Halbzeit: Wie ein 13-Jähriger Thomas Müller beim Wort nahm

Marco Alles über den Fair-Play-Gedanken.

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Thomas Müller redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das finden wir erfrischend, weil er sich damit abhebt von den gleichgeschalteten Fußball-Kollegen mit ihren vorhersehbaren Antworten und den immer wiederkehrenden Phrasen. Doch manchmal vergaloppiert sich der Pferdenarr aus München. Mitte April schimpfte er nach dem 4:1 gegen Düsseldorf über die Strafstoßentscheidung für den Gegner: „Das würde ich als Stürmer nicht als Elfmeter haben wollen. Wenn ich den bei uns bekomme, dann schiebe ich ihn absichtlich daneben.“

Worte, die ihm ein paar Tage später um die Ohren flogen, als seine Bayern durch einen unberechtigten Elfer in Bremen das Pokalfinale erreicht hatten. Die Sache mit den Fairplay ist offenbar nicht ganz so einfach, wenn es einen selbst betrifft.

Noch stärker am Pranger stand der Jenaer Sören Eismann, als er im September 2017 im Heimspiel gegen Meppen ein umstrittenes Tor erzielt hatte. Sein Mitspieler Julian Günther-Schmidt war verletzt liegengeblieben; die Gäste stellten das Spielen aus Sorge ein. Eismann dankte es ihnen auf seine Art; zwar regelkonform, aber dennoch höchst unfair.

Siegen also um jeden Preis? Der renommierte Sportsoziologe Gunter A. Pilz sieht diese Einstellung fest verankert und vermutet deren Wurzeln in der Nachwuchs-Ausbildung: „Anstatt Fairness zu lernen, wird Jugendlichen in den Vereinen gerade das Gegenteil vermittelt. Das plakative Einklagen von Fairplay, die Erziehung zur Fairness fruchten wenig, solange der Erfolgsdruck nicht gemindert wird.“

Zudem scheint der Sport nur eine Projektionsfläche für die Entwicklung in der Gesellschaft. So lange es uncool ist, sich die Hände zu reichen, und stattdessen die Ellenbogen ausgefahren werden, brauchen wir uns nicht zu wundern. Die einstige Forderung von Altstar Paul Breitner, in der Jugend gezielt das Foulspiel zu lehren, hat nichts an Aktualität verloren. Ein Thüringer Nachwuchs-Trainer meinte unlängst ganz offen: „Der Fairplay-Pokal kann mir gestohlen bleiben. Ich will Meister werden.“

Zum Glück gibt es jedoch auch andere Beispiele; jene, die sich nicht ausschließlich am Ergebnis messen lassen wollen – und die dadurch umso stärker im Gedächtnis bleiben. Ein 13-jähriger Kirgise gehört dazu. Er nahm Müller praktisch beim Wort. Im März gegen Istanbulspor war der Galatasaray-Kapitän Beknaz Almazbekov ohne gegnerische Einwirkung zu Fall gekommen und hatte den unberechtigten Elfmeter absichtlich am Tor vorbeigeschossen. Eine Aktion, die weltweit Anerkennung hervorrief.

Mit einer starken Fair-Play-Geste wartete auch der BSC Acosta im niedersächsischen Nachwuchsfußball auf: Weil die C-Junioren ihres ärgsten Titelrivalen VfB Peine auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel einen schweren Bus-Unfall mit mehreren Verletzten hatten, bat der BSC Peines letzte vier Gegner, nicht mehr anzutreten – um dem bis zum Unglück führenden VfB damit die Meisterschaft zu ermöglichen. Gesagt, getan.

John Hohmann kämpfte mit Kali Werra Tiefenort indes gegen den Abstieg. Das hielt den Stürmer trotzdem nicht davon ab, den Schiedsrichter nach dessen Elfmeterpfiff zu korrigieren. Der gegnerische Torwart hätte nicht ihn, sondern klar den Ball getroffen. So einfach, so ehrlich. Hohmann bekam dafür im vergangenen Jahr die Fairplay-Medaille des DFB.

Dass solch ein Verhalten nicht nur bei den Amateuren möglich ist, bewies kürzlich Marcelo Bielsa mitten in der heißen Endphase der Meisterschaft. Der Trainer von Englands Zweitligist Leeds United hatte angeordnet, Aston Villa ohne Gegenwehr das 1:1 schießen zu lassen, nachdem sein Team zuvor einen benommen am Boden liegenden Villa-Spieler übersehen und die Führung erzielt hatte. Ein Einzelfall? Sportsoziologe Pilz hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Das Fairplay ist der Kitt, der den Sport als Sport bleiben lässt und verhindert, dass es im Prinzip in einen nackten Existenzkampf ausartet, wie das übrigens bei den Olympischen Spielen in der Antike der Fall war.“

Als Lebensretter engagierte sich vor einem Jahr der Jenaer Manfred Starke. Für eine Stammzellenspende verzichtete er auf das Landespokalfinale gegen Wismut Gera und sagte: „Es gibt wichtigere Dinge als Fußball.“

Manchmal braucht es nicht viele Worte.

Kennen Sie Beispiele für besonders faires Verhalten im Sport? Dann schreiben sie uns per E-Mail: sport@.de

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