Ärztin in Arnstadt: Mit 85 Jahren noch immer für die Patienten da

Arnstadt.  Die Arnstädter Ärztin Johanna Voigt-Hoffmüller hat ihre eigene Praxis zwar aufgegeben, kümmert sich aber weiter um ihre Patienten.

Dr. Johanna Voigt-Hoffmüller (85) aus Arnstadt ist immer noch für ihre Patienten da.

Dr. Johanna Voigt-Hoffmüller (85) aus Arnstadt ist immer noch für ihre Patienten da.

Foto: Hans-Peter Stadermann

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Wer sie nicht aus ihrer Praxis für Allgemeinmedizin Am Ried 4 kennt, der hat sie garantiert schon ein- oder auch mehrmals mit dem Rad in Arnstadt gesehen. Die 85-jährige Johanna Voigt-Hoffmüller gehört mittlerweile zur Stadt wie das Bachdenkmal auf dem Markt oder der Hopfenbrunnen in der Fußgängerzone.

Praxis geschlossen – aber es geht weiter

Wenn sie durch die Innenstadt radelt, dann wird sie von mindestens jedem zweiten Passanten gegrüßt. Das Rad ist ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel. „Ich verstehe eh nicht, warum es nicht mehr Arnstädter nutzen“, sagt sie. Keine Parkplatzsuche, zumindest in der Innenstadt viel schneller als mit dem Auto unterwegs und dann auch noch gesund – dass alles seien doch Argumente dafür.

Ihre Praxis hat sie Ende Dezember geschlossen. Nicht, weil sie sich zu alt fühlt, sondern aus zwei anderen Gründen. Zum einen geht ihre langjährige Schwester Evelyn Schweinsberger in Rente. „Ohne sie wäre die Praxis seelenlos, wir verstanden uns nach all den Jahren blind, wussten immer sofort, was der andere gerade denkt“, so Voigt-Hoffmüller. Beide sind seit 25 Jahren ein perfekt eingespieltes Team.

Vertrauensverhältnis ist enorm wichtig

Und dann hätte jetzt noch die gesamte Computertechnik für mehrere Tausend Euro erneuert werden müssen und man sich außerdem noch mehr damit beschäftigen müssen. Das aber bedeutet mehr Zeit für die Bürokratie und dadurch weniger Zeit für die Patienten – für Voigt-Hoffmüller kein guter Deal. Auch und vor allem, was die so wichtigen Hausbesuche betrifft, zu denen sie natürlich auch mit dem Rad fährt. Überhaupt: Computer sind nicht Voigt-Hoffmüllers Sache, sie hantiert viel lieber noch mit ihren Karteikarten, auf denen alles Wichtige über ihre Patienten steht. Und das lässt sie sich auch nicht ausreden.

Ans Aufhören denkt die 85-Jährige aber noch lange nicht. Zwar behandelt sie jetzt keine Patienten mehr in ihrer kleinen und fast familiär wirkenden Praxis im Haus ihres Sohnes, aber sie ist nach wie vor für sie da – in der Praxis von Oguljeren Tajiyeva in der Stadtilmer Straße. „Ich mache das aus eigenem Antrieb und weil mir meine oft über Jahrzehnte ans Herz gewachsenen Patienten einfach wichtig sind“, sagt sie. Jeder sei ihr ans Herz gewachsen und das gilt natürlich vor allem für diejenigen, bei denen sie immer noch Hausbesuche macht – das sind immerhin so um die 30.

Dankeskarten der Patienten

Vertrauen zwischen Patient und Hausarzt entwickelt sich nicht nach ein oder zwei Behandlungen, so etwas muss über Jahre wachsen und muss gepflegt werden. Außerdem ist sie nach wie vor mindestens einmal im Monat zum Notdienst in den Ilm-Kreis-Kliniken eingeteilt. „Das gehört eben auch einfach dazu.“

Der Mann von Oguljeren Tajiyeva – ebenfalls Arzt – macht gerade eine weitere Ausbildung zum Allgemeinmediziner, da bot es sich an, Voigt-Hoffmüller zu fragen, ob sie in der Praxis für diese Zeit aushelfen wolle. Und das wollte sie. Ob sie dann noch länger als das geplante Jahr dort für ihre Patienten da ist, das weiß sie jetzt noch nicht. Sie mache das „aus innerem Antrieb und aus Zuneigung zu ihren Patienten.“

Übergang in die verdiente Rente

Diese Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, wie zahllose und von Hand geschriebene Dankeskarten beweisen, die Voigt-Hoffmüller alle bei sich zu Hause sorgsam aufhebt. Und Oguljeren Tajiyeva ist natürlich froh, mit Voigt-Hoffmüller viel mehr als nur eine aushelfende, sondern eine „sehr kompetente Ärztin“ in ihrer Praxis zu haben. Und vielleicht – so sagt sie – ist das ja auch der genau richtige weil langsame Übergang in eine dann doch verdiente Rente der im Mai 86 Jahre jung werdenden Voigt-Hoffmüller.

Sie ist übrigens nicht die einzige Ärztin, die bis ins hohe Alter arbeitet. Laut Kassenärztlicher Vereinigung waren es in Thüringen im letzten Jahr zehn Hausärzte, die noch mit über 80 praktizierten, immerhin 220 hatten ihr 65. Lebensjahr erreicht.

Aktive Rolle im Wendeherbst

Ihr Staatsexamen hat Voigt-Hoffmüller 1958 gemacht, es folgten das praktische Jahr in Mühlhausen und in Arnstadt und – ebenfalls in Arnstadt – die Facharztausbildung. Seit 1965 war sie dann Fachärztin für Allgemeinmedizin in der Poliklinik. Das ging bis zur Wende, seitdem ist sie niedergelassene Ärztin, erst in der Bärwinkelstraße und ab 1993 Am Ried. Waren es zu ihren Anfangszeiten noch rund 1000 Patienten, die sie betreute, so sind es heute immer noch 700, die ihr vertrauen.

Johanna Voigt-Hoffmüller ist aber nicht nur als Ärztin eine Institution in Arnstadt. Sie prägte auch maßgeblich die Wende im Herbst 1989 in der Stadt mit, war Mitbegründerin des Neuen Forums und später Kreistagsmitglied. Noch gut erinnert sie sich an das Flugblatt mit einem Gedicht von Günther Sattler, der es vor nunmehr über 30 Jahren heimlich druckte und in der Stadt verteilte. Daraufhin rief der damals 25-Jährige zu einer Demonstration am 30. September 1989 auf.

Misstrauen der Stasi

Es war die erste Wende-Demo, die damals in der Region stattfand. Weit über 100 Menschen nahmen an ihr teil. Das erforderte damals Mut. In kirchlichen Kreisen sei zwar schon Jahre davor über Veränderungen diskutiert worden, im Wendeherbst wusste aber niemand, wie die damalige Staatsgewalt auf eine solche Demonstration reagieren würde. Die nächste Demo am 7. Oktober wurde dann auch durch die Volkspolizei brutal aufgelöst.

Durch die Stasi wurde Voigt-Hoffmüller schon Jahre vorher als umwelt-, friedens- und glaubensbewegt misstrauisch beäugt, wie eine dicke Akte beweist. Die Erinnerungen an diese Zeit und an den Kampf um heute so selbstverständliche Dinge, wie die Meinungs- und die Reisefreiheit, möchte sie auf keinen Fall missen. Genau so wenig wir ihr bis heute andauerndes Berufsleben.

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