Leitartikel: Mohrings toter Gaul

Erst die Person, dann die Partei, dann das Land: Martin Debes über das strategische Totalversagen des Thüringer CDU-Vorsitzenden Mike Mohring.

Angeschlagen: CDU-Landeschef Mike Mohring auf dem Weg in die Fraktionssitzung am Mittwoch. Im Hintergrund Generalsekretär Raymond Walk.

Angeschlagen: CDU-Landeschef Mike Mohring auf dem Weg in die Fraktionssitzung am Mittwoch. Im Hintergrund Generalsekretär Raymond Walk.

Foto: Sascha Fromm

Nach dem Wahlabend, an dem die CDU zur drittstärksten Partei in Thüringen geschrumpft war, fasste der gescheiterte Landesvorsitzende offenbar einen Plan. Er wollte dem Wahlgewinner Bodo Ramelow den Vortritt lassen, eine Regierung zu bilden: Seine Partei sei gesprächsbereit, „ohne was auszuschließen“.

Bernhard Vogel assistierte. Der Mann, der vor 20 Jahren die Landespartei zur absoluten Mehrheit geführt hatte, wiederholte sein Mantra: Erst das Land, dann die Partei, dann die Person. Der linke Ministerpräsident habe den Regierungsauftrag – und die CDU werde das Richtige tun.

Im Unterschied zu Mohring präzisierte Vogel aber klug: Das bedeute ausdrücklich keine Koalition mit der Linken, sondern eher die Bereitschaft, eine linke Regierung zuzulassen.

Radikaler Kurswechsel

Ob der CDU-Landeschef tatsächlich geglaubt hatte, mit Ramelow regieren zu können? Wer weiß. Als ihm seine Partei in Berlin und Erfurt auch aufgrund seiner sträflich unkonkreten Sätze die Gefolgschaft verweigerte, änderte er radikal seinen Kurs: Nun, sagte er, wolle er selbst Ministerpräsident werden, in einem Viererbündnis mit SPD, Grünen und FDP.

Damit sattelte er von einem ungestümen Hengst auf einen toten Gaul um. Weder SPD noch Grüne sind bereit, ernsthaft über eine sogenannte Koalition der Mitte zu reden. Und: Ohne Ja-Stimmen der AfD würde Mohring in diesem Fall nicht Regierungschef, da kann er das Gegenteil behaupten, so lange er will.

Das Ergebnis dieses strategischen Totalversagens: Die ohnehin verunsicherte Partei präsentiert sich öffentlich zerrissen in ein Minilager, das eine Koalition mit der Linken fordert und in ein etwas größeres Lager, das sich zur AfD öffnen will. Das vernünftige, immer noch starke Zentrum der Partei wird übertönt.

Der Politiker Mohring selbst ist stark beschädigt. Es wird immer deutlicher, dass er seinem Mentor Bernhard Vogel eben nicht folgt. Für den CDU-Chef gilt offenbar: Erst die Person, dann die Partei, dann das Land.

Denn das hier ist kein Spiel, als das Mohring Politik nach eigenem Bekunden begreift. Das hier ist bitterer Ernst. Er muss endlich eines akzeptieren: Es geht nicht um ihn. Es geht um die Zukunft Thüringens, und ja, auch um die Akzeptanz der Demokratie, die schon genug gelitten hat.

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