Gerlinde Sommer hat im Rahmen des 70. Jubiläums der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) über die Nachkriegszeit in Thüringen und den ehemaligen LDP-Politiker Waldemar Koch geschrieben und wie sein Rücktritt der TLZ neue Möglichkeiten eröffnete.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Sommer 1945: Die Zerstörungen des eben beendeten Krieges sind überall offenbar. Es fehlt nicht nur an Unterkünften für die Ausgebombten und die Flüchtlinge, die nach Thüringen strömen. Die Industrie kann kaum produzieren. Auf den Feldern wächst wenig, die Ernte fällt mager aus. Es fehlt an funktionierenden Produktionsanlagen, zum Teil an Fachkräften, aber vor allem auch an Rohstoffen. Und unter der schwierigen Lage leiden nicht nur jene, die den Krieg verloren und die von den Alliierten befreit wurden.

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„Frankreichs Ernährungslage schwierig“, das ist die Überschrift in der rechten Spalte ganz unten in der ersten Ausgabe der „Thüringischen Landeszeitung“ vom 24. September 1945. Ähnliches hätte sich auch aus England berichten lassen. Unter den Kriegs- und Nachkriegsfolgen litt fast ganz Europa. Ganz oben links steht an jenem 24. September 1945: „Der Prozeß gegen Naziverbrecher beginnt“. Und mit diesen beiden kurzen Berichten ist die Situation und das Spannungsfeld Ende September 1945 bereits gut umrissen.

Noch lange nicht wird auf juristischem, wirtschaftlichen und moralischem Gebiet aufgearbeitet oder gar überwunden sein, was wenige Monate zuvor in Thüringen am auffälligsten auf dem Ettersberg ein Ende fand: die Schreckensherrschaft der Nazis. Sie war umso schrecklicher, da so viele Menschen verstrickt waren in all das, was unter Adolf Hitler seit 1933 zu vermeintlichen Normalität geworden war. Viele hatten ihren ganz persönlichen Nutzen gesucht oder doch zumindest geduldet, was da geschah.

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Und viele waren zugleich vor allem zum Ende des Krieges auch zu Leidtragenden geworden, zu Ausgebombten, zu trauernden Angehörigen, zu tief Enttäuschten. Erst waren da die US-Soldaten als Befreier, die Tausende nach Buchenwald zwangen, damit sie dort selbst sehen, riechen und in der Folge auch mitfühlen sollten, was dort geschehen war. Die US-Soldaten waren trotz allem ein Hoffnungsschimmer.

Dann kamen die russischen Soldaten zum 1. Juli 1945 – und immer ist die Rede davon, dass sie in Panjewagen vorfuhren, also selbst arm erschienen. Dass diese Besatzung in die Gründung der DDR 1949 münden würde – und dass, die DDR erst 40 Jahre später ein friedlich-revolutionäres Ende finden würde, war damals, im Sommer 1945, nicht absehbar.

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Im Sommer 1945 gründeten sich die ersten Parteien – so auch die Demokratische Partei, später Liberaldemokratisch, LDP. Und dieser Partei in Thüringen unter dem 1. Landesvorsitzenden Leonhard Moog wird von der „russischen Militär-Administratur ... für die Partei ein Sprachrohr“ zugestanden, wie er in der ersten Ausgabe der „Thüringischen Landeszeitung“ schreibt. Allerdings hat die TLZ zu diesem Zeitpunkt noch keine dauerhafte Lizenz.

Leonhard Moog schreibt in der Erstausgabe am 24. September 1945: „Zum ersten Mal seit zwölf Jahren, nach harten Zeiten der Unterdrückung und der Knechtung der Gewissensfreiheit, nach fast sechsjährigem Krieg, erscheint heute wieder eine demokratische Zeitung in Thüringen.“ Es musste offenbar schnell gehen mit der Herausgabe der ersten Sondernummer: „Über Nacht haben die alten demokratischen Verleger Thüringens und die Schriftleitung dieses Blatt aus dem Nichts geschaffen.“

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Moog weiß, dass in Thüringen die Anhängerschaft Hitlers zahlreich war, wie schon die Wahlergebnisse von der Nazi-Machtübernahme 1933 gezeigt hatten. „Das Erbe der faschistischen Gewaltherrschaft lastet schwer auf dem Thüringer Volk“, so Moog. Das klingt nicht so, als seien alle Thüringer Opfer. „Völlig neue Voraussetzungen für die Wiedergeburt unseres Volkes sind gegeben“, schreibt Moog.

