Über 30 Jahre hat Erika Fleischer als Chefsekretärin für die Thüringischen Landeszeitung (TLZ) gearbeitet. Sabine Brandt hat sie zum 70. Jubiläum des TLZ im Jahr 2015 getroffen und mit ihr über die Erinnerungen gesprochen.

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Als Erika Fleischer Silvester 1991 nach 32 Jahren Arbeit für die Thüringische Landeszeitung in den Ruhestand ging, verabschiedete sich der Chefredakteur von seiner Chefsekretärin mit einem hinreißenden Schreiben. Damals – das muss man heute all jenen Leuten erklären, die nicht in der DDR sozialisiert wurden – war es ungewöhnlich, dass Chefs und Sekretärinnen einander dutzen.

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Hans-Dieter Woithon, Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung von 1965 bis 1992, verglich seine jahrzehntelange Teamarbeit mit Erika Fleischer mit einer Ehe; „einer guten, ja sogar prächtigen. Ohne Dich, das gestehe ich unumwunden, wäre ich als Chefredakteur nur die Hälfte wert gewesen.“

Bis heute hält Erika Fleischer der TLZ die Treue, die ihrem Fall weit über das bloße Abonnement hinaus geht. In einem schon etwas älteren Zeitungsspanner sammelt sie sämtliche Ausschnitte von Themen, die ihr am Herzen liegen. Mit Abstand den größten Raum nimmt hier die Weimarer Kultur ein. Sie hat fast jeden zweiten „Treffpunkt“ aus dem Kulturstadtjahr 1999 aufgehoben.

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Zehn Mark pro Sonntag

Erika Fleischer hat einen Beruf erlernt, den es heute in der Form gar nicht mehr gibt: Bei Carl Zeiss Jena ließ sie sich zur Stenotypistin ausbilden. Steno, die Kurzschrift, zu beherrschen, um Diktate schnell zu erfassen und anschließend mit der Maschine ins Reine zu tippen, zählte bis vor einigen Jahren zu den grundlegenden Fertigkeiten, die eine Sekretärin drauf haben musste.

„Dass die Landeszeitung Leute sucht, las ich damals in einer Anzeige.“ Als sie 1960 anfing, schob Erika Fleischer ausschließlich Sonntagsdienste. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, hört sich das entspannt an. Seinerzeit aber waren Sonntage Großkampftage für Schreibkräfte: Sämtliche Sportreporter aus ganz Thüringen gaben ihre Spielberichte per Telefon durch – mehr oder weniger alle zur gleichen Zeit.

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Die Dialoge kann Erika Fleischer bis heute auswendig vorbeten: „Hier ist Klaus Fritschler aus Nordhausen – Ja, Klaus, was haben wir denn? – Nordhausen gegen Blankenfelde: drei zu eins …“ Die Männer telefonierten, die Frauen stenografierten. Aus der Kurzschrift wurden Texte, auf die ein Kurier wartet, der spätestens um 20 Uhr in Richtung Druckerei aufbrechen musste.

Zehn Mark gab es für jeden Sonntag in der Weimarer Marienstraße 14. Damals war das viel Geld. „Ich hatte einen guten Mann, der zu der Zeit auf unsere kleine Tochter aufpasste, wenn ich sonntags arbeiten musste.“ Und weil Erika Fleischers Mann so ein verständnisvoller Partner war, war ihm offenbar auch schnell klar geworden, dass seine Frau Lust hatte, für die Landeszeitung mehr als nur Sonntagsdienste zu schieben.

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Damals, in den frühen Sechzigerjahren, war Willi Glotz Chefredakteur der TLZ. Erika Fleischer erinnert sich an einen Mann, nicht viel größer als sie selbst. Beim Vorstellungsgespräch ließ er sie Platz nehmen in einem tiefen Ledersessel, aus dem sie aufblicken musste zu ihm. Sehr behutsam habe Chefredakteur Glotz seinen Wunsch an sie herangetragen: „Wenn Sie es ermöglichen könnten, wäre es schön, wenn Sie in Vollzeit bei uns anfingen zu arbeiten.“ Wer konnte da schon nein sagen.

Wer einem eingeschworenen Kollegium über so viele Jahre angehört wie Erika Fleischer, der fühlt sich dem Unternehmen aufs Engste verbunden. Derart feste Bande sind heute selten geworden, da die Personaler weltweit viel Wert legen auf eine möglichst lange Liste an Einsatzorten in der Vita.

Bei Erika Fleischer kommt die Betriebstreue noch zum Tragen: „Ich bin ein alter TLZler“, sagt sie beim Kaffeeausschenken. Der Satz klingt stolz und unanfechtbar. In ihrer Generation war Zusammenhalt unter Kollegen Teil des sozialen Gefüges. Man feierte miteinander, man beschenkte einander.

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Lausen in den Pausen

So gab es in den Siebzigerjahren auch eine Handvoll TLZ-Redakteure, die sich in jeder Mittagspause zusammensetzten, um Karten zu spielen. Daran beteiligt waren die Ressorts Sport, Politik, Kultur und Wirtschaft. Das Spiel hieß Graue Laus und erreichte Legendenstatus, als seine Anhänger eines schönen Tages statt der Thüringischen Landeszeitungen die Thüringische Lausezeitung erschienen ließen – die handgemachte Nullnummer überreichten die „grauen Läuse“ ihrer Chefsekretärin an deren Geburtstag als Geschenk.

Erika Fleischer ist jetzt 84. Als sie in Rente ging, fing das Computerzeitalter in den Büros gerade erst an. Aber auch nach ihrem Ausstieg aus dem aktiven Berufsleben ist die Zeit für die frühere Chefsekretärin der TLZ nicht stehen geblieben. Schon vor vielen Jahren hat Erika Fleischer sich einen Computer zugelegt, inzwischen auch einen Laptop.

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Nach wie vor ist sie ganz dicht dran an der aktuellen Nachrichtenlage. Aber die Welt, wie sie heute, mit all ihren Konflikten und Flüchtlingsströmen, bereitet ihre Kummer: „Wofür“, fragt sie sich, „hat die Menschheit denn einen Uno-Sicherheitsrat gegründet?“ Erika Fleischer schlägt die TLZ zu – und muss erst mal durchatmen.