeflockung gratis. Als Reverenz an den Schützen, der – einst in Hamburg unter Vertrag – für Sandhausen zum finalen 5:1 traf. Zuvor hatte Diekmeier in 300 Spielen ein einziges Tor erzielt. Gegen Hamburg netzt auch er ein. Schalke, Bremen – wer denkt, es gehe nicht schlimmer, den belehrt der HSV eines Besseren.

Aufarbeitung, klar. Die Frage ist, wo anfangen? 25 Trainer gaben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Klinke in die Hand. Ihre durchschnittliche Amtszeit: neun Monate. So gesehen wäre Dieter Hecking überfällig. Doch in Hamburg hilft ja nicht einmal das sonst so probate Branchenmittel.

Natürlich, auch andernorts leiden Traditionsvereine. Nürnberg, neunfacher Meister, kämpft in der Zweitliga-Relegation gegen den Abstieg. Kaiserslautern, noch in den Neunzigern zweimal Meister und Pokalsieger, steckt in den Niederungen von Liga drei. Doch bei keinem ist die Diskrepanz so groß. Weil Hamburg eben diesen besonderen Klang hat. Hier gehen die Großen vor Anker. Eigentlich.

Rätselhaft, dass diese neben Berlin einzige deutsche Stadt von globaler Bekanntheit es nicht schafft, ein nachhaltiger Standortfaktor für guten Fußball zu sein. Und auch nicht ihr Verein, dessen Name auf ewig mit Uwe Seeler verbunden bleibt. Wo Günter Netzer Manager war und Jimmy Hartwig Publikumsliebling. Und dem sogar der Kaiser die Aufwartung machte, bevor er noch einmal in den Kosmos von New York entschwand.

Wenn ich weit, weit weg bin, ob bei Juve oder Rom, dann denk ich an Hamburg, meine Perle, und singe home sweet home. Das trug Lotto King Karl immer zu den Heimspielen vor. Zu Saisonbeginn haben sie den Auftritt abgeschafft wie im Jahr zuvor die berühmte Stadionuhr. Weil die Zeit längst anders tickt. Die Liedzeile beschreibt das Dilemma. Hamburg reist nach Heidenheim, träumt aber noch immer von Turin, gegen das sie 1983 den Europacup der Landesmeister gewonnen haben. Heute verlieren sie gegen Sandhausen.

Gelöst haben sie ihre Not auch ohne Lied nicht. Nur weil es keiner singt, ist die Illusion nicht aus den Köpfen. Es fällt ja auch schwer. Wer braucht Paderborn gegen Bayern, wenn er Bayern gegen Hamburg haben könnte. Fußball lebt auch von Erinnerung. Und für das Gedächtnis dieses Sports hat der HSV bedeutendere Kapitel geschrieben als Augsburg, Paderborn und Sandhausen zusammen.

Auch Kevin Keegan singt nicht mehr. Selbst der spielte mal beim HSV. Ende der Siebziger, als der singende Fußballer zum guten Ton des schlechten Geschmacks gehörte, schrieb ihm Chris Norman einen kleinen Hit. Head over Heels, Hals über Kopf. Die deutsche Version sang Chris Roberts, der Keegan vor allem frisurtechnisch nahe stand. Du bist anders als and’re, geht die Refrainzeile. Und weiter: Du träumst deine Träume/mit dir ganz allein/und du fühlst dich von allen ausgelacht.

Auch wenn der HSV nicht mal mehr zum One-Hit-Wonder taugt – vielleicht finden sie in ihrem üppigen Kader jemanden, der die hellseherischen Zeilen in die Gegenwart holt und – Selbstironie als Schocktherapie – vor den Spielen anstimmt. Die Ansprüche sind ja wirklich ganz bescheiden. Er müsste nur ein klein bisschen singen können. Keine Angst, von Fußballspielen ist hier nicht die Rede.

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