„Um ein freies, geistig und moralisch starkes Volk zu werden, das den Weg in die Gemeinschaft der anderen Völker zurückfindet“, sei es aber in der jetzigen Situation nötig, „alle Anhängsel der verflossenen Epoche“ abzuwerfen und „den harten Weg in die Zukunft mit gutem Willen und gläubigem Herzen“ zu beschreiten.

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Moogs wegweisender Text der Erstausgabe „Thüringischen Landeszeitung“ am 24. September 1945 ist geprägt vom Blick auf das „Elend der Zerfahrenheit der heutigen Zeit“ und dem Willen, „eine bessere Zukunft“ in Freiheit und Demokratie aufzubauen. Doch über die Vorstellung, was Demokratie zu bedeuten habe, sollte es bald Auseinandersetzungen zwischen Liberaldemokraten und sowjetischer Militär-Administratur geben – bis hin zur Verhaftung und Verschleppung des mutigen und freigeistigen Herausgebers Hermann Becker drei Jahre später in Weimar.

Doch zurück in die ersten Julitage 1945: Nach KPD und SPD hatte sich am 9. Juli in Weimar die „Demokratische Partei“ gegründet, die im Dezember 1945 dann zur LDP wurde. „Kernpunkte ihres Programms waren die Bildung einer Volksregierung auf Grundlage, des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts, die Schaffung eines Rechtsstaats sowie die Sicherung des persönlichen Eigentums. Neben Weimar gab es in Thüringen weitere liberale Gründerkreise in Erfurt, Gera, Eisenach, Schmalkalden und Eisenberg, die sich am 29. Juli 1945 in Weimar zum Landesverband Thüringen der Demokratischen Partei zusammengeschlossen“, erklärt Jürgen Louis, der 1996 an der Uni Jena über eine Arbeit zur LDP Thüringen promovierte. Louis ist damit auch ein herausragender Kenner der Anfangszeiten der „Thüringischen Landeszeitung“.

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Die Erstausgabe der TLZ erschien mit Erlaubnis der sowjetischen Militäradministration in Weimar als Organ der Demokratische Partei mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren zunächst als Sondernummer. „Weitere vier Ausgaben konnten im September und Oktober 1945 herausgegeben werden“, so Louis. Es handelt sich um die Erscheinungsdaten 29. September, 4., 8. und 12. Oktober 1945. „Doch fehlte nach wie vor die Genehmigung der Besatzungsmacht für eine regelmäßige Erscheinungsfolge der Zeitung“, so Louis.

Nun kommt es zu einer ersten bitteren Auseinandersetzung – und die Lizenzierung der parteieigenen Tageszeitungen wird zu einem Kompensationsgeschäft zwischen der sowjetischen Militäradministratur in Deutschland (SMAD) in Karlhorst, wie Louis gerausgefunden hat.

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Waldemar Koch, Vorsitzender der „sowjetzonalen LDP“, so Louis, hatte sich ablehnend verhalten, als es darum ging, die Schließung von Privatbanken und die bevorstehende Bodenreform im Sinne der Sowjets positiv zu bewerten. „Die SMAD forderte daher die den Rücktritt Kochs und bot als Gegenleistung die sofortige Erteilung von Lizenzen für parteieigene Tageszeitung in den Ländern an“, so Jürgen Louis. „Waldemar Koch glaubte, diesen Vorteil seiner Partei nicht entziehen zu dürfen, und trat deshalb am 29. November 1945 zurück.“ Sein Nachfolger wurde der einstige Reichsinnenminister Wilhelm Külz, betont Louis. Die Besatzungsmacht hielt ihr Versprechen: Ab Mitte Dezember 1945 konnte die TLZ dreimal wöchentlich mit 50.000 Exemplaren erscheinen.