Bewegende Ehrung für deportierte jüdische Mühlhäuser Bürger

Mühlhausen. Unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit sowie in Anwesenheit von Gästen aus Israel und Uruguay wurden am Samstag zwölf Stolpersteine für deportierte jüdische Mühlhäuser Bürger verlegt. Das Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem vor dem letzten Wohnsitz der Deportierten Tafeln aus Messing ins Gehwegpflaster eingefügt wurden.

Die Stolpersteine für die drei ermordeten Angehörigen und den Überlebenden Sohn Arno der Familie Löbenstein. Foto: R. Schmalzl

Foto: zgt

Gleich zu Beginn der denkwürdigen Aktion kam es vor dem Haus in der Herrenstraße 5 zu bewegenden Szenen. Denn acht Nachfahren der Familie Löbenstein waren aus Israel angereist, um ihrer ermordeten beziehungsweise vertriebenen Familienangehörigen zu gedenken. Frieda und Leopold Löbenstein sowie deren Tochter Elfriede sind von hier aus im Jahre 1942 durch das NS-Regime in die Vernichtungslager Belzyce (Lublin), Izbica und Majdanek deportiert und ermordet worden.

Eine Brücke zu den Vorfahren gebaut

Nur dem Sohn und Bruder Arno Löbenstein gelang 1939 die Flucht nach Palästina. Drei seiner Kinder und fünf Enkel nahmen an der jetzigen Ehrung in Mühlhausen teil. "Wir möchten Gott danken für die Möglichkeit an dem Ort zu sein, wo unsere Familie bis 1942 gelebt hat", sagte Raffi Löbenstein (67). Gleichzeitig dankte er den Familien Schwarzburg und Grabe-Bolz, die ihre Großmutter und Familie vor ihrer Deportierung einst so uneigennützig unterstützt hatten. "Wir sind sehr berührt von der heutigen Ehrung, denn wir kommen aus einer ganz normalen Mühlhäuser Familie."

Arno Löbensteins Enkelin Aya (33) ergänzte unter Tränen: "Wir haben das Gefühl, dass eine Brücke gebaut wurde zu unseren Vorfahren." Amos Löbenstein (59) stimmte dann vor den etwa 80 Teilnehmern der Gedenkaktion in der Herrenstraße auf der Trompete das Lied aus dem Film "Schindlers Liste" an. Bewegende Worte richtete Dietlind Grabe-Bolz aus Gießen an die Nachfahren der Opfer. "Meine Oma Gertrud Schwarzburg ist oft heimlich in das sogenannte Juden-Ghetto in Mühlhausen geschlichen und hat Frieda und Elfriede Löbenstein Lebensmittel und Kleidung gebracht." Nach knapp 60 Jahren hätten sich beide Familie wieder gefunden. Auch durch die Verlegung der Stolpersteine sei man nun in ganz besonderer Weise mit der Familie Löbenstein verbunden, erklärte Dietlind Grabe-Bolz, die aus Mühlhausen stammende Oberbürgermeisterin von Gießen.

Auch vor dem Haus am Steinweg 45 waren viele Menschen zu Tränen gerührt, als Pfarrer Teja Begrich, der Vorsitzende des Arbeitskreises Kirche und Judentum in Thüringen und Mitinitiater der Gedenkaktion, an das Schicksal von Kurt Pinkus (1895 – 1944) und dessen Sohn Manfred (1926 – 1942) erinnerte. Der damals 16-Jährige wurde am 12. Mai 1942 mit weiteren 14

Eindringlicher Appell einer Überlebenden

Mühlhäusern mit dem ersten Deportationszug vertrieben und im KZ Majdanek ermordet. Der Vater wurde 1943 deportiert und 1944 in Auschwitz umgebracht. Während des bewegenden Gedenkens für ihren Vater und Bruder wurde Marlit Schulz-Pinkus (69) von vielen Teilnehmern herzlich umarmt.

Wenig bekannt ist von Johanna Fackenheim (1869 – 1943) und ihrem Sohn Kurt Michael, die in der Erfurter Straße 3 wohnten. Die Mutter wurde in Theresienstadt ermordet und der damals 43-jährige Sohn "in Richtung Osten" deportiert. "Mit diesen Stolpersteinen bleiben ihre Namen hier in der Stadt und wir werden uns der Leerstellen bewusst", so Pfarrer Begrich.

Schließlich tue es seinen Worten nach der Seele gut, dass auch vier Stolpersteine für vier Überlebende des Holocaust gelegt wurden. Nämlich in der Schwanenteichallee 5 für Withold, Hedwig, Fritz und Eva Freudenheim, denen 1938 die Flucht vor dem sich verschärfenden Nazi-Terror gegenüber den Juden in Deutschland nach Montevideo (Uruguay) gelang. "Das alles hier hat keinen Zweck, wenn Ihr nicht aktiv werdet gegen die Machenschaften der NPD", appellierte Eva Weil (geborene Freudenheim) an die Anwesenden.

"Mit den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern hat Mühlhausen eine tragende kulturelle und intellektuelle Säule verloren – bis zum heutigen Tag", sagte Oberbürgermeister Johannes Bruns (SPD) bei einem abschließenden Empfang im Rathaus vor den Ehrengästen.

